Solothurner Literaturtage
Zugpferde unerwünscht: Solothurn setzt auf alte Bekannte und neue Entdeckungen

Die Solothurner Literaturtage verstehen sich 38 Jahre nach der Gründung immer noch als Anlass von Autoren für Autoren. Publikumsmagneten wie Joël Dicker, Martin Suter, Peter Stamm, Rolf Lappert oder Monique Schwitter fehlen. Passt das in die heutige Zeit?

Anne-Sophie Scholl
Drucken
Teilen
Szene-Treff: Schriftsteller Peter Bichsel (mit Zigarette) an den Literaturtagen 1991 im Restaurant Kreuz in Solothurn mit Stephan Portmann, Mitinitiator der Solothurner Filmtage (links).NiKLAUS STAUSS/Keystone

Szene-Treff: Schriftsteller Peter Bichsel (mit Zigarette) an den Literaturtagen 1991 im Restaurant Kreuz in Solothurn mit Stephan Portmann, Mitinitiator der Solothurner Filmtage (links).NiKLAUS STAUSS/Keystone

KEYSTONE

Die Idee entstand 1978. Peter Bichsel, Otto F. Walter, Fritz H. Dinkelmann und Rolf Niederhauser sassen miteinander im Solothurner «Kreuz». Plötzlich kam der Gedanke auf: Wie wäre es, wenn wir für die Literatur etwas Entsprechendes wie die Filmtage auf die Beine stellen würden? Einer in der Runde war allerdings dagegen. Peter Bichsel monierte die «provinzielle Hysterie», die die solothurnischen Beteiligten jeweils erfasste, wenn während der Filmtage die «richtige Welt» nach Solothurn kam. Schreiben sei ein viel einsameres Geschäft als das Filmen. Er fürchtete, dass sich die «einsamen Wölfe Einzelkämpfe liefern würden». Doch erleichtert bilanzierte er 2003 zum 25-Jahr-Jubiläum: «Sie taten es nicht. Die Literaturtage wurden zu einer leisen und stillen Veranstaltung.»

Der literarische Szenen-Treff

Dass es so etwas wie eine Schweizer Literaturszene überhaupt gibt, ist zu einem grossen Teil den Literaturtagen zu verdanken. Idee der Gründer war es, einen Ort zu schaffen, wo sich die Szene treffen, austauschen und einem Publikum vorstellen konnte. Herzstück war dabei die sogenannte Werkschau, eine Auswahl der Texte des zurückliegenden Literaturjahres. Und heute? Reina Gehrig spricht sich dafür aus, «den Gründergedanken in die heutige Zeit zu übersetzen». Sie hat vor drei Jahren interimistisch die Geschäftsführung übernommen und ist dieses Jahr erstmals alleinige Geschäftsführerin der Literaturtage.

In den letzten rund zwanzig Jahren wurde neben den Solothurner Literaturtagen eine Vielzahl weiterer literarischer Anlässe ins Leben gerufen. So gibt es heute in Basel, Zürich, Bern, Luzern und jüngst auch Locarno je ein Literatur- und Lesefest, hinzu kommt der auf die französischsprachige Literatur ausgerichtete Genfer Salon du livre. Die kleine Buchmesse Olten hingegen hat nach zehn Ausgaben soeben das Ende der Aktivitäten bekannt gegeben. Aber auch die Literaturhäuser Zürich (seit 1999), Basel (seit 2000) und Aarau (seit 2004) bieten Lesungen an, das Zürcher Kaufleuten mit der Programmreihe Züri Littéraire (seit 1985) und der L-Reihe (seit 2002) mit internationalen Literaturstars und Buchhandlungen, Bibliotheken sowie andere Kleinveranstalter. Nicht zu vergessen, das Literaturfestival Leukerbad, das letztes Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum feierte.

Gelegenheiten, Autoren an einer Lesung zu hören, gibt es also viele. Darüber freut sich Reina Gehrig: «Lesungen sind zu einer wichtigen Einnahmequelle für Autoren geworden.» Sie stört sich auch nicht daran, dass die meisten grossen Schweizer Autoren wie dieses Jahr etwa Charles Lewinsky, Catalin Dorian Florescu, Franz Hohler oder auch die im letzten Herbst für den Schweizer Buchpreis nominierte Dana Grigorcea ihre Bücher bereits vorgestellt haben.

