Literatur
Weshalb die Welt besser wäre, wenn alle Menschen lesen würden

Theaterwissenschafterin Andrea Gerk weiss, warum Bücher auch Medizin sein können. Doch nicht jedes Buch ist für jeden Menschen gut - manche können sogar quasi die Gesundheit gefährden.

Silvia Schaub
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Lesen ermöglicht eine andere Erfahrung von Zeit und Aufmerksamkeit.

Lesen ermöglicht eine andere Erfahrung von Zeit und Aufmerksamkeit.

David Maupil/Plainpictures

Weihnachtszeit ist für viele auch Lesezeit. Für Sie ebenfalls?

Andrea Gerk: Wegen des Trubels werde ich wohl nicht viel Zeit dazu finden. Umso schöner ist es dann, abends im Bett vor dem Einschlafen zu lesen. Diese kurzen Momente haben etwas von jener inneren Einkehr, die in der Weihnachtszeit so viel beschworen wird, aber bei fast allen doch zu kurz kommt.

Zur Person Andrea Gerk (48) aus Essen studierte Theaterwissenschaft und arbeitet als Kritikerin und Radiomoderatorin. «Lesen als Medizin» ist erschienen im Verlag Rogner & Bernhard, 2015, 352 S., Fr. 34.90.

Zur Person Andrea Gerk (48) aus Essen studierte Theaterwissenschaft und arbeitet als Kritikerin und Radiomoderatorin. «Lesen als Medizin» ist erschienen im Verlag Rogner & Bernhard, 2015, 352 S., Fr. 34.90.

David Maupil/Plainpictures

Haben Sie sich ein bestimmtes Buch für die Feiertage vorgenommen?

Ich lese weiter Clemens J. Setzs 1040 Seiten langen Roman «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre». Darin erzählt der österreichische Autor eine Art Thriller in Slow Motion – aus der Perspektive einer jungen Frau, die in einem Heim für geistig behinderte Menschen arbeitet und selbst sehr eigenartige Vorlieben und Neurosen auslebt. Ein wunderbares Stück Literatur, das entlang der Grenze zwischen Normalität und Verrücktheit erzählt. Das passt hervorragend zu den meist ziemlich verrückten Konstellationen und Emotionen, die sich in fast allen Familien zu Weihnachten hochschaukeln.

Sie bezeichnen Lesen als Medizin. Was ist es genau, was uns dabei heilt? Die Stimmung im Buch, die Sprache, der Inhalt an sich oder einfach, dass man sich wieder einmal Zeit nimmt?

Sicher alle Faktoren, die Sie genannt haben. Die Stimmung – also den ästhetischen Mehrwert, den man auch bei anderen Kunstformen wie in der Musik oder der bildenden Kunst findet –, die so etwas wie «innere Bewegtheit» erzeugt. Hilfreich kann auch der Inhalt sein; eine Geschichte, die zeigt, dass man nicht alleine ist mit einem Problem. Und: Der Zeitfaktor ist beim Lesen ungeheuer wichtig. Das vertiefte Lesen erzeugt den sogenannten Flow, den der amerikanische Soziologe Mihaly Czikzentmihaly in einer Studie in den 80er-Jahren untersucht hat.

Wenn Bücher Wunden heilen

«Lesen stärkt die Seele», schrieb schon Voltaire. Die Heilwirkung von Büchern ist in den USA seit 1939 anerkannt und wird auch in Grossbritannien und Skandinavien angewendet. Sie hat einen Namen: Bibliotherapie. «Dabei wird der Patient mittels ausgesuchter Literatur unterstützt, seine Probleme zu verbalisieren und zu reflektieren», erklärt Karin Schneuwly, die in Zürich eine Praxis für Bibliotherapie führt. Sich via Literatur einem Problem zu nähern, falle vielen leichter. Während des Lesens werden verschiedene Prozesse in Gang gesetzt. Die Literatur kann trösten, ablenken, Gefühle wecken und neue Möglichkeiten aufzeigen. «Es tut Menschen gut, wenn sie sich in einem Buch wiedererkennen oder sehen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Problem.» Dadurch könne das eigene Erleben besser beschrieben werden. Manche wollen von Karin Schneuwly auch nur eine Lektüreliste, andere wiederum sehen die Bibliotherapie als Ergänzung zu ihrer Psychotherapie. (sc)

Vielen fehlt aber genau die Zeit. Wie nimmt man sich diese?

Ich lese sehr gerne auf meinen vielen Zugfahrten, kenne aber Leute, die sich im Zug überhaupt nicht konzentrieren können. Wer es zu Hause nicht hinbekommt, dem kann ich Bibliotheken empfehlen. Dort ist es ruhig und man ist umgeben von schönen Büchern und anderen Lesern. Es gibt auch diese neue «Slow Reading»-Bewegung. Da treffen sich Leute in Cafés, jeder bringt sein Buch mit und dann lesen alle eine Stunde gemeinsam – aber jeder still für sich – in seinem Buch.

