Kunst
Wo die wilden Hippies wohnten

Wie David Weiss und seine Künstlerfreunde im Tessinerdorf Carona ihr Frühwerk entwickeln.

Mathias Balzer
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Der Künstler David Weiss blickt 1977 über die Bucht von Lugano.

Der Künstler David Weiss blickt 1977 über die Bucht von Lugano.

Iwan Schumacher, Carona, 1977

Die Tessiner Seenlandschaft ist eine Gegend mit magischem Zauber. Das ist nicht erst so, seit die Deutschschweizer Rot- socke das Naturparadies zur «Sonnenstube der Schweiz» degradiert hat. Die Geschichte der Verehrung dieser Landschaft beginnt lange vor dem Boccalino-Tourismus. Michail Bakunin war einer der ersten, die dort, wo sich Schneeberge und Palmen treffen, den idealen Ort für eine ideale Gesellschaft erträumt haben. Der russische Anarchist versuchte von 1869 bis 1876 in den Gärten der Villa Baronata bei Minusio als Selbstversorger zu leben. Sehr zur Belustigung der heimischen Bauern: Der rote Michail hatte viele Talente, aber sicher keinen grünen Daumen.

Aber Bakunins Ruf in den Süden hatte Signalwirkung. 1905 wünschte sich der deutsche Anarchist Erich Mühsam Ascona als «Republik der Heimatlosen, der Vertriebenen, des Lumpenproletariats». Der Monte Verita entstand. Noch heute ist die Kolonie oberhalb von Ascona die Blaupause für utopische Lebens- und Kunstentwürfe. Kaum Eine oder Einer aus der europäischen Avantgarde, aus dem Zürcher Cabaret Voltaire oder den Künstlerkolonien um Berlin, der den Berg der Wahrheit im Tessin nicht kannte.

Die Wirkung war gross. Die von Schnellverkehr und Ferienindustrie noch unberührten Dörfer in den Hügeln rund um den Lago di Lugano und den Lago Maggiore boten viel Platz. Auch eine Basler Familie gründete nach dem Ersten Weltkrieg ein Refugium, dessen Strahlkraft bis heute anhält. Lisa und Theo Wenger erstehen 1919 in Carona oberhalb Lugano die Casa Constanza. Lisa ist Autorin, publiziert in der NZZ und entwirft über 40 Kinderbücher; unter anderem jenes vom «Joggeli, der söll ga Birli schüttle» (siehe Ausgabe vom 22. März).

Der kleine Palazzo in dem von Kastanienwäldern umgebenen Dorf wird bald zum Treffpunkt für Künstler. Hermann Hesse, der sich auf dem Monte Verita bei seinem Guru Gusto Gräser das Atmen beibringt, lebt in der Nähe in Montagnola. Er heiratet Lisas Tochter, Ruth Wenger. Die Ehe hält nur drei Jahre. Die andere Tochter, Eva, heiratet den deutsch-jüdischen Arzt Erich Alfons Oppenheim. Ihre Tochter Meret sollte als bedeutendste Künstlerin des Surrealismus Weltruhm erlangen.

Die junge Galerie

Auf der Bühne der kommerziellen Kunstwelt

Die Galerie Weiss Falk wurde 2015 gegründet. «Mit jeweiligen Vergangenheiten als Kuratoren und Mitarbeiter bei bedeutenden Non-Profit-Projekten, schlossen sie sich zusammen, um sich auf der Bühne der kommerziellen Kunstwelt wiederzufinden.» So beschreiben die jungen Galeristen Oskar Weiss und Oliver Falk ihren Werdegang. Ihre Galerie an der Rebgasse 27 in Basel hat sich der Präsentation zeitgenössischer Kunst verschrieben. Mit Fokus auf jung, aber durchaus auch generationenübergreifend, wie die laufende Schau zeigt. Die Ausstellung «Carona» dauert noch bis am 28. Juli. Weitere Informationen unter www.weissfalk.ch. (bal)

Die zweite Basler Generation

Der Zweite Weltkrieg ist auch für die Künstlerkommunen im Tessin eine Zäsur. Es gibt plötzlich Wichtigeres als über die Verbindung von Mensch und Natur nachzudenken. Es sind die Hippies, die den Kommunengedanken, Nacktbaden und mondsüchtige Räusche wieder ins Tessin zurückbringen. Unter ihnen ist Christoph Wenger, der Neffe von Meret Oppenheim. Er öffnet das zweite Haus der Familie, die Casa Aprile, für alle, die sich auf der Suche nach einem besseren Leben befinden.

