Im Theater mit
Thierry Moosbrugger: «Jesus ist hier wie ein Zauberlehrling»

«Das ist gar nicht so verstaubt.» Der Theologe und Seelsorger Thierry Moosbrugger besuchte mit der bz «Jesus Christ Superstar»

Susanna Petrin
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Thierry Moosbrugger vor einem «Jesus Christ Superstar»-Plakat im Theater Basel.

Thierry Moosbrugger vor einem «Jesus Christ Superstar»-Plakat im Theater Basel.

Roland Schmid

Thierry Moosbrugger, Sie haben zwei Verfilmungen und mehrere Inszenierungen von «Jesus Christ Superstar» gesehen, Sie scheinen von diesem Musical sehr angetan zu sein?

Thierry Moosbrugger: Ich kannte es vorher gar nicht und musste mich vorbereiten! Als ich erfahren habe, dass das Theater Basel das aufführt, dachte ich zuerst: «Wie kommen die dazu, so eine alte Kamelle aufzuführen?» Dann informierte ich mich und stellte fest: Das ist gar nicht so verstaubt. Das ist in den letzten Jahren sehr oft sehr erfolgreich aufgeführt worden.

Und was halten Sie davon?

Im Rückblick ist es eine Rockoper, die Anfang der 70er-Jahre grosse religiöse Fragen zum ersten Mal explizit formuliert hat. Und sie hat Antworten gegeben, die auf der Höhe der Zeit waren und heute in der Kirche schon fast Common Sense sind. Zum Beispiel die neue, differenziertere Sichtweise auf Judas. Die vielen Inszenierungen zeigen auch, welche Weite in diesem Musical drinsteckt. Es schillert in derart vielen Farben, dass man immer wieder etwas Neues daraus machen kann. Der Basler Regisseur Tom Ryser hat dabei Mutiges gewagt.

Was ist denn an der Inszenierung am Theater Basel so mutig?

Ryser hat auf inszenatorische Steilvorlagen verzichtet, die ihm auf einfache Weise Effekte gebracht hätten. Es wäre zum Beispiel einfach gewesen, Jesus’ Jünger als aktuelle Protestbewegung darzustellen: der Kartonteller-Protest an der letzten Art etwa oder aktueller die Hausbesetzung im St. Johann hätten sich angeboten. Oder er hätte die Erotik zwischen Jesus und Maria herausstellen könne. Oder Judas’ Selbstmord und Jesu’ Kreuzigung als Schockermomente. Da holt man die Zuschauer zu 100 Prozent – aber stets auf die Gefahr hin, oberflächlich zu bleiben. Ryser hat das alles nicht getan und versucht, in die Tiefe zu gehen, differenzierter zu sein.

Etwas wegzulassen macht aber alleine noch keine interessante Inszenierung aus.

Nein, aber der Verzicht an sich ist mutig. Dafür gebührt ihm Respekt. Auch wenn ihm meines Erachtens nicht alles gelungen ist.

Alles in allem ist es ein ziemlich konventionell gemachtes Musical, wie es auch im Musicaltheater gezeigt werden könnte.

Ja. Auch das macht es mutig in meinen Augen. Ryser hat sich auf die menschliche Ebene konzentriert, auf die Hauptpersonen. Jesus ist bei ihm wie ein Zauberlehrling, der mit seinem Charisma spielt wie ein Junge. Judas und Magdalena stehen für je einen Teil seiner Bewegung: Judas für den sozialen, Maria Magdalena für den spirituellen. Judas scheitert, Maria Magdalena übernimmt am Ende Jesus’ Führungsrolle.

Müsste das Musical eigentlich nicht «Judas» heissen? Er ist die interessantere Figur, seine Rolle wird neu interpretiert.

Vielleicht müsste das Musical tatsächlich Judas heissen. In Basel sind die drei Figuren Jesus, Maria Magdalena und Judas aber etwa auf Augenhöhe.

Judas wird dargestellt als einer, der bei aller Liebe zu Jesus die Schwächen und Gefahren seiner Bewegung erkannte. Sein Verrat wird im Musical nachvollziehbar gemacht. Eine schlüssige Interpretation?

Ja, sonst hätte das Musical keinen solch riesigen Erfolg gehabt. Eine Geschichte, die sich zig Millionen Mal verkauft, klingt stets eine wichtige Seite im Menschen an. Das gilt für die Bibel genau so wie für «Star Wars» oder «50 Shades of Grey». Auch als Theologe schätze ich es, dass man von einer Schwarz-Weiss-Sicht auf Judas weggekommen ist.

«Superstar» ist ein schwieriges Wort im Zusammenhang mit Jesus. Er war doch gegen das Streben nach Ruhm und Macht.

