BUCH DER BÜCHER: Die Kraft der Bibel

Aus der Not ihrer Zeit geboren, ist die Bibel aktuell bis heute. Zu Weihnachten werfen wir auf vier Seiten Focus einen Blick auf sie.

Rolf App
Drucken
Teilen

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

In seiner Schiffsbibel, die der studierte Pfarrer Charles Darwin auf dem Forschungsschiff «Beagle» benutzte, während er die Ideen zu seiner Evolutionstheorie entwickelte, stand das Datum der Schöpfung der Welt eingetragen. Es war der 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags, an dem Gott Himmel und Erde schuf. Noch war die Erde wüst und leer, aber der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

So beginnt die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose, das Teil ist jenes vielstimmigen Gebildes, das wir heute die Bibel nennen. Und zu dem nicht nur Geistliche viel zu sagen haben, sondern auch Philosophen, Anthropologen und Historiker. Vor allem das Alte Testament spannt einen weiten Bogen – von der Schöpfung bis zum Endpunkt der Weltgeschichte. Das habe es vorher nicht gegeben, sagt in einer der Bibel gewidmeten Sonderausgabe des «Philosophie Magazins» der Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann. Und er stellt fest: «Wir denken Geschichte immer noch weitestgehend als Fortschrittsgeschichte, als Geschichte der Verbesserung der Welt.» Nur liege das Endziel dann nicht mehr im Gottesgericht, das die Guten belohnt, sondern vielleicht in einer perfekten Gesellschaft, wie sie der Sozialismus anstrebe.

Antwort auf tiefgreifende Erschütterungen

Doch so abgehoben sie sich präsentiert, so sehr ist die Bibel ein Kind jener langen Zeitspanne, in der sie entstanden ist. Die Anfänge biblischen Schrifttums reichen dabei bis ins 10. bis 8. Jahrhundert vor Christus zurück, immer wieder kommt es zu Umarbeitungen, wird die Bibel den Bedürfnissen der Zeit angepasst, bis die Kirche im fünften Jahrhundert nach Christus einen verbindlichen Kanon der heiligen Bücher festlegt. Noch heute ist die Bibel den Menschen Stütze in der Not. Doch schon damals war sie die Antwort auf tiefgreifende, ja katastrophale Erschütterungen, wie sie die Sesshaftigkeit der Menschen mit sich brachte.

Diesen Aspekt arbeiten der Anthropologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel in einem anregenden Buch heraus. Für sie ist die Bibel Teil der kulturellen Evolution: Durch die Bibel haben die Menschen jene Regeln sozialen Zusammenlebens erlernt, die sie zuvor, als frei umherstreifende Jäger und Sammler, gar nicht gebraucht haben.

So wird die Bibel zum Spiegel für die Menschen. Und sie ist es noch immer, wie die folgenden Seiten zeigen.

Philosophie Magazin: Die Bibel und die Philosophen. Carel van Schaik/Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit, Rowohlt 2016