Literatur
Sprache wie Brot und Seidenpapier

Ilma Rakusa und Meral Kureyshi bewegen die deutsche Sprache nicht gleich – und verstehen sich genau.

Tina Uhlmann
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Viel Übereinstimmung über die Generationen hinweg: Die Schweizer Autorinnen Ilma Rakusa (l.) und Meral Kureyshi trafen sich in Zürich.ENNIO LEANZA/Keystone

Viel Übereinstimmung über die Generationen hinweg: Die Schweizer Autorinnen Ilma Rakusa (l.) und Meral Kureyshi trafen sich in Zürich.ENNIO LEANZA/Keystone

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Meral Kureyshi trifft Ilma Rakusa: Die eine war mit ihrem Erstling für den Schweizer Buchpreis nominiert, die andere blickt auf 40 Jahre literarisches Wirken zurück. Ein Gespräch über Sprache als Zuhause in Zeiten von Mobilität und Migration.

«Denkst du schweizerdeutsch?», fragt Ilma Rakusa, Grande Dame der Slawistik, Übersetzerin und Autorin. «Ich glaube schon», antwortet Meral Kureyshi, überlegt, lässt den Blick über Bücherregale und den schwarz glänzenden Flügel im Zürcher Wohnzimmer der Gastgeberin schweifen. «Ja, ich denke schweizerdeutsch.»

Vehement schüttelt Rakusa, seit 65 Jahren in der Schweiz, den Kopf: «Ich nicht! Für mich ist das eine Zombiesprache.» Sie spreche zwar Dialekt, sei aber im Hochdeutschen «zu Hause», der «Sprache des Intellekts». Und das Ungarische, mit dem sie nebst Slowenisch und Italienisch in Ljubljana und Triest aufgewachsen ist? «Das ist die Familiensprache. Die Küchensprache. So spreche ich noch heute mit meinem Bruder und meinem Sohn.»

Schreiben in der Fremdsprache

Im Gegensatz zu Ilma Rakusa, bei der sie am Literaturinstitut in Biel Lyrik belegt hatte, grenzt Meral Kureyshi ihre Sprachen nicht klar voneinander ab. Gedichte etwa schreibt sie in Türkisch und Deutsch. «Ich kann mich nicht entscheiden», sagt die 33-Jährige oft, und man spürt: Sie will sich auch nicht entscheiden. Die Wahl zu haben ist für sie keine Qual, sondern eine Quelle, aus der sie schöpft.

In Prizren im heutigen Kosovo gehörte Kureyshi zur türkischstämmigen Minderheit, die einen alten osmanischen Dialekt spricht. In der Schule wurde türkisch und serbokroatisch unterrichtet, schreiben lernten die Kinder in lateinischer und kyrillischer Schrift. Und nun schreibt sie in Deutsch, betreibt in Bern ein Lyrikatelier und war 2015 mit ihrem ersten Roman «Elefanten im Garten» für den Schweizer Buchpreis nominiert.

«Dreizehn Jahre die Schweiz nicht verlassen. Dreizehn Jahre keine legale Arbeit. Dreizehn Jahre Angst, ausgeschafft zu werden. Nach dreizehn Jahren war ich eine Frau geworden und meine Grosseltern tot.» So steht es in dem preisgekrönten Buch. Doch Meral Kureyshi wehrt sich heftig gegen das Etikett «Migrationsliteratur»: «Das ist nicht mein Thema!» In ihrem Buch gehe es vielmehrum Verlust, um den Tod.

Sprechen in Bildern

«Du hast ein wichtiges Buch geschrieben», beruhigt Ilma Rakusa ihre ehemalige Studentin. «Du musstest das schreiben.» Doch im neuen Roman – er soll bis Ende Jahr fertig sein – will Kureyshi ihre Kindheit und Herkunft konsequent ausklammern. «Vielleicht kommst du später darauf zurück», meint Rakusa, die selber oft über ihre kosmopolitische Kindheit geschrieben hat, und jetzt, mit 70, «wieder vermehrt mit Erinnerung konfrontiert» ist.

«Ich war ein Unterwegskind / in der Zugluft des Fahrens entdeckte ich die Welt, / und wie sie verweht», heisst es in einem ihrer Gedichte. «Ein Kinderzimmer hatte ich nicht. / Aber drei Sprachen, drei Sprachen hatte ich. / Um überzusetzen, von hier nach dort.» Sie möge die kleinen Formen, erklärt Ilma Rakusa. Statt eines Romans hat sie «Erinnerungspassagen» (2009) geschrieben, Essays, Lyrik und lyrische Kurzprosa. «Die Sprache ist für mich wie ein Ball aus Seidenpapier», sagt die Dichterin, die gern in Bildern spricht. «Ich gehe sehr respektvoll und liebevoll mit ihr um.»

«Mir gefällt das Kleine, Dichte auch», pflichtet Kureyshi bei. Als Kind habe sie aus dem Brotlaib das weiche Innere herausgeklaubt und es zu einer harten Kugel zusammengepresst, die sie dann genüsslich verspeiste. «Ein Zauberkügelchen!» wirft Rakusa ein, sichtlich erfreut über die Metapher, die für das Verdichten von Materie zu Poesie steht – und für das Nährende darin.

Ist das Schreiben für die beiden Autorinnen eine Notwendigkeit wie das tägliche Brot? «Es ist ein Zwang», findet die Jüngere. «Eher ein Drang», entgegnet die Ältere. Wenn sie ein, zwei Tage nichts geschrieben habe, leide sie an Entzugserscheinungen und müsse dann unbedingt etwas auf ein Stück Papier notieren. «Also doch ein Zwang», neckt Kureyshi, und räumt ein: «Etwas zwischen Zwang und Drang.» Und dann lachen sie beide über ihre Wortklauberei.

Bis zu ihrer nächsten Begegnung könnte viel Zeit vergehen. Als «Unterwegskinder» reisen sie viel, sind selten lange zu Hause. Das letzte Mal haben sie sich zufällig am Flughafen getroffen: Ilma Rakusa war nach Berlin unterwegs, Meral Kureyshi nach Helsinki. Beide in eigener Sache: um ihre Literatur mit der Welt zu teilen.

Weltliteratur: Vielfältige «Heimat»

An über 30 Orten in Stadt und Region Basel lesen, diskutieren und performen am kommenden Wochenende Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland. Das Schwerpunktthema des diesjährigen Literaturfestivals ist «Heimat». Die 1946 in der Slowakei geborene Autorin und Übersetzerin Ilma Rakusa hält die Eröffnungsrede. Zum Abschluss der Buch Basel wird am Sonntag der Schweizer Buchpreis vergeben. Alle Nominierten sind bis dahin live zu erleben. (izu)

Buch Basel 11. bis 13. November: www.buchbasel.ch

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