Bayreuther Festspiele
Wenn 102 Zentimeter zum Himmel ragen

Zu Richard Wagners 200. Geburtstag ist in Bayreuth alles etwas anders. Die Wagner-Festspiele wurden am Donnerstag mit dem «Fliegenden Holländer» eröffnet, es folgt «Der Ring des Nibelungen» inszeniert von Frank Castorf.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen

KEYSTONE

Nix mit «Alle Jahre wieder». In Bayreuth – diesem nordbayerischen Kaff voller Spielcasinos, Mäc-Geiz-Läden, Metzgereien und Kebapbuden – wirken im Wagner-Jahr 2013 unheimliche Kräfte: Dirigent Andris Nelsons holte sich eine Gehirnerschütterung, weil sich eine Festspielhaustür «unerwartet» öffnete (Platz zwei auf der Klick-Liste der Online-Ausgabe des «Nordbayerischen Kuriers» am Donnerstag!), die Kellnerin im «Goldenen Löwen» schüttet am Eröffnungsabend Maisel’s Weisse über den Tisch zweier distinguierter Wagnerianerinnen, das 1875 gebaute Festspielhaus bröckelt, versteckt sich aber geschickt hinter Fotoplanen, die Villa Wahnfried, Wagners Wohnhaus, ist gar geschlossen und wird grundsaniert – und die lokale Zeitungsmacht fragt just zum Eröffnungstag: «Wie weiter, Festspiele?».

Gewiss: Den «Fliegenden Holländer» gabs am Donnerstag weltweit in 200 Kinos live und etwas später auf ARD zu sehen. Und klar, noch reisen Tausende Wagnerianer an, noch kaufen sie bei «Eissel» Riesling in Bocksbeutelflaschen, auf denen kurlige «Ring»-Helden abgebildet sind, noch trinken sie «Siegfrieds Drachenblut»-Tee vom Teehaus «Thymian», wechseln von einer Wagner-Ausstellung zur nächsten, spazieren den Walk of Wagner auf und ab, sitzen danach im Garten des «Mohrenbräu» und tragen über dem Bierbauch T-Shirts mit dem «Parsifal»-Zitat «Zum Raum wird hier die Zeit» – und feilschen alsbald in einem der zahlreichen Antiquariate um eine Mini-Gips-Büste des Meisters, da ihnen 35 Euro zu recht zu viel ist. Aber die Lokalzeitung vermutet, dass sich die Treusten trotz der Kino- und TV-Werbung verärgert ob der modernen Regien und der neuen Handhabung der Kartenverteilung (einst erhielten die Wagner-Verbände Kontingente) von Bayreuth abwenden. Es ist ein Mythos, dass die Festspiele zehnfach überbucht sind. Die Worte «wir sind ausverkauft» von Wagner-Urenkelin Katharina tönen trotzig. Wer am Donnerstag auf dem Schwarzmarkt kurzfristig eine Karte suchte, erhielt sie auch. Lehrer und Bayreuth-Fan Oscar sass zu einem Schnäppchenpreis inmitten der Botschafter in den Logen und strahlte vor Begeisterung.

Dem Wagnervermarktungstrubel setzt ein schlauer Konzeptkünstler die Krone auf. Der 63-jährige Ottmar Hörl wollte die ganze Stadt mit 500 nachtblauen, bordeaux- und purpurvioletten Wagner-Statuen schmücken, hat sich nun aber auf den Festspielhügel beschränkt, da seine niedliche Installation «Wagner dirigiert Bayreuth» in der Stadt eine Halbwertszeit von 5 Stunden gehabt hätte. Doch der Taxifahrer weiss, dass bereits zwei Tage nach Aussetzung der Gartenzwerge einige Exemplare verschwunden seien. Es bleibt nicht bei der Installation – in der Kanzleistrasse können die Wagnerchen für 350 Euro (ohne Sockel) gekauft werden – für 102 Zentimeter Wagner ein Schnäppchen. Wagners Neufundländer «Russ» gibts übrigens schon für 300 Euro.

Es ist Wagner-Jahr und ein neuer «Ring des Nibelungen» will geschmiedet sein. Filmkünstler Wim Wenders sollte es tun, sagte dann ab, Stückezertrümmerer Frank Castorf übernahm, wagt sich an das auf vier Abende verteilte 16 Stunden dauernde Musikdrama. Mit der Oper hat der Berliner wenig am Hut, sein Jugendtraum war nicht Bayreuth, sondern die Route 66 – und so hat eine Tankstelle von dieser legendären Strasse durch die USA Einzug ins gestern gezeigte «Rheingold» gefunden. Ums Öl, das Gold unserer Zeit, dreht sich alles, bis man dann zur «Götterdämmerung» am nächsten Mittwoch bei der Wall Street angekommen ist. Ob das für einen neuen Jahrhundert-«Ring» genug ist? Castorf nimmts gelassen, er hat die Probenzeit genossen, ja meint: «Die Wälder, die Biergärten, die Thermen –- es war wie Ferien!» Gespielt empört war der 62-Jährige allerdings, dass die Festspiele nicht mit «Rheingold» eröffnet wurden. Denn diese Eröffnung schenkt dem Nest jeweils einen Hauch von Weltstadt, behauptete jedenfalls die Lokalzeitung und bot auch gleich einen Liveticker zur grossen Auffahrt.

Hunderte pilgerten vors Festspielhaus, um einen Blick auf die Handvoll prominenter Gäste zu werfen. Der Gablerstaplerfahrer Markus verteidigte seinen Platz vor dem Königsportal seit 7 Uhr in der Früh. Kurz vor 18 Uhr sah er Angela Merkel in einem blauen Ensemble.

Drinnen im Festspielhaus wirds um 18 Uhr magisch still und aus dem Nichts steigen die Klangwogen aus dem verdeckten Orchestergraben. Dirigent Christian Thielemann versucht im «Fliegenden Holländer» nicht zu zaubern – und das macht den Abend einzigartig. Der forsche Zug in der Ouvertüre wird alsbald zum romantischen Sog, und doch rückt Thielemann seinen Wagner nicht ins späte 19. Jahrhundert, sondern gibt ihn leicht und frisch – in den Singspielteilen gar mit einem süssen Schuss operettenhafter Naivität. Aber wenn zum Schluss der Ouvertüre die Erlösung der Liebenden schon angedeutet ist, tönt das Festspielorchester ungemein satt, das Motiv schwebt dennoch samtenen Klanges zum Himmel empor. Dieses zurückhaltende Pathos und die Farbigkeit des Tones sind bestechend.

Toll, würden alle so textverständlich singen wie Titelheld Samuel Juon, man bräuchte viel weniger Kraft, als sie Franz-Josef Selig (Daland) verschwendet. Doch Juons schwächelt in der Tiefe und in vielen Details – und bleibt ein blasser Holländer. Ricarda Merbeth hingegen kann als Senta mit grosser Zauberstimme die Herzen berühren.

Regisseur Jan Philipp Glogger verlegt des Holländers Zauberwelt in die Finanzwelt: Das gelingt über weite Strecken, wirkt aber bisweilen auch etwas banal. Kräftige Buhs mischten sich deswegen in den Schlussjubel, dessen euphorischste Ausschläge Thielemann, der erste Wagner-Versteher auf Erden, entgegennehmen durfte.

Wer solche Dirigate (und einen solchen Chor!) hört, sitzt 2014 wieder im Rumpelzug von Nürnberg nach Bayreuth. Tröstend die Worte einer 80-jährigen Mitreisenden: «Hier beginnt der Märchenzauber – alle Jahre wieder.»