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BUCH DER WOCHE: Franz Kafka als Ghostwriter für eine Puppe

Franz Kafka (1883–1924) hat in seinem letzten Lebensjahr einem kleinen Mädchen in Berlin Briefe geschrieben – im Namen ihrer verlorenen Puppe.
Jürg Amann (Bild: ky)

Jürg Amann (Bild: ky)

Franz Kafka als Ghostwriter für eine Puppe

Franz Kafka (1883–1924) hat in seinem letzten Lebensjahr einem kleinen Mädchen in Berlin Briefe geschrieben – im Namen ihrer verlorenen Puppe. Das erzählt Dora Diamant, die letzte Lebensgefährtin des schon todkranken Dichters, in ihren Erinnerungen. Kafka habe mit «allem Ernst» an diesen Briefen gearbeitet. Aber sie scheinen für immer verloren.

Nur eben verreist

Oder doch nicht? Jürg Amann, der einst über Kafka doktorierte, hat nun überraschend «Die Briefe der Puppe» herausgegeben. Listig schreibt er im Vorwort, über seinen Grossvater, Buchdrucker und Antiquar, und den Vater seien die Briefe an ihn geraten.

Ein heiter-ernstes Spiel spielt da Jürg Amann – er erfindet für Kafka dessen Briefe, die dieser sich seinerseits für die verlorene Puppe ausgedacht hat. Amann greift dabei die von Dora Diamant überlieferte Erklärung Kafkas dem Mädchen gegenüber auf, die Puppe sei nicht wirklich verloren, sondern nur mal eben verreist. Bei Amann trifft sie dann im Zug nach Prag einen freundlichen Herrn «im grauen Anzug und mit einer schwarzen Melone auf dem Kopf»: Franz Kafka! Die Puppe erfährt, der Dichter habe seltsame Geschichten geschrieben – zum Beispiel über einen Käfer, einen Maulwurf oder einen Hungerkünstler.

Besuch bei Hölderlin

Von dem Herrn mit der Melone lässt sich die Puppe dessen Heimatstadt Prag zeigen, fährt dann mit ihm nach Wien. Dort trifft sie im Prater einen kleinen Jungen mit seiner Oma. Mit ihnen gelangt sie nach Zürich. Spöttisch schildert Jürg Amann mit den Worten der Puppe die Schweizer: «Aber die glauben hier ohnehin immer zu wissen, wo Gott wohnt: nämlich bei ihnen. Auf den Gipfeln der Berge.»

Bei Kafka ging die Puppe laut Dora Diamant zur Schule und heiratete schliesslich. Amann löst sich vom Vorbild und lässt die Puppe weit herum kommen. Mit dem verwirrten Hauslehrer Friedrich Hölderlin reist sie nach Bordeaux. Später beschreibt sie den geisteskranken Dichter in seinem Turm am Neckar in Tübingen – verkannt von Goethe und Schiller. Und die geliebte Diotima ist tot. «Er darf seinen Schmerz nicht zeigen, wie er schon seine Liebe nicht zeigen durfte, weil sie die Frau eines anderen gewesen ist. Ist das nicht dumm? Es bricht ihm das Herz. Mir auch. Zum Glück habe ich keines; jedenfalls keines, das brechen kann.»

Es ist dieser fremde Blick in fingierter Naivität, den Amann die Puppe auf die Erwachsenen in all ihrem Ernst des Lebens richten lässt. Er macht den Reiz des kleinen feinen Buches aus.

Weg von den Abgründen

Über Kafka schreibt die Puppe, er habe «viel zu wenig gespielt».

Jürg Amann tut es jetzt. Spielt mit den Dichtern Kafka, Hölderlin oder Büchner, die den Schweizer Autor immer ernsthaft beschäftigt haben.

2010 hatte Amann mit «Die Reise zum Horizont» den berühmten Flugunfall von 1972 in den Anden mit dem Verdammtsein der hungernden Verunglückten zum Kannibalismus verarbeitet. 2011 nahm er sich mit «Der Kommandant» die Autobiographie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss vor. In beiden Büchern lotete Amann letzte Abgründe der Menschenseele aus.

Gut, dass nun die Puppe dran ist.

Heiko Strech

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