Roman
Unmögliche Liebe: die Geschichte der einst reichsten Erbin der Schweiz

Literatur In seinem neuen Roman schreibt Lukas Hartmann über Lydia Welti-Escher – wie vor einem halben Jahr auch unsere Autorin. Es sind zwei unterschiedliche Annäherungen an die einst reichste Erbin der Schweiz

Stef Stauffer
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Karl Stauffers Gemälde von Lydia Welti-Escher veranlasste Autor Lukas Hartmann zu seiner Annäherung an die Figur. Wikipedia

Karl Stauffers Gemälde von Lydia Welti-Escher veranlasste Autor Lukas Hartmann zu seiner Annäherung an die Figur. Wikipedia

Lydia Welti-Escher ist die 1858 geborene Tochter des berühmten Alfred Escher, der wie kein anderer Einfluss auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert hatte. Schwester und Mutter sterben früh, so wächst Lydia an der Seite ihres mächtigen Vaters auf dem Zürcher Anwesen Belvoir auf und verkehrt in der gehobenen Gesellschaft. Sie steht dem Vater mit Rat und Tat zur Seite, übernimmt die Rolle der Gastgeberin im feudalen Haus. Kurz nach dem Tod Eschers heiratet die reiche Lydia den Sohn des einflussreichen Bundesrats Emil Welti aus dem Aargau. Ihr Mann Friedrich Emil Welti macht Karriere als Manager und Rechtshistoriker, die Führung des Haushalts auf dem Belvoir füllt sie als gebildete und kultivierte Frau nicht aus.

Erst die Begegnung mit dem Berner Künstler Karl Stauffer lässt sie wieder aufleben, und als er sie porträtiert, entsteht eine Verbindung, die dank regem Briefwechsel in Vertrautheit und, nach dem Umzug der Weltis nach Italien, in einer Affäre gipfelt. Doch der Einfluss von Lydias Schwiegervater verhindert eine gemeinsame Zukunft. Er lässt Stauffer in Haft und Lydia ins Irrenhaus einweisen. Sie sehen sich nie wieder, beide sterben knapp über 30-jährig.

So weit eine Geschichte, die das Leben schrieb. Ein tragischer Stoff, der für eine literarische Verarbeitung prädestiniert ist und nun erstmals gleich in zwei Romanen aufgegriffen wird.

Das Leben als Roman

Lydia ist unnahbar, als Person sperrig und unzugänglich. Trotzdem versuche ich als Autorin, mich ihr schreibend zu nähern. Die Biografien und Briefe, Publikationen und Zeitzeugnisse sind umfang- und aufschlussreich. Was zum guten Schluss jedoch fehlt, sind Lydias verschollene Tagebücher – ich schreibe diese also selber. Werde Lydia beim Erzählen, interpretiere die Figur, so entsteht eine Innenschau.

Anders macht es Lukas Hartmann in seinem neuen Roman «Ein Bild von Lydia». Er, vertraut im Umgang mit historischen Figuren, bleibt auf der Position des Beobachters. Doch nicht er selber ist es, der die rätselhafte Dame begleitet, es ist das Dienstmädchen Louise – auch sie hat real existiert – welches an Lydias Seite die Ereignisse durchlebt und die schicksalhaften fünf Jahre der Protagonistin schildert, in für Szenerie und Zeit stimmigem Stil.

Ein kluger Schachzug des Autors, der eine Frau als Protagonistin wählt. «Es ist ja eher so, dass die Figuren mich wählen», meint Hartmann dazu. Frauen und Männer halten sich als Hauptpersonen in seinen bisher erschienenen Romanen nämlich die Waage, und für ihn gibt es nicht die Kategorien der ausschliesslichen Frauen- oder Männerbücher. Denn die Auseinandersetzung mit Abhängigkeit und Eigenmacht, die auch in der Geschichte Lydias ein zentraler Punkt ist, ist für ihn geschlechterunabhängig und mit ein Auslöser, sich mit dem komplexen Beziehungsgeflecht rund um Lydia zu befassen.