Können Bücher tatsächlich auch körperlich wirken?

In den Lesegruppen der Liverpooler Organisation «The Reader» gibt es Schmerzpatienten, die ihre Medikamentendosis senken konnten, seit sie regelmässig an einer Lesegruppe teilnehmen. Neurowissenschafter wissen, dass beim Lesen im Gehirn Bereiche aktiv sind, die stark mit Emotionsverarbeitung verbunden sind. Wie es sein kann, dass Ideen, Gedanken, Sprache physiologische Veränderungen im Gehirn bewirken, durch die sich Menschen besser fühlen, ist tatsächlich eine grosse Frage, die sich auch Freud schon stellte und die heute sehr aktuell ist. Man weiss, dass etwa durch eine Gesprächstherapie der Patient anfängt, Teile des Gehirns beizuziehen – den bilateralen präfrontalen Cortex – mit dessen Hilfe man Angst «herunterreden», Gefühle regulieren und dämpfen kann.

Gewisse Bücher können sicher auch kontraproduktiv sein. Welches Buch würden Sie einem depressiven Menschen niemals empfehlen?

Ich glaube, es gibt keine Patentrezepte. Man sagt auch: Trauriges heilt Trauriges. Jemanden, der sehr unglücklich ist oder eine leichte Depression hat, wird ein heiteres Frühlingsgedicht gar nicht erreichen. Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt, die zwei Jahre Poesietherapiekurse in einer New Yorker Psychiatrie gegeben hat, erzählte mir, dass die Patienten besonders gut auf schwere, düstere Texte ansprachen: von Emily Brontë, Paul Celan, Friedrich Hölderlin. Darin fanden die schwer kranken Menschen offenbar eine starke Resonanz auf ihren eigenen Zustand, und zugleich etwas, das ihnen eine andere Perspektive eröffnete.

Ist es also ratsam für die Gesundheit, eine gewisse Anzahl Bücher pro Jahr zu lesen?

Jane Davis, die Gründerin der Liverpooler Leseinitiative «The Reader», ist fest davon überzeugt, dass die Welt besser wäre, wenn alle Menschen lesen würden, weil Literatur Empathie schult, uns zeigt, wie andere fühlen und denken. Davon bin ich auch überzeugt. In Deutschland wird Literatur deshalb auch im Jugendstrafvollzug eingesetzt, mit recht guten Erfolgen. Aber abgesehen davon ermöglicht Lesen auch eine andere Erfahrung von Zeit und Aufmerksamkeit – man lernt oder pflegt dabei wie nebenbei etwas, das andere in Achtsamkeits- oder Meditationsseminaren üben.

Muss man das Gelesene mit anderen Menschen diskutieren, damit es nachhaltig wirkt?

Reflexion ist immer gut. Deshalb bekommen die jugendlichen Straftäter auch eine Art Buchbegleiter zur Seite gestellt, der das Gelesene mit ihnen bespricht. Der Therapeut kann also genauso wichtig sein wie das Buch. Aber es gibt auch immer wieder diese Erlebnisse, wo jemand nur für sich ein Buch gelesen hat und es seinem Leben einen neuen Dreh gegeben hat. Das findet man auch in der Literatur: Von David Copperfield, den eine Bücherkiste vor den Misshandlungen seines Stiefvaters rettet, bis zu Angelika Klüssendorfs «Das Mädchen», die in Brehms Tierleben eine tröstliche Gegenwelt fand, wenn die Mutter sie mal wieder in den Keller eingesperrt hatte.

Sie sagen, die Präsenz von Büchern sei wichtig fürs Wohlbefinden. Bei mir ist es dann eher so, dass ich Stapel von Büchern um mich habe, aber keine Zeit, sie zu lesen. Das nervt und frustriert mich.

Wenn Sie das nervt, sollten Sie vielleicht den Grossteil dieser Bücher verschenken oder wegräumen und sich einen kleinen Stapel machen, der einladend oder verlockend wirkt. Ich habe immer einen Lust-Stapel mit Büchern. Wenn ich den sehe, versetzt mich das in eine anregende Vorfreude.

Können Sie ein Buch lesen, ohne gleich auf die Wirkung zu achten?

Ja, auf jeden Fall. Ich lese auch beruflich sehr viel. Was sich verändert hat, ist, dass mir eher auffällt, wenn ich als Privatleserin nach bestimmten Texten greife, weil ich mir offenbar unbewusst einen bestimmten Effekt davon verspreche. Als ich kürzlich einmal nervös war, holte ich Erzählungen von Alice Munroe hervor. Der ruhige Erzählfluss, in dem die Autorin die tiefsten Abgründe normaler Menschen auslotet, der Rhythmus, ihre Sprache, das hatte etwas sehr Beruhigendes, Tröstliches.

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