Museum Tinguely

Völker, hört die Kanonen!

Der Mexikanische Künstler Pedro Reyes zeigt im Museum Tinguely seine aus Waffen gebauten Musikautomaten. Dabei geben sich Kunst und politisches Statement die Hand

Mathias Balzer
Drucken
Teilen
4 Bilder
Waffen werden Musikautomaten Pedro Reyes, Disarm Music Box (Glock/Mozart), Disarm Music Box (Beretta/Vivaldi), Disarm Music Box (Karabiner/Matter), 2020, Installationsansicht Museum Tinguely, (v.l.n.r.) Courtesy of the artist ​​​​​​​© 2020 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Waffen werden Musikautomaten Pedro Reyes, Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely Courtesy of the artist © 2020 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Waffen werden Musikautomaten Pedro Reyes, Disarm (Mechanized) II, 2014, Installationsansicht Museum Tinguely Courtesy of the artist © 2020 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr

bz Basel

Pedro Reyes ist ein Künstler mit politischer Botschaft. «Ich möchte die Stigmatisierung von Waffen erreichen», sagt er in einem Interview mit Roland Wetzel, Direktor des Museum Tinguely, und Kurator der Ausstellung «Return to Sender».

Das Gespräch ist in einer kleinen Broschüre nachzulesen. Sie hat witzigerweise das Format der Merkblätter der Schweizerischen Armee, obwohl sie ein einziges Plädoyer für die Abschaffung von Waffen ist. «Ich halte die Prämisse, dass es nicht Waffen sind, die Menschen töten, sondern Menschen, die Menschen töten, für Schwachsinn», sagt Reyes im Interview.

«Das ist ein Mythos, erfunden von jenen Menschen, die Waffen herstellen, um weiter ihren Geschäften nachgehen zu können. Eine Handvoll Unternehmen, die bereits ein immenses Vermögen mit Waffenverkauf verdient haben.»

Und weiter: «Die Hinterfragung der Waffenindustrie ist meiner Meinung nach ein moralisches Prinzip, und ich rufe alle Erdenbürger auf, die Stigmatisierung und Verurteilung dieser Unternehmen zu stützen.»

Aus Waffen werden Schaufeln und Bäume

Reyes ist Mexikaner und lebt in der Hauptstadt seiner Heimat, die seit Jahrzehnten vom Drogenkrieg verwüstet wird. 35 000 Tote waren es alleine 2019. Der 48-jährige Künstler beschäftigt sich in seinen Projekten seit 2007 mit Waffen. Nicht das Atelier ist sein Arbeitsraum, sondern die Gesellschaft als soziale Plastik.

Für «Palas por Pistolas» («Schaufeln für Pistolen») arbeitete er mit den Behörden von Culiacán zusammen. Die Bevölkerung der mexikanischen Stadt erhielt für die Abgabe von Waffen Lebensmittelgutscheine. Die Waffen wurden eingeschmolzen und zu 1527 Schaufeln gegossen, mit welchen wiederum 1527 Bäume gepflanzt werden. Einer, eine Kastanie, wird im September im Park vor dem Museum Tinguely gesetzt.

Es sind solche Transformationsprozesse, die den Künstler interessieren. «Etwas, das gebaut worden ist, um das Leben zu beenden, wird zu einem Werkzeug, das Leben schafft.»

Für ihn ist diese Verwandlung ein universeller, gar alchemistischer Prozess, an dem wir alle teilhaben: «Bei der Alchemie geht es nicht nur um eine physische Transformation von Materie, sondern auch um deren spirituelle Transformation.» Sie sei eine Metapher für die Arbeit, die wir mit unserer Psyche bewerkstelligen müssten, auf einer individuellen und kollektiven Ebene.

Reyes zeigt in Basel neben der Schaufel und der Kastanie zwei weitere Werke. Die Ausstellung ist bereits die fünfte einer Reihe, die zeitgenössische Positionen in Dialog mit Jean Tinguelys «Mengele Totentanz» stellt. Ein Totentanz ist denn auch die Arbeit «Disarm», die Reyes seit 2012 in unterschiedlichen Varianten durchspielt. 6700 Waffen, die im mexikanischen Drogenkrieg konfisziert worden sind, verwandelt er in Musikinstrumente. Die erste Serie wurde von befreundeten Musikern bespielt. Die in Basel zu sehende ist die mechanisierte Variante und passt nicht nur deshalb hervorragend zu Tinguely Werk.

Klavier, Harfe, Bass, Schlagzeug, Xylophon, Glockenspiel: alle aus Waffenteilen zusammengeschweisst und durch ausgeklügelte Mechanik zum Klingen gebracht. Zehn Stunden dauert Reyes Komposition. Ein Klangteppich, atmosphärisch floatend, ein klagender Sound, der tickt und tackt, aufbraust und still wird, dann wieder groovt, rätselhaft und unheimlich.

Mozart, Vivaldi und Mani Matter

Flankiert werden diese schwarzen Klangapparate von drei überdimensionierten, goldenen Musikspieldosen, die «Disarm Music Boxes», die Reyes extra für Basel geschaffen hat. Die Klangkörper der Dosen sind Pistolen- und Gewehrläufe.

Diejenigen der österreichischen Waffenfirma Glock spielen eine Sequenz aus Mozarts 40. Symphonie. Auf den italienischen Berettas erklingt das Herbstthema aus Vivaldis «Vier Jahreszeiten». Die Schweizer Karabiner werden zum Klangkörper für Mani Matters «I han es Zundölzli azündt». Für Reyes eine Aufforderung an die Waffenkonzerne, ihre Ware wieder zurückzunehmen. In seinen Worten: «Den dunkelsten Teil der menschlichen Natur zu nehmen und ihn in einen leuchtenden verwandeln.»

Wie politisch kann Kunst sein?

Trotz aller Konsequenz wirft die Arbeit Fragen auf. Während die aus Waffen gewonnenen Schaufeln und Bäume klar in einem sozialen Kontext verortet sind, denn Lebensmittelgutscheine und Bäume kommen der Allgemeinheit zugute, verwandelt Reyes in den anderen Arbeiten Waffen in Kunst, die wiederum zur Handelsware wird. Er geht damit das Risiko ein, dass seine Kunst am Ende in die Hände derjenigen kommt, die er anprangert. Was beispielsweise bei der Sammlung einer international tätigen Bank der Fall wäre, auf deren Konten auch Geld aus dem Waffenhandel liegt.

Roland Wetzel relativiert diesen Zweifel: «Pedro Reyes ist Künstler und produziert Kunst. Wer diese letztendlich kauft, entzieht sich seiner Kontrolle. Aber selbst, wenn es eine solche Bank wäre: seine Kunst würde dadurch nicht kompromittiert, denn die Message bleibt unangetastet.»

Fairerweise muss auch gesagt sein, dass die Ausstellung in Basel bewusst nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Werk des Künstlers zeigt, eben denjenigen, der sich auf so wunderbare Weise mit Tinguelys Totentanz verbindet. Das Gesamtwerk von Reyes geht aber weit darüber hinaus. Seine Kollektivperformances, Architekturarbeiten und partizipativen Projekte weisen in ihrer Bedeutung und Wirkung weit über den eigentlichen Kunstmarkt hinaus. Es sind soziale Plastiken im besten Sinne: Diese Kunst zielt direkt auf eine Veränderung der Gesellschaft.

Pedro Reyes «Return to Sender» Bis 15. November, Museum Tinguely, Basel.