Keine Publikumsmagnete

«Neben den Lesungen sind an den Literaturtagen die Diskussionen zentral.» So gibt es in Solothurn die Reihe «Autoren im Dialog», in der etwa Charles Lewinsky und Sacha Batthyany oder Adolf Muschg und Feridun Zaimoglu miteinander diskutieren, es gibt Zukunftsateliers über die Perspektiven von Buch und Text und diverse Podien. Die Formate sind es denn auch, bei denen Reina Gehrig neben den jeweils neuen Texten Potenzial sieht, den Gründergedanken in die heutige Zeit zu übertragen.

Wer das diesjährige Programm anschaut, vermisst jedoch Publikumsmagnete, die andere Leute als per se Literaturinteressierte nach Solothurn führen könnten. Eine Steilvorlage hätte beispielsweise der junge Genfer Joël Dicker geliefert. Er war wie ein Komet am Literaturhimmel aufgestiegen. Just diese Tage erscheint sein erstes Buch nach dem gigantischen Erfolg vor drei Jahren. Zu populär für eine Buchpremiere in Solothurn? «Wir entscheiden uns nicht gegen ein Buch oder gegen einen Autor», sagt Reina Gehrig. «Wir haben uns für acht französischsprechende Autoren entschieden, deren Texte uns mehr überzeugt haben.»

Aber auch Rolf Lappert, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war, Monique Schwitter, Gewinnerin des letztjährigen Schweizer Buchpreises, oder Peter Stamm sucht man im Programm vergeblich, im vergangenen Jahr vermisste man Martin Suter. Und unter den ausländischen Gästen finden sich kaum Namen, die einem breiteren Publikum bekannt sein dürften, jedoch generell eher intime, literarische Texte. Gehrig winkt ab: «Zugpferde vertragen sich nicht mit der Idee der Werkschau.» Solothurn stehe dafür, dass man an den Literaturtagen Entdeckungen machen könne.

Abonnierte Autoren

Bekannte Namen gibt es in Solothurn allerdings schon. Es sind aber eher die üblichen Verdächtigen, die auf den Anlass abonniert zu sein scheinen. So sind am Freitagabend im Hauptsaal Adolf Muschg und Lukas Bärfuss programmiert. Dabei hat Bärfuss gar kein neues Buch. Sein angekündigter Roman wurde auf den Herbst verschoben, doch Bärfuss, der als Nachfolger von Max Frisch gehandelt wird, darf trotzdem zur Prime Time lesen. Was genau, war bis zuletzt nicht klar. Und zum Abschluss der Literaturtage am Sonntag gehört die Bühne Franz Hohler. Sympathieträger Hohler publizierte letzten Herbst lediglich den schmalen Sammelband «Ein Feuer im Garten» mit nur teilfweise neuen Texten.

Welche Autoren nach Solothurn geladen werden, bestimmt die zehnköpfige Programmkommission, deren Mitglieder im 3-Jahres-Turnus wechseln. De facto kommen die Einladungen einer Aufnahme in die geweihten Reihen der Schweizer Literatur gleich. Entsprechend versteht sich die auf der Website der Literaturtage neu aufgeschaltete Archivdatenbank auch als «Spiegel der neueren Literaturgeschichte der Schweiz». Insbesondere für Nachwuchsautoren haben die Einladungen die Funktion eines Ritterschlags. Wobei sich Reina Gehrig gegen eine solche Auslegung wehrt: «Das wäre ja ausschliessend. Die Literaturtage sollen ein niederschwelliger Anlass sein. Es kommen jeweils viele Autoren, selbst wenn sie nicht eingeladen sind.»

Die Auswahl der Autoren hänge von den Mitgliedern der Programmkommission ab, betont Gehrig. «Sie entscheiden, ob ein Text literarisch qualitativ überzeugt.» Gehrig ist gleichberechtigter Teil des kuratierenden Gremiums. «Eigene Akzente setzen kann ich allenfalls im Rahmenprogramm», sagt sie. Ansonsten ist die Geschäftsführerin für den operativen Bereich zuständig. Vor drei Jahren, nach der Pensionierung der langjährigen Geschäftsführerin und nach einem einjährigen Intermezzo und einem Abgang mit viel Getöse wurden die Strukturen der gewachsenen Organisation entflochten. Organisatorisch haben sich die Literaturtage einer Auffrischungskur unterzogen. Im Umfeld von Konkurrenz und schwindendem Leseinteresse würde dem jährlichen Szene-Treffen auch eine inhaltliche Öffnung und Auffrischung guttun.

