Theater
«Theater ist ein kraftvolles Ritual, stärker als die katholische Kirche»

Gespräch mit Luk Perceval, einem der hervorragendsten Regisseure unserer Zeit, über die Bedeutung des Theaters und sein zur Inszenierung des Jahres gekürtes Stück «Jeder stirbt für sich allein».

Susanna Petrin
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Szene aus dem Theaterstück von Hans Fallada: «Jeder stirbt für sich allein»

Szene aus dem Theaterstück von Hans Fallada: «Jeder stirbt für sich allein»

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Theater soll Widerstand bieten. Warum ist das wesentlich?

Luk Perceval: Das Theater braucht eine gewisse Form von Provokation, sonst ist es langweilig. Das sage ich nicht nur als Theatermacher, das sage ich auch als Zuschauer. Ein Freund von mir, übrigens ein Schweizer, hat mal gesagt: «Eigentlich müsste Theater sein wie ein Bordell. Man muss Lust haben, reinzugehen, aber auch Schiss.» Theater soll ein Ort sein, der attraktiv und sinnlich ist. Aber auch ein Ort, an dem man herausgefordert ist, weil man Stellung beziehen muss. Auch gegenüber sich selbst. Die Figuren auf der Bühne hinterfragen die eigenen Lebensentwürfe.

Zur Person Luk Perceval, 1957 in Belgien geboren, ist leitender Regisseur am Thalia Theater Hamburg und gehört zu den erfolgreichsten Theaterschaffenden Europas. Seine Inszenierung «Jeder stirbt für sich allein» nach dem Roman von Hans Fallada ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von «Theater heute» zur «Inszenierung des Jahres 2013» gewählt worden. (bz)

Zur Person Luk Perceval, 1957 in Belgien geboren, ist leitender Regisseur am Thalia Theater Hamburg und gehört zu den erfolgreichsten Theaterschaffenden Europas. Seine Inszenierung «Jeder stirbt für sich allein» nach dem Roman von Hans Fallada ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von «Theater heute» zur «Inszenierung des Jahres 2013» gewählt worden. (bz)

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Das Theater als Spiegel?

Ich bin davon überzeugt, dass Theater - wie jede Kunstform - existiert, weil es ein nicht-ideologischer Raum ist, in dem wir uns viele Fragen stellen können - und nicht unbedingt einfache Antworten bekommen. Die gibt es nämlich nicht im Theater - ebenso wenig wie im Leben. Es gibt eigentlich nur Fragen und Zweifel. Darum haben wir Kunst erfunden, so, wie wir Philosophie und Religion erfunden haben. Aber im Fall der Religion gibt es immer eine Art Beruhigungs-Theorie. Die hat Theater nicht bereit. Hamlet fragt in vielen Variationen: Sein oder Nichtsein? Das ist nicht umsonst einer der Urtexte des Theaters.

So viele existenzielle Fragen und nie auch nur eine einzige Antwort?

Die einzige Antwort, die wir kriegen, ist, dass wir im Nichtwissen alle ähnlich sind, das heisst, dass die Suche nach Antworten uns vereint oder vereinen kann. Das ist das Ritual des Theaters. Wir sehen Geschichten, die wir sehr oft wiedererkennen: über uns, über unsere Eltern, unsere Grosseltern. Durch diese Geschichten spüren wir, dass wir eigentlich alle die gleichen Ängste und Unsicherheiten teilen. Das ist für mich der Grund, warum Theater ein Hoffnungsraum ist, in dem es Berührungen gibt, in dem man sich noch begegnet.

Das spürt man in Ihrem heuer am Berliner Theatertreffen ausgezeichneten Stück «Jeder stirbt für sich allein». Man fängt beim Zuschauen selbst an, sich zu hinterfragen.

Ganz viele Leute haben mir das erzählt. Mir geht es ähnlich. Inwiefern wäre ich bereit, ein System zu hinterfragen, wenn ich mich dabei selber in eine unsichere Position begebe? Das sind sehr aktuelle Fragen. Denn wir leben in einem kontrollierten System. Falladas Roman ist in England ein Bestseller - gleichzeitig gibt es in jenem Land über eine Mil lion Überwachungskameras und seit Neustem einen der grössten Überwachungsskandale. Ich verstehe, warum dieses Buch besonders in England und Amerika so beliebt ist, warum die Leser dort sich wiedererkennen in einem «Big Brother is watching you»-System.

Jeder Vergleich mit der Nazizeit ist sehr heikel.