Das Wort spielt mit vielen Widersprüchen: Einerseits gibt es die faktische Verehrung, die die Kirche auch fordert. Anderseits verlangt dieselbe Kirche Demut und stellt Jesus als demütig dar. Wie funktioniert echtes Leading, ohne Superstar zu werden? Das ist eine Kernfrage, die sich jede Leaderin, jeder Leader weltweit stellen muss. Wo überschneiden sich meine Botschaft und meine Persönlichkeit? Und wie kann ich das auseinanderhalten? Das ist immer sehr schwierig für den betroffenen Menschen. Eine grosse Idee kann man nicht durchbringen, ohne sich selbst als Person ins Spiel zu bringen. Menschen brauchen Menschen, die sie mit einer Idee in Verbindung bringen können.

Jesus kam in einer grausamen Zeit zur Welt. Barmherzigkeit als Tugend war ein fremdes Konzept. Als er Vergebung bis zur Feindesliebe predigte, war das eine Revolution?

Jesus hat nichts erfunden. Jeder einzelne Satz ist eingebettet in die jüdische Tradition. Jesus hat aber das Vorhandene seiner Zeit genial auf den Punkt gebracht.

Aber seine Botschaft wird bis heute nicht wirklich ernst genommen. Warum sind die Christen, warum ist die Kirche oft so unchristlich?

Wir können nicht wissen, wie es unserer Welt gehen würde, wenn es Jesus und das Christentum nicht gegeben hätte. Ausserdem ist das eine Frage des Fokus. Zu sagen, die Kirche sei unchristlich, ist so, wie wenn man sagte: Alle Fussballfans sind Hooligans. Die Kirche hat eine Blutgeschichte, aber sie hat auch eine Segensgeschichte. Die Menschenrechte basieren auf biblischen Werten. Unser Sozialstaat und unser Bildungswesen basieren auf kirchlichen Erfindungen.

Wäre Jesus zufrieden mit der Entwicklung des Christentums?

Natürlich mit vielem nicht. Wir Menschen sind immer Menschen. Ob mit oder ohne Christentum, mit oder ohne Islam, mit oder ohne Glauben. Es kommt darauf an, was wir aus einem reichen Schatz machen.

Fällt es Ihnen leicht zu glauben?

(längeres Schweigen) Ja.

Wie halten Sie es mit der Theodizee? Also wie können Sie an einen Gott glauben angesichts von so viel Leid und Übel auf der Welt?

Darauf gibt es keine Antwort. Zum Glück eigentlich. Das wäre eine Ideologie und somit ganz schnell eine Diktatur. Die Natur hat keine Moral. Aus der Theodizee-Frage heraus ist die Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod erwachsen, das diese Tragödie unseres Lebens auflöst. Ich glaube daran, dass ich lernen kann mit den Brüchen meines Lebens leben zu können – auch damit, dass es Unrecht gibt.

Wie geht man damit um als Gläubiger? Wenn man konkret an einen gütigen Gott glaubt, der die Welt gestaltet?

An einen Gott, der irgendwo da oben an Marionettenfäden zieht, glaube ich nicht. Es gibt Situationen in meinem Leben, die ich mir nicht anders erklären kann als mit einem Wunder. Eigentlich alles, das mit Resilienz zu tun hat. Wenn etwa Kinder, die eine traumatische Kindheit hatten, gesunde Erwachsene werden. Es ist unglaublich, wie viele Menschen mit schlimmen Erlebnissen zu stabilen, wunderbaren Menschen werden – oder es bleiben.

Ihr Vorbild ist ein sehr kritischer Denker, dem die katholische Kirche sogar die Lehrerlaubnis entzogen hat, Eugen Drewermann. Weshalb?

Er verlässt die oberflächliche Ebene von Wahrheit. Stattdessen legt er eine tieferliegende Ebene frei, in der es um Lebenswahrheit geht. Die grossen Geschichten, auch in der Bibel, hängen sich nicht daran auf, ob Maria keinen Sex hatte und darum Jungfrau war; sondern daran, dass etwas Unerwartetes passiert, etwas, das jegliches menschliche Ermessen sprengt, sogar die Biologie! Interessanterweise nimmt etwa «Star Wars» diese Jungfrauengeburt wieder auf: Anakin Sykwalker wird von einer Jungfrau geboren. Als Heilsbringer wie Jesus – allerdings führt Skywalkers Scheitern ihn zum Bösen. Ob «Star Wars» oder die Jesusgeschichte – solche Erzählungen versteht jedes Kind. Darum überlebte die Jesusgeschichte bereits 2000 Jahre – und wird sogar zum populären Musical. Es ist eine Geschichte vom Leben.

Erfolgsmusical Die nächste Vorstellung von «Jesus Christ Superstar» findet heute Abend statt. Weitere Daten siehe unter www.theater-basel.ch.