Solothurner Literaturtage: Eröffnung mit Isabelle Chassot, Direktorin Bundesamt für Kultur, Donnerstag 5. Mai; Literaturtage 6.–8. Mai, Solothurn. Info und detailliertes Programm: www.literatur.ch

Die Rosinen

Die diesjährigen Literaturtage stehen unter dem Motto «Realität und Fiktion». 77 Autoren, davon 19 Gäste aus dem Ausland, 8 Autoren aus der französischsprachigen Schweiz, 5 Tessiner und 3 Rätoromanen sind am Wochenende nach Auffahrt zu der traditionellen Werkschau nach Solothurn geladen. Eine Auswahl von Entdeckungen, die sich dieses Jahr machen lassen.

Die Autorendialoge: Der Journalist Sacha Batthyany geht einem dunklen Kapitel seiner Familie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs nach und erkundet die Frage, was diese Ereignisse mit ihm zu tun haben. Charles Lewinsky hat in seinem jüngsten Roman eine Figur geschaffen, die das Böse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ins Heute bringt. Was die beiden Autoren verbindet? In der Reihe «Autoren im Dialog» diskutieren sie am Freitag miteinander. Am Samstag treffen die Französin Noëlle Châtelet und die Tessinerin Virginia Helbling aufeinander. In ihrem Roman «Die letzte Lektion», verarbeitet Châtelet, wie sie ihre Mutter in den Freitod begleitet hat, Virginia Helbling schreibt in ihrem Debüt über die Erfahrungen einer frisch gebackenen Mutter, das Gespräch findet allerdings auf Französisch und Italienisch statt. Ein weiteres Diskussionsduo am Samstag sind Adolf Muschg und Feridun Zaimoglu. Sacha Batthyany/Charles Lewinsky: Fr, 6. 5., 17 Uhr, Landhaussaal - Noëlle Châtelet/ Virginia Helbling: Sa, 7. 5., 15 Uhr, Palais Besenval - Adolf Muschg/ Feridun Zaimoglu: Sa, 7. 5., 19 Uhr, Landhaussaal

Der Friedenspreisträger: Für seinen jüngsten Roman «La fin du monde» erhielt Boualem Sansal den Grand Prix du Roman der Académie Française, 2011 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen. Der algerische Schriftsteller ist Muslim. Wiederholt hat er jedoch den Islamismus scharf kritisiert: «Der Islam ist ein furchteinflössendes Gesetz geworden, dessen Eiferer mehr und mehr gewalttätig sind. Er muss seine Spiritualität, seine wichtigste Kraft, wiederfinden», sagt er schon vor fünf Jahren. In einer Podiumsdiskussion in französischer und deutscher Sprache spricht er über die Rolle der Religion in unseren Kulturen. Podium: So, 8. 5., 12 Uhr, Landhaussaal

Der Lyriker: Jan Wagner lässt den Giersch schäumen, dass einem weiss vor Augen wird. Er nimmt Weidenkätzchen und Würgefeige, Morchel und Melde, Eule, Olm und Otter ins poetische Visier, zoomt ran, überblendet assoziativ, bis der Blick sich weitet und man weiss, für einen Augenblick zum Wesen der Dinge vorgedrungen zu sein. Für seinen jüngsten Sammelband «Regentonnenvariationen» wurde der 1971 in Hamburg geborene Lyriker letztes Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und in deutschen Feuilletons hochgelobt. Der «Spiegel» unterstellte ihm allerdings die vorherrschende Geisteshaltung, Literatur als «Schutz vor der Gegenwart» anzusehen und das ganz Kleine, Superprivatistische, die Landlust und Versenkung zu feiern. Performance: So, 8. 5., 15 Uhr, Landhaussaal

Die Graphic Novel: Intime biografische Geschichte oder Reportagen aus Krisengebieten: Comics haben in Themen und Gestaltung ein breites Repertoire entwickelt. Eine Ausstellung auf drei Stockwerken gibt Einblicke in die Wechselbeziehung von Text und Bild. Zu sehen sind Originalwerke der geladenen Autoren. Darunter auch Aargauer Comic-Autor Reto Gloor, der 2010 an multipler Sklerose erkrankt ist. Nicht nur die körperlichen Einbussen, auch den steinigen Weg der psychischen Bewältigung in den ersten Jahren zeichnet er in seiner Graphic Novel «Das Karma Problem» nach, die er in einer Lesung präsentiert. Lesung Graphic Novel: Fr, 6. 5., 11 Uhr, Landhaus Säulenhalle

Aktuelle Nachrichten