Der Vergangenheit und realen historischen Figuren als Ausgangslage begegnet man in Lukas Hartmanns Romanen für Erwachsene immer wieder. Veranlasst zur Annäherung an Lydias Lebensgeschichte hat ihn anfänglich die Faszination für die Malerei, speziell die des Berner Künstlers Karl Stauffer. «Aus dem Leben gegriffenes Material ist für mich mit einem Teig vergleichbar, der langsam aufgeht und den ich nach eigenem Belieben formen und ihm seine spezifische Gestalt geben kann», sagt er. Trockene Sachverhalte werden von ihm belebt und die Protagonistinnen und Protagonisten mit Gefühlen versehen. Lukas Hartmanns Anspruch bei der literarischen Umsetzung eines existenten Stoffs ist, ausser der Genauigkeit im Ausdruck und dem Rhythmus seiner Sprache, die Authentizität der Grundcharaktere von Figuren und Geschehnissen. «Wilde Erfindungen sind nicht das, was ich will.» Demzufolge bleibt er in seiner Aussensicht nah an den biografischen Fakten, und so ist sein – beziehungsweise Louises – Bild von Lydia ein wirklichkeitsnahes.

Wer das Schicksal der in Ungnade gefallenen Dame aus bestem Haus nicht kennt, wird mit diesem fundiert recherchierten Roman auf ergreifende Art und Weise faktisch präzis ins Bild gesetzt und bekommt die schier unglaublichen und skandalösen Ereignisse aus nächster Nähe und, den harten Tatsachen entsprechend, recht bedrückend vor Augen geführt.

In meinem Roman «Die Signora will allein sein» habe ich mir hingegen die Freiheit genommen, die Pflegerin Fernanda zu erfinden, in der Lydia ein ebenbürtiges Gegenüber findet und sie deshalb ins Vertrauen ziehen kann. Genau diese fiktive Figur hat Lukas Hartmann beim Lesen anfänglich befremdet – gerade weil er Lydias Geschichte kennt. Doch schliesslich hat ihn diese Wendung überzeugt, weil die Konstellation passt, vielleicht auch, weil Fernanda den Aspekt in Lydias Persönlichkeit verkörpert, den diese, gefangen in ihren Zwängen, nicht leben kann.

Melancholie und Zuversicht

Lukas Hartmanns Kernthema ist nicht selten die Endlichkeit der Lebenszeit. So auch in «Ein Bild von Lydia». Den Anfang der Erzählung macht die Beerdigung Lydias, den Abschluss der Suizid. Trotzdem bleibt ein Lichtblick, denn Luise, von der Hartmann ein berührendes Bild malt und die in den beschriebenen fünf Jahren vom unbescholtenen Mädchen zur jungen Frau heranwächst, verliebt sich in einen rechtschaffenen Mann. Wenigstens diesen beiden steht die Zukunft offen.

Ich aber will meiner Protagonistin selber mehr Perspektive zubilligen, und so lasse ich die eigene Geschichte dort enden, wo sich die Signora aus ihrem Korsett aus Konventionen befreit zu haben scheint, noch bevor sie auf dem Weg, den sie allein gehen will, dann knapp zwei Jahre später endgültig scheitert. Dieses Ende ist ja bekannt, so wie die ganze Geschichte. Wie unterschiedlich man sich ihr auf literarischen Wegen nähern kann, zeigen die beiden völlig unbeabsichtigt fast zur gleichen Zeit erschienen Romane zu Lydia Welti-Escher. Sie sind weniger Konkurrenz, als dass sie sich in erhellender Art ergänzen.

Lukas Hartmann «Ein Bild von Lydia» Diogenes-Verlag, 356 S.

Stef Stauffer «Die Signora will allein sein» Münster-Verlag, 251 S.