Serie Lebensentscheide
Wenn das Schicksal über einen entscheidet

Serie Zur Ausstellung «Entscheiden» des Stapferhauses inLenzburg erzählen Menschenvon ihren Lebensentscheiden. Heute: Heidi Boutellier, die mit 49 Jahren einen Hirnschlag erlitt.

Jennifer Stöcklin*
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«‹Vous avez fait une attaque, Madame.› Der Arzt sass auf der Bettkante meines Spitalbetts und wartete auf meine Reaktion. ‹Ah oui?› entgegnete ich gelassen. Begriffen hatte ich es: Die Blut- und Sauerstoffversorgung meines Gehirns war für eine Zeit lang unzureichend, meine linke Körperhälfte plötzlich gelähmt. Schockiert hat mich das nicht. Damals nicht und auch nicht in den 18 Jahren, die seither vergangen sind.

Der Knoten in meinem Gehirn bildete sich, als ich in den Skiferien im Wallis war. Auf einer Nachmittagsabfahrt überkam mich plötzlich ein merkwürdiges Unwohlsein und ich wusste instinktiv: Diesen Berg komme ich nicht mehr auf den Skis runter. Ich nahm die Bergbahn und ging zum Arzt. Der sagte mir, dass mir mit meinen knappen 50 Jahren lediglich die Höhe zu schaffen machen würde. Auch dass ich am nächsten Morgen nicht aus dem Bett kam, machte mir keine Angst. Die anschliessenden Stunden waren ein Kommen und Gehen meiner Körperfunktionen – Wackelkontakt würde der Elektriker wohl sagen. Auf der Treppe zum Frühstück bewegte sich mein Körper plötzlich keinen Zentimeter mehr, weder vorwärts noch rückwärts.

50. Geburtstag im Rollstuhl

Meinen 50. Geburtstag verbrachte ich im Rollstuhl, trotz des Versprechens meines Arztes, dass ich spätestens an diesem Tag wieder auf den Beinen sein würde. Für mich war es immer am wichtigsten, dass meine Beine wieder funktionieren, mit dem gelähmten Arm konnte ich mich arrangieren. Noch heute sehe ich die weisse Linie im Therapieraum vor mir, der ich folgen sollte. Im Kopf schien es so einfach. Aber meine Füsse traten immer wieder daneben.

Heute kann ich wieder gehen, wenn auch wackelig. Ein angepasstes Auto verleiht mir die nötige Mobilität. Ich zweifle heute manchmal, ob es eine Fehlentscheidung war, meine ganze Energie auf die Beine zu fokussieren. Mobil wäre ich heute auch ohne funktionierende Beine, meine Hand dagegen fehlt mir im Alltag.

Heidi Boutellier

Geboren 1945 in Baden AG, lebt Heidi Boutellier seit 2005 in Bözberg. Sie ist geschieden, zweifache Mutter und vierfache Grossmutter. Die gelernte Damenschneiderin lebt ihre Leidenschaft für Malerei und das Nähen auch heute noch den Kräften entsprechend aus. Ihr grösster Wunsch ist es, das Meer noch einmal zu sehen. (JST)

Vor dem Schlaganfall stand ich kurz vor meiner eigenen Kleiderkollektion, monatelang kaufte ich Stoffe zusammen und füllte damit einen ganzen Schrank. Heute sehe ich den Hirnschlag als Zeichen, dass die Kollektion wohl nicht mein Weg war. Der Schrank ist inzwischen leer, die Nähmaschine habe ich in meine neue Wohnung genommen und die Stoffe über die Jahre verarbeitet – nicht als Kollektion für andere, sondern als massgeschneiderte Kleidung für mich selbst.

Der Hirnschlag als Wendepunkt

Der Hirnschlag hat meinem Leben vom einen Tag auf den anderen eine neue Richtung gegeben. Heute gehe ich vieles leichter an und ich führe ein angstfreies Leben. Schwer zu ertragen sind für mich allerdings die Schmerzphasen aufgrund der einseitigen Belastung meines Körpers. Und dann gibt es Momente, da denke ich: ‹Gopfridli, jetzt wolltest du doch das noch machen und es geht einfach nicht mehr.› Aber dann geht das Leben wieder weiter, und ich erlebe Momente des Glücks und geniesse sie. Mein Leben stimmt für mich, wie es ist.»

*Aufgezeichnet von Jennifer Stöcklin. Sie ist Projektmitarbeiterin der Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg, die bis zum
30. November im Zeughaus Lenzburg die Ausstellung «Entscheiden» zeigt.
www.stapferhaus.ch