Wahlen
Was die anderen Parteien vom SVP-Wahlkampf lernen könnten

«Geniales Politmarketing», finden die einen, «Gaga-Wahlkampf» meinen die anderen zum SVP-Song. So könnten die anderen Bundesratsparteien die Kultur einspannen.

Benno Tuchschmid
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Anregung an Bundesratsparteien
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Ein Rap-Song mit sozial-angehauchtem Inhalt für die SP
Telenovela für die CVP

Anregung an Bundesratsparteien

Nordwestschweiz

Die SVP lateinamerikanisiert den Schweizer Wahlkampf. Zwischen Mexico City und Montevideo ist es seit Jahrzehnten gang und gäbe, dass Politiker und Parteien im Kampf um Wählerstimmen auf Popkultur setzen. Mit folkloristischen Helden-Gesängen oder auch mal mit harten Disco-Rhythmen. «Venceremos», das Wahlkampflied des 1973 weggeputschten chilenischen Präsidenten Salvador Allende, erlangte gar Weltberühmtheit.

Mit «Welcome to SVP» hält der Wahlkampf-Song nun auch zwischen Rorschach und Carouge Einzug. Musikalisch inspiriert durch den Zuckerwatten-House-Produzenten Antoine Konrad, der als DJ Antoine erfolgreich die Grossraumdiscos dieser Welt beschallt. Ein Welthit wird der Song kaum. Statt von «St. Tropez», wie im Original, handelt der Titel «vo euser Schwiiz» und ihren Vorzügen. Als Produzent zeichnet DJ Tommy alias Thomas Matter, Banker und Nationalratskandidat im Kanton Zürich. In der Schweiz ist das Lied bereits ein Hit. Einstieg auf Platz 6 der Charts, begleitet von einer hitzigen Debatte darüber, ob die Hitparade des gebührenfinanzierten Radio SRF den Wahlkampf-Song zu Recht nicht spielt. Die Schlagzeilen sind der SVP damit seit Wochen sicher.

Auch dank dem begleitenden Video-Clip, mit einem den Rasen trimmenden Nationalrat Christoph Blocher, einem auf dem WC sitzenden Roger Köppel und Natalie Rickli, die Chips essend «Schawinski» beim gebührenfinanzierten Kanal SRF schaut. Die bildenden Künste sind ebenfalls Teil des SVP-Kulturwahlkampfs: Am 11. Oktober wird Christoph Blocher im Winterhurer Museum Oskar Reinhart Teile seiner Hodler-Anker-Giacometti-Sammlung präsentieren. Eine Woche vor der Wahl. Mit der Meisterklasse der Schweizer Kunst gegen die Classe politique. Schon seit einigen Jahren führen Christoph Blocher und Nationalrat Christoph Mörgeli zudem Vortragsreihen über historische Persönlichkeiten durch. Die Säle sind voll.

Die SVP hat die Kultur als Wahlkampfvehikel entdeckt. «Geniales Politmarketing», finden die einen. «Gagaisierung der Politik», schreien die anderen. Wir wollen nicht werten und schweigen höflich, möchten aber zumindest auch den anderen Bundesratsparteien einige Anregungen geben, wie sie ihre Kampagnen kulturell hochrüsten könnten. Eine rudimentäre Skizze:

SP Die Sozialdemokratische Partei braucht einen Song, der direkt ins linke Herz geht. Interpret könnte der Berner Sozialaktivist und Rapper Greis sein. Songtitel: «Roubtier», inspiriert vom literarischen Werk Jean Zieglers. Eingängiger Polit-Rap über fessellosen Kapitalismus, die Nahrungsmittelindustrie und Bio-Rotwein aus der Toskana. Visuelle Umsetzung: Carte blanche für Pipilotti Rist. Es bestehen nur zwei inhaltliche Vorgaben: Mindestens 50 Prozent Frauen im Clip. Und: Bürger mit Migrationshintergrund zwingend. Als literarischer Anker für die Genossinnen könnte ein exklusiver Mundart-Sozialroman von Pedro Lenz dienen. «Dr Sozi bin ig.» Untertitel: «Mundart für alle, statt für wenige.» Eine Geschichte direkt aus dem sozialdemokratischen Alltag, über einen Gymnasiallehrer, der ein Haus erbt und plötzlich reich wird, obwohl er gar nie reich sein wollte.

CVP Die Familienpartei braucht Unterhaltung für die ganze Familie: «CVP – uf und devo» mit Filippo Lombardi um die Welt. Die Kamera begleitet den weitreisenden Fraktionspräsidenten auf seinen Abenteuern in der Ferne. Dokutainment: Adler zähmen in der Mongolei, Botschafter-Treffen in Aserbaidschan oder Demokratie-Werbung in Myanmar. Lässt sich vielleicht sogar in die SRG-Sender hieven. Es bestehen gute Kontakte in die entscheidenden Gremien. Um den Wählern aufzuzeigen, dass die CVP keine lustfeindliche Partei ist, eventuell noch eine Telenovela für Erwachsene. Arbeitstitel: «The C World – Erotik im Christentum», angelehnt an der amerikanischen Serie «The L-Word» über eine lesbische Frauen-Clique. Besetzung: Bischof Huonder (Experte für gleichgeschlechtliche Liebe aus Chur), Doris Leuthard (Bundesrätin und Dusch-Ikone), dazu ein paar knackige Jungs von der päpstlichen Garde. Vorschläge für erste Folgen: «Schatten über der unbefleckten Empfängnis», oder «Männerliebe im Klosterhof». Soundtrack: Bo-Katzman-Chor.

BDP Personifizieren, personifizieren, personifizieren! Das Schicksal der Partei hängt am Schicksal ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Das muss den Wählern klar werden. In einfacher, eingängiger (Bild-)Sprache. Eine Verkleidung der Parteispitze als gelbe Schlümpfe bietet sich an. Virale Kommunikation über das gemeinsame Singen des Schlumpfenlieds («sagt mal wo kommt ihr denn her?» - «Aus Bern und Graubünden bitte sehr!»). Alles unter dem Slogan: «Schlümpfe wählen, Schlumpf stärken». Da die Mitte-Fusion mit der CVP nicht funktioniert hat, müssen eventuell andere Partner gesucht werden. Die Botswana Democratic Party (BDP) ist seit 1966 an der Macht, mit diesem Wissen wäre Widmer-Schlumpfs Bundesratssitz bis 2058 gesichert.