Literatur
Wenn 20 Personen an einer Geschichte schreiben

Ein Roman, ein Autor? Mitnichten. L’AJAR, zu Gast an den Solothurner Literaturtagen, ist ein 20-köpfiges Autorenkollektiv aus der Westschweiz. Sein Buch «Vivre près des tilleuls» ist schweizweit der erste Roman seiner Art.

Julia Bänninger
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Das Westschweizer Autorenkollektiv L’AJAR kommt nach Solothurn.

Das Westschweizer Autorenkollektiv L’AJAR kommt nach Solothurn.

Astrid di Crollalanza/Flammarion

Wie können zwanzig Personen gemeinsam an einer einzigen Geschichte schreiben? Das Vorgehen gleiche in seiner Struktur einer Pyramide, erklärt Daniel Vuataz (*1986), Mitglied von L’AJAR. «Anfängliche Ideen werden zunächst im grösseren Kollektiv besprochen, während später in kleineren Gruppen konkreter gearbeitet wird, jedoch immer in Absprache mit den anderen.» So war es auch beim Schreiben von «Vivre près des tilleuls».

Zunächst war das Buch als augenzwinkernder Beitrag für ein Literaturfestival in Québec gedacht. Das Kollektiv erfand eine fiktive Autorin – und zu einer Autorin gehören auch deren Texte. «Wir haben eine Art gefälschtes Buch geschrieben und unter dem Namen unserer erfundenen Autorin drucken lassen», schmunzelt L’AJAR-Mitglied Matthieu Ruf (*1984). Eine Herausgeberin des französischen Verlags Flammarion bekam das fingierte Werk in die Hände und war so begeistert, dass sie es prompt verlegen wollte.

L’AJAR, ursprünglich für «Assiociation de jeunes auteur-e-s romandes et romands», entstand 2012 aus einer Begegnung zwischen Noémi Schaub (*1989) und Guy Chevalley (*1985). «Wir hatten die Idee, einen Verein für junge Autorinnen und Autoren zu gründen, in dem sie sich kennenlernen und austauschen können», erklärt Chevalley. Aus den ursprünglich 13 Mitgliedern sind mittlerweile 20 geworden, allesamt aus der Romandie.

Bilder der Solothurner Literaturtage:

Die Solothurner Literaturtage locken die Massen an. Allen voran ein Autor wirkt als Magnet. Lukas Bärfuss.
21 Bilder
Wenn Bärfuss liest, kommen sie alle.
Bei der Lesung von Lukas Bärfuss herrscht Grossandrang.
Vorne Mediachairs, hinten...
...die Schlange zu Lukas Bärfuss.
Alle wollen den Bärfuss sehen.
Der Autor erfreut sich grosser Beliebtheit.
Das zeigt auch dieses Bild.
So geht Sommer.
Die Solothurner Literaturtage gehen bei Prachtswetter über die Bühne.
Schlangestehen im Landhaus.
Unglaublich viele Leute kamen ins Landhaus.
Die Infotafel zeigt ein grosses Angebot
Das Epizentrum liegt vor dem Landhaus
Bei strahlendem Wetter lässt es sich zwischen dem Kreuz und dem Landhaus verweilen.
 Ist das schön.
Auf der Aussenbühne beim Klosterplatz liest Hans Hürg Zingg.
Die Lesung von Zingg.
Alles dreht sich um Bücher.
Alles dreht sich in diesen Tagen um Bücher.
Alles dreht sich um Bücher.

Die Solothurner Literaturtage locken die Massen an. Allen voran ein Autor wirkt als Magnet. Lukas Bärfuss.

Hanspeter Bärtschi

In dynamischen Lesungen experimentieren sie mit ihren Texten und verknüpfen Literatur mit anderen Künsten wie Theater, Musik und bildender Kunst. «Manche Texte werden nur geschrieben, um sie ein einziges Mal zu performen – damit bekommt die Literatur einen vergänglichen, dynamischen Charakter und verliert den Anspruch, für die Ewigkeit geschaffen zu sein», findet Vuataz.

Spiel mit Identitäten

Mit ihren Projekten hinterfragen sie gängige Vorstellungen, wie die Idee, dass zu einem Buch automatisch ein Autor gehört. «Uns interessiert dieses Spiel mit verschiedenen Autor-Identitäten, mit den Fragen nach echt und unecht», erklärt Ruf. Die Literatur sei ein Ort, wo alles erlaubt sei, und in der Personen, Geschichten und ganze Welten erfunden werden können.

Wie auch die Figur der Esther Montandon, die L’AJAR für seinen Roman erfunden hat. «Wir wollten die Autorin möglichst realitätsnah darstellen, es sollte glaubwürdig erscheinen», sagt Ruf. Das habe ihnen auch die Richtung für einen bestimmten Schreibstil gegeben, fügt Vuataz hinzu: «Mit der Zeit kannten wir Esther Montandon so gut, dass sie Teil der Gruppe wurde – wir haben sozusagen in ihrem Namen geschrieben.»

Die Geschichte besteht aus den intimen Tagebucheinträgen von Esther Montandon, die das Aufwachsen und den tragischen Tod ihrer Tochter beschreiben. Der Text selbst lässt in keiner Weise erahnen, dass so viele Personen daran geschrieben haben.

Deutsche Übersetzung kommt

Während sechs Monaten hat das Kollektiv gruppenweise Satz für Satz am Roman gearbeitet. Eine Hierarchie gibt es nicht, aber für jedes Projekt werden zwei Personen – «die aufgeklärten Despoten» – ausgewählt, die das letzte Wort haben. Doch die Mitglieder von L’AJAR verbindet mehr als nur die Arbeit, es herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Um Mitglied zu werden, braucht es neben Schreibtalent und Engagement nicht viel: «Wir suchen nach einer bestimmten Einstellung, nach einem offenen und flexiblen Umgang mit Literatur», erklärt Chevalley. Diese Offenheit macht das Kollektiv so erfolgreich: L’AJAR engagiert sich in vielen Projekten und Schreibateliers, meist in Kollaboration mit anderen Künstlern und Institutionen. Die Arbeitsweise des Kollektivs untergräbt das gängige Bild des eigenbrötlerischen Schriftstellers, der einsam vor seinen leeren Seiten sitzt, und bietet neue Sichtweisen auf den Umgang mit Literatur.

So ist es auch kein Wunder, dass das Interesse an den Projekten von L’AJAR gross ist – bisher vermehrt im Frankophonen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Westschweizer Gruppe auch in deutschsprachigen Regionen Fuss fasst. Die Übersetzung ihres Romans ist da schon einmal ein guter Anfang: Kommenden Herbst wird «Vivre près des tilleuls» im Basler Lenos Verlag auf Deutsch erscheinen.

Auftritte Solothurn: Fr, 26.5., 20 Uhr, Kino im Uferbau; So, 28.5., 14 Uhr, Kino im Uferbau.

Dieser Text wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung für Medienförderung realisiert.

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