Ausstellung
Späte Versöhnung mit Joan Miró, dem Helden meiner Jugendjahre

Das Kunsthaus Zürich zeigt den grossen Spanier Joan Miró wieder einmal in einer gut bestückten, grossen Ausstellung. Tassen und T-Shirts gibts auch.

Sabine Altorfer
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Wie ein vorzeitliches Graffiti: «Peinture (Femme se poudrant)» malte Joan Miró 1949.

Wie ein vorzeitliches Graffiti: «Peinture (Femme se poudrant)» malte Joan Miró 1949.

Successio Miro/Pro Litteris

Joan Miró war ein Malerheld meiner Teenager-Jahre. Ihn trug ich auf Busen und Bauch. Nein, nicht tätowiert. Als T-Shirt. Ebenso Paul Klee. Für dessen buntes Bilderquadrat reichte ein normales T-Shirt, Mirós Komposition aus schwarzen Strichen, gelben und roten Flecken und einem Strichmännchen dagegen brauchte viel mehr Stoff. Das Shirt reichte fast bis zu den Knien. Kleine Kompositionen waren nicht Mirós Ding. Das lernte ich bei meinen ersten zaghaften Museumsbesuchen. Aber ich merkte auch: Dieser Spanier ist Mainstream – und solche T-Shirts peinlich. Ich habe sie längst entsorgt.

Der Eindruck aber, dass Joan Miró – während Jahrzehnten als eigenwilliger Avantgardist gefeiert – in den 1970er-und 1980er-Jahren zum populären Deko-Künstler trivialisiert wurde, den wurde ich nicht so einfach los. Zu Recht. Im Schwang des frühen Kunstbooms wurden seine Grafiken populär, tausendfach verkauft – und tausendfach sollen seine bunt-fröhlichen Lithografien auch gefälscht worden sein. Dieses Gerücht hält sich auch bei den Gemälden hartnäckig. Aber vor allem eignete sich seine lockere-fröhliche Mischung von bunter Abstraktion und Comicfigürchen für Tassen, Bettwäsche, Schirme und tausend unnütze Kleinigkeiten. Das zeigt aktuell auch der Shop im Zürcher Kunsthaus im ersten Teil des grossen Bührle-Saales.

Parcours ohne Beigemüse

Daneben in der Ausstellung wagte ich wieder einmal einen Rehabilitierungs-Versuch für Joan Miró (1893–1983). Denn alles Wissen um die Kunstgeschichte konnte meine Skepsis bisher nie ganz ausräumen. Diesmal aber ist er gelungen. Wenn nicht Zeitgenossen stören, wenn nicht Kraut und Rüben – oder nur wenig Beigemüse – den Blick auf Hauptwerke (meist der früheren Meisterjahrzehnte) verstellten, dann ist der Maler von Mauern und Farben, von symbolischen Strichfrauchen, traurigen Vögeln und mutiger Reduktion eine inspirierende Wucht.

Wer den richtigen Weg durch die baulich etwas gar mächtige Ausstellungsarchitektur findet (nicht gleich rechts abzweigen, sondern erst geradeaus am historischen Fingerzeigfoto des Künstlers vorbei), der kommt auf einem sinnvoll angelegten Parcours an den wichtigsten Stationen des Künstlers vorbei – und merkt wie früh alles Wichtige schon angelegt war.

Die Wand als Inspiration

Wirklich aus dem Rahmen der Ausstellung fällt ausgerechnet das allererste Werk. Die Darstellung des Bauernhofes der Familie Miró in Katalonien. Fast naiv mutet die minuziöse Darstellung von Haus und Hühnerstall, von Garten und Werkzeug an, wäre da nicht die verwitterte Hauswand, die stilistisch aus der plakativen Darstellung ausbricht. Sie ist mit all den Spuren von Wind und Wetter wie in ihrer materiellen Wirkung ein malerisches Meisterstück. Miro brachte dieses Bild 1922 als Erinnerungsstück nach Paris mit, wo er mitten in den Zirkel der Ton angebenden Surrealisten geriet, und musste es um zu überleben verkaufen. