Ausstellung
Zschokke war ein schreibwütiger Freiheitskämpfer im Dienste der Demokratie

Das Forum Schlossplatz in Aarau beleuchtet die Spuren des Volksaufklärers und Dichters Heinrich Zschokke mit einer schönen Ausstellung. Der demokratische Vordenker ebnete den Weg für die aktuelle Schweizer Staatsform.

Anna Ospelt
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Heinrich Zschokke in jungen Jahren.

Heinrich Zschokke in jungen Jahren.

Universitätsbibliothek Basel/ho

Wäre Heinrich Zschokke ein Zeitgenosse, hätte er sicherlich fleissig getwittert und seinen Facebook-Account up to date gehalten. Zu seiner Zeit tauchten gerade mal die ersten Schreibmaschinen auf, was ihn jedoch nicht davon abhielt, bereits mit Mitte fünfzig eine Gesamtausgabe seiner bisherigen Werke in 40 Bänden herauszugeben. Bis zu seinem Lebensende sollten etliche weitere hinzukommen. Zschokkes Verleger, der Aarauer Heinrich Remigius Sauerländer, musste wegen seines fleissigen Autors eigens eine Papierfabrik kaufen, konnte von Zschokkes Werk leben und bescherte ihm traumhafte Honorare, womit dieser seiner 14-köpfigen Familie ein sorgenfreies Leben bieten konnte.

Heinrich Zschokke lebte von 1771 bis 1848 und gilt als Mitbegründer der modernen Schweizer Staatsform. Ab seinem 36. Lebensjahr wohnte er in Aarau. Er war ein intellektueller Generalist der alten Schule, studierte Theologie und Philosophie, war politisch hochaktiv, ein populärer Publizist und schrieb nicht zuletzt Gedichte und Theaterstücke. Er trat für eine liberale Staatsverfassung, für Pressefreiheit und ein modernes Bildungswesen ein.

Obwohl Heinrich Zschokke seinerzeit einer der meistgelesenen Autoren im deutschen Sprachraum war, wird er heute kaum noch rezipiert. Diesem Missstand will die Heinrich-Zschokke-Gesellschaft nun Abhilfe leisten – mit einer korpulenten Biografie und einer zeitgleichen Ausstellung. Dem Kurator Dominik Sauerländer (ein Ahne von Zschokkes Verleger) und dem Forum Schlossplatz in Kooperation mit dem Stadtmuseum Aarau ist eine leichte, informative und intelligente Ausstellung gelungen.

So sieht man beispielsweise Schnitzelbänke aus Zschokkes familieninterner Zeitung «Blumenhaldner», für die seine zahlreichen Kinder zuständig waren. Zschokkes Frau Nanny war ihm zeitlebens eine ebenbürtige Diskussionspartnerin und managte das Familienleben. Für Zschokke war die Familie ein Vorbild für die Gesellschaft, mit klaren Regeln und Rollen, die eingehalten werden mussten. In seinem Haus gingen grosse Namen ein und aus, durchaus mal innerhalb einer Woche Napoleons Enkel oder ein deutscher Freiherr, der Zschokke in den Adelsstand erheben wollte, was dieser jedoch ablehnte. Lieber war ihm das Aargauer Bürgerrecht.

Ein weiteres schönes Detail der Ausstellung ist eine mächtige Geldtruhe, die, von Zschokke initiiert, als Vorläuferin der Neuen Aargauer Bank gilt. Oder die auf Video aufgezeichneten Gespräche mit vier zeitgenössischen Akteuren aus Bildung, Politik, Kultur und Religion. Wie die gesamte Ausstellung diskutieren sie Zschokkes handschriftliche Geniestreiche mit visionärem Verstand.

All dies in der Schweiz – obwohl in Magdeburg geboren? Bereits in jungen Jahren war Zschokke ein Anhänger der französischen Aufklärung. Als junger, promovierter Theologe, dem an der Uni eine Professur verwehrt wurde, machte er sich auf den Weg nach Paris, um die dort vonstatten gehenden Reformen live mitzuerleben. So weit sollte es aber nicht kommen, denn Zschokke blieb in Graubünden hängen. Die dortige politische Freiheit der Menschen beeindruckte ihn, und er beschloss, zu bleiben.

Im Dialog mit Zschokke Forum Schlossplatz, Aarau. Bis 30. Juni.

Heinrich Zschokke – eine Biografie Werner Ort, Verlag hier+jetzt.

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