Natürlich. Doch wir leben in genauso unsicheren wirtschaftlichen Zeiten. Wir haben keinen Krieg jetzt. Aber es gibt vor allem unter jungen Menschen sehr viel Stress. Viele befürchten, dass sie im heutigen Wirtschaftssystem keinen Platz finden werden. In dem Sinne ist die Überlebensangst vergleichbar.

Haben solche Überlegungen Sie zu dieser Stückwahl aus der NS-Zeit geführt?

Ich liebe den Autoren Hans Fallada, weil er einfache Geschichten über einfache Menschen schreibt. Sie zeigen, wie solche vernichtenden Systeme funktionieren. Diese profitieren vom Egoismus der Menschen, der sagt: Hauptsache, ich überlebe. Wenn der andere geopfert werden muss, ist das sein Problem. Je mehr Angst die Leute haben, desto leichter sind sie zu manipulieren. Fallada sagt aber nicht: Guck mal, zwischen 1914 und 1945 gab es böse Aliens, die sich die Nazis nannten. Danach sind sie wieder verschwunden. Er zeigt, dass in jedem Menschen ein Nazi steckt, dass jeder dachte: Hauptsache, mir gehts gut - und die Augen vor dem Leid der anderen geschlossen hat. Das zeigt er mit so viel Verständnis, Witz und Liebe zu den Figuren, dass man es verstehen kann.

Und das ist neu?

Ich habe den Eindruck, dass man in Deutschland die Nazi-Vergangenheit vor allem als riesige Verurteilung abhandelt. Das bewirkt, dass man damit natürlich nicht klarkommt. Jede dritte deutsche Familie hat Opfer in diesem Krieg. Wenn die Geschichte nur verurteilt wird, gibt es keinen Raum für Akzeptanz und Versöhnung. Dann bleibt der Konflikt mit der eigenen Vergangenheit, manchmal mit der eigenen Familie, bestehen. Fallada zeigt die Menschen während des Kriegs in Berlin, ihre Unfähigkeit, sich von ihrer Angst zu befreien.

Ist es Ihnen wichtig, solche Situationen immer wieder zu zeigen, damit wir uns innerlich wappnen können?

Theater ist ein ritueller Raum, in dem wir immer wieder versuchen, uns zu versöhnen - um vielleicht daraus ein besseres Leben zu schaffen. Wir müssen immer wieder daran erinnert werden, dass der, der auf der Bühne steht, die gleichen Gefühle und Zweifel hat. Wir brauchen dieses Medium, weil wir von einem Ego angstgesteuert sind, das uns und die Welt ständig aufteilt in ein «Ich» und in «die anderen». Aber wenn wir mit unserer Gesellschaft weiterkommen wollen, müssen wir lernen, den anderen auch als das Ich zu sehen. Dafür ist Theater ein kraftvolles Ritual, stärker als die katholische Kirche - oder dogmatische Glaubensrichtungen. Theater solidarisiert durch Empathie, Mitgefühl, Katharsis.

Es gibt schon so viel Literatur, Filme und Stücke über die Nazi-Vergangenheit. Ich kann mir vorstellen, dass die Theaterleitung sagte: Das wollen die Leute nicht schon wieder sehen.

Genau so war es. Ich habe diesen Roman der Theaterleitung vorgeschlagen und alle sagten: Oh nein, nicht wieder diese Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber was Fallada tut, geht viel weiter. Er zeigt eine Sympathie für die Täter, und dass letztendlich alle, wirklich alle, die Täter sind. Das heisst, dass das deutsche Volk sich selbst verraten und vernichtet hat, jeder war gegen jeden. Das ist eine Perspektive, die meiner Meinung nach noch gar nie erzählt worden ist.

Dabei sieht man auch bei anderen Genoziden, dass Menschen immer wieder fähig sind, so zu handeln. Warum ist dieser Roman eine solche Ausnahme?

Ich glaube, dass die Nazi-Vergangenheit so viel Scham und so viel Schuld ausgelöst hat, dass man diese Vergangenheit nur verarbeiten kann, indem man sich erst mal davon distanziert.

Ist Ihre eigene Familiengeschichte auch damit verbunden?

Total. Das Thema ist in vielen europäischen Familien präsent. Ich komme aus Belgien, auf dessen Boden bei zwei Weltkriegen schwer gefochten wurde. Meine Mutter hat als Sechsjährige in einem Vorort von Antwerpen gelebt, der Klein-Berlin genannt wurde, weil er völlig zerbombt worden ist. Ich habe das Kriegstrauma meiner Mutter mit der Muttermilch mitbekommen. Sie konnte keinen Menschen anschauen, ohne ihn zu verdächtigen. Das hat mich geprägt.