Unter anderem lädt Wenger den jungen Künstler David Weiss nach Carona. Dieser hatte in Basel in den Sechzigerjahren die Bildhauerklasse besucht. Gegen freie Logis hilft er bei Reparaturarbeiten an der Villa. Mit ihm, dem späteren Kollaborateur von Peter Fischli, kommen weitere Vertreter der jungen Zürcher Kunstszene ins Tessin: Urs Lüthi, mit dem Weiss in Zürich ein Atelier teilt, Anton Bruhin, Peter Schweri oder Iwan Schumacher. Aus Bern gesellt sich bald Markus Raetz hinzu, aus Basel der Autor und Verleger Matthyas Jenny. Das kleine Carona wird noch einmal zum Künstlerdorf. Wenigstens für die Jahre 1968 bis 1978.

Eine Archivschachtel als Basis

40 Jahre später findet Oskar, der Sohn von David Weiss, eine Schachtel im Archiv seines Vaters. Dieser war 2012 verstorben. «Carona» steht drauf. Was drin war, ist zurzeit an einer Wand der Galerie Weiss Falk in Basel zu sehen (siehe Kasten). Zeichnungen von David Weiss, Markus Raetz, Peter Schweri und Urs Lüthi. In dieser Kombination noch nie gezeigt.

Am Eingang hängen zwei Aquarelle von Hermann Hesse, zwei Bilder von Meret Oppenheim. «Octopus Garden» heisst ihre Hommage an den berühmten Beatles-Song. Daneben liegt Urs Lüthi auf einem zerwühlten Bett im Zürcher Atelier. Über ihm sehen wir den Blick über die Bucht von Lugano, so, wir er sich von der Kirche Madonna d’Ongero bei Carona präsentiert.

Dasselbe Motiv kehrt auf der oben gezeigten Fotografie wieder: David Weiss in der Pose von Kaspar David Friedrichs Wanderern. Vor ihm jene Landschaft, die so manchem als Paradies erschien.

Eine kleine Kunst-Schatzkammer

«Carona» ist der Titel der Ausstellung. Eingerichtet hat sie Kurator Arthur Fink und Oskar Weiss. Eine kleine Schatzkammer für alle jene, die sich für das Schaffen der bereits genannten Künstler interessieren. In «Carona» kreuzen sich ihre Geschichten. In «Carona» entwickeln sie Formsprachen, die ihr späteres Werk prägen werden: Markus Raetz mit seinen Zeichnungstagebüchern. Matthyas Jenny produzierte in der Villa sein Fanzine «Nachtmaschine». Das heisst so, weil der Autor allein erziehender Vater war und so nur nachts Zeit für seine Kunst hatte. Anton Bruhin schrieb im Tessin an Manuskripten und entwarf seine Zeichnungsserie «Quink». Von Peter Schweri sehen wir Super-8-Filme, die er für eine Installation in einem Nachtclub in Kloten gedreht hat. Sogar Selbstinszenator und Konzeptkünstler Urs Lüthi entpuppt sich als versierter Zeichner. Überhaupt ist Zeichnung das Zauberwort.

Die jungen Langhaarigen meiden die allzugrosse Geste, unterlaufen Künstler- und Kunst-Stereotypen, verschreiben sich dem Unfertigen, Prozesshaften und wirbeln Ernst und Humor nonchalant durcheinander. Sie arbeiten viel, aber sie nennen es «Lazy Days», faule Tage. So heisst auch die eine Fotoserie, die Weiss und Lüthi nach einem Amsterdam-Trip zeigt, in knielangen, schwarzen Ledermänteln.

Das zeichnerische Werk von David Weiss ist insofern hoch spannend, als es sein Schaffen vor Fischli-Weiss zeigt, also vor 1979. Ein berühmtes Werk des Duos ist das Video «Der Lauf der Dinge». Eine alchemistische Kettenreaktion. Weiss hat solche Metamorphosen bereits in den Siebzigern mit dem Stift durchexerziert. Aus der Werkserie «Wandlungen» ist die grösste Arbeit zu sehen: Eine stupend gezeichnete Liebesschmerz-Reise nach Marrakesch, die irgendwann auch den Hügel von Carona kreuzt.

«Up And Down Town», das als «Regenbüchlein» bekannt gewordene Künstlerbuch, zeugt von Weiss’ handwerklicher Brillanz. Bisher war sein frühes zeichnerisches Werk erst in einer Ausstellung, in Chur, Paris und New York zu sehen. Die feine Schau in Basel liefert nun nach.