Cartoonmuseum
Titeuf-Schöpfer: «Wir sind gegen die Gefühle geimpft»

Titeuf ist eine der beliebtesten französischsprachigen Comicfiguren. Jetzt spricht sein Zeichner.

Anna Riva
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Der Genfer Zeichner Zep, alias Philippe Chappuis, denkt, dass heute zu wenig gelacht wird.

Der Genfer Zeichner Zep, alias Philippe Chappuis, denkt, dass heute zu wenig gelacht wird.

Nicolas Righetti /rezo.ch

Zep, Ihre Schöpfung Titeuf ist zwar erst zehn Jahre alt, denkt aber oft über Probleme der Erwachsenenwelt nach. Der designierte US-Präsident Donald Trump ist offenbar ein Mann, der die Klimaerwärmung für eine Erfindung der Chinesen hält. Könnte das ein Thema für Titeuf sein?

Zep (Philippe Chappuis): Auf jeden Fall, ja. Das ist eine Frage, die mich sehr interessiert. Ich arbeite gerade an einem ganzen Album, das dem Thema Umwelt gewidmet ist, jedoch kein Titeuf-Album ist. Allerdings behandle ich die Aktualität grundsätzlich weniger gern, denn ich zeichne Comics, und Comics leben länger als Pressezeichnungen. Comics erzählen Geschichten. Der Zeichner muss nicht unmittelbar auf etwas reagieren, er hat mehr Zeit für seine Arbeit.

In einem Interview mit «Le Monde» sagten Sie, dass Ihr Stift Ihnen die Macht verleiht, die Gewalt zu entschärfen. Einmal haben Sie Titeuf als Flüchtling gezeichnet. Haben Comics eine gesellschaftliche und moralische Pflicht, gewisse Themen zu behandeln, die die Gemeinschaft betreffen?

Ich weiss nicht, ob man von einer Pflicht sprechen kann. Ich denke eher, dass der Comic es möglich macht, eine Idee zu entwickeln. Ich habe festgestellt, dass der Humor die Menschen zusammenkommen lassen kann. Durch den Humor kann man Dinge verstehen lassen. Die Grundlage ist dabei der Selbstspott. Man muss lernen, über sich selbst zu lachen. Ich habe das durch die Comics gelernt.

Inwiefern?

Wir sind alle miteinander vereint, wir sind eine Menschheit, auch wenn jeder und jede seine eigene Geschichte hat. Ich glaube, dass das Lachen die Menschen um den Begriff von einer gemeinsamen Menschheit versammeln kann – mehr als ein politischer oder ein religiöser Grundsatz. Ich fühle mich als ein Mensch, ganz egal, woran ich glaube. Einmal glaube ich an etwas, ein anderes Mal glaube ich an etwas anderes. Wir wissen nicht, wer Recht hat. Wir werden wohl sehen. Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wir wissen nicht, ob Trump ein guter Präsident sein wird. Wer weiss. Aber solange wir alle zusammen um einen Tisch sitzen und miteinander lachen können, haben wir etwas gewonnen.

Lacht man heutzutage zu wenig in der Schweiz?

Ja. Obwohl wir in der Schweiz eine gewisse Selbstironie kennen, die in Frankreich nicht so üblich ist. Dort sieht man keinen Mächtigen über sich selbst lachen. Es ist komplizierter.

Der Comic, in dem Titeuf als Flüchtling auftrat, führte zu starken Reaktionen. Ein Phänomen, das Sie als paradox definierten, denn – wie Sie meinten – es handelte sich um genau dieselben Menschen, die von einer Nachrichtenmeldung unbewegt blieben. Braucht der Mensch unbedingt ein Bild, um sich etwas ins Bewusstsein zu rufen?

Schwierig zu sagen. Ich denke, wir sind heute gegen die Gefühle geimpft. Wir möchten nicht mehr davon erreicht werden, denn sie sind zu hart zu erleben. Nun, der Comic ist kein Feld, wo man erwartet, berührt zu werden. Deswegen ist es auch ein Mittel, um Dinge zu sagen.

Inwiefern kann der Blick eines Kindes zur Behandlung von Themen wie Ungerechtigkeit, Sucht, Krankheit, Sex beitragen?

Ein Kind kennt keine Tabus, kennt keine Höflichkeit. Die Kinder haben einfach die Lust zu wissen. Diese Freiheit tut gut. Spricht man unter Erwachsenen über die Umwelt, gibt es Dinge, die man nicht sagt, denn man fühlt sich dumm. Ein Kind reagiert anders, versteht nicht, fragt: «Wieso sagen Sie das und werfen Ihren Müll in den Rhein?» Die Kindheit ist das: Man erhält viele unverständliche Botschaften, und man muss sich sein eigenes Weltverständnis aufbauen. Das verkörpert Titeuf für mich.

Deswegen behandeln Sie in Titeuf «Erwachsenen»-Themen.

Ja. Und ich behandle sie, weil sie Teil der Kindheit sind. Ein Kind versteht nicht. Wir Erwachsenen tun hingegen so, als würden wir verstanden haben, obwohl es nicht so ist. Wir sind vernünftig geworden, wir sagen: «Gut, es ist halt so.» Ein Kind fragt weiter. Als ich ein Kind war, habe ich das oft gehört: «Du wirst es verstehen, einmal wenn du erwachsen sein wirst.» Ich stellte mir also vor, dass ich eines Tages plötzlich alles verstehen werde, wie aus Magie. Das stimmt nicht. Wir verstehen nicht mehr als damals. Es ist nur so, dass man akzeptiert, dass man nicht versteht und macht so, als hätte man verstanden.

Sie beschäftigen sich jenseits von Titeuf auch mit realistischeren Formaten. Hat Titeuf denn Grenzen, die nicht überwunden werden können?

Ja. Titeuf stellt eine kindliche Anschauung der Welt dar. Die Grenze ist also die Kindheit selber. Ich kann alle Themen behandeln, aber lediglich durch das Prisma der Kindheit betrachtet. Wenn man ein Kind ist, gibt es Themen, die uns nicht interessieren. Ausserdem ist es für mich wichtig, von einem Thema zu einem anderen zu wechseln. Es ist eine Art, sich nicht zu langweilen. Ich brauche es, morgens aufzustehen und mich auf die Arbeit zu freuen.