Sie kehren diese Gefühle um?

Ich möchte einen Raum schaffen, in dem dieses Leid geteilt werden kann.

Wie erreichen Sie als Regisseur solche Gefühle und Momente?

Das ist eine der schwersten Aspekte meines Berufs. In vielen Stücken geht es darum, dass man sich von seiner Biografie befreien möchte, dass man tief in der Scheisse steckt und nicht rauskommt. Ich suche täglich mit den Schauspielern in Proberäumen nach Freiräumen. Ich entdecke, dass diese entstehen, indem wir den Schmerz im eigenen Leben teilen. Denn wenn man den Schmerzpunkt bei den Figuren sucht, sucht man ihn letztendlich bei sich selbst. Das ist sehr oft ein schwerer Prozess, aber auch eine tägliche Übung in Empathie und Akzeptanz. Wenn ich keinen Ausgleich wie Yoga hätte, wäre ich schon längst depressiv oder drogensüchtig geworden.

Gibt Ihnen die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen etwas zurück?

Das gibt mir viel Energie und vor allem Lebenslust. Aber es geht nicht nur um die Konzentration auf diese Inhalte, sondern auch darum, diese zu gestalten. Das Thalia Theater wird ermöglicht durch etwa 400 Mitarbeiter. Man ist ständig dabei, Menschen zu motivieren, eine Vision mitzugestalten. Das ist eine Arbeit, die irrsinnig viel Kraft braucht. Und ganz viel Liebe. Aber wie das so ist mit der Liebe: Wenn man fit und ausgeschlafen ist, geht das sehr gut, wenn man aber erschöpft ist ...

Und rein handwerklich? Weiss man mit der Zeit, wie man welche Gefühle bei den Zuschauern auslösen kann?

In Amerika werden Filme von Computerprogrammen gemacht. Da weiss man, welche Farben, Figuren und Augen der Figuren was auslösen. Aber das sind Marketingstrategien. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Werk, das vorkalkuliert, und einem, das von einem Künstler kreiert worden ist. Was uns tief zu treffen vermag, ist die Wahrhaftigkeit eines Menschen. Die ist nicht kalkulierbar. Es gibt Menschen, die wahrhaftig sind in ihrer Artifizialität. Deshalb versuche ich, jedes Stück für und mit einem spezifischen Ensemble zu kreieren. Theater ist einzigartig, weil es nur in dem Moment existiert, in dem man sich trifft, zuschaut und alles andere vergisst. Wenn diese Spannung, diese Erotik da ist, dann bekommt Theater eine Dimension, die nicht zu kopieren ist: Die ist für den Moment einzigartig. Und vielleicht ist sie mit den gleichen Ingredienzien am nächsten Tag nicht mehr da. Das Wunder des Theaters ist nicht zu greifen.

Sie haben sich für eine sehr schlichte Inszenierung entschieden.

Das Erzählen von Geschichten ist die primitivste Form des Theaters. Trotz aller medialen Entwicklungen löst die orale Weitergabe innere Filme aus beim Publikum. Ich bin kein Fan von der Tendenz, das Theater mit Video zu beschmücken. Das Auge wird vom übergrossen Reiz angezogen. Das heisst: Man guckt immer auf die Leinwand, nicht mehr auf den Menschen. Ich freue mich, dass so viel Emotionen freikommen bei diesem Stück mit einem altmodischen Theatermittel, dem Erzählen.

Falladas Ende ist eine optimistische Fiktion. Das Ehepaar zeigte sich in Realität gegenseitig an, als es gefasst wurde.

Fallada glaubt an die Liebe. Die Liebe, die da ist, wenn der Mensch fähig ist, seine Angst zur Seite zu schieben. Diese Geschichte wird erzählt, damit wir uns bewusst werden, wie sehr wir angstbesessen sind und wie leicht wir dadurch manipulierbar sind. In der Realität haben die beiden einander verraten und versucht, sich zu retten. Wir haben während der Proben überlegt, welches Ende wir nehmen. Ich glaube felsenfest, dass in jedem Menschen dieser Kern von Liebe steckt, er muss nur kultiviert werden. Darum war mir dieses Ende wichtiger.
Nächste Vorstellungen am Thalia Theater: 30.10., 5.11., 9.12. und 21.12., jeweils ab 19 Uhr. www.thalia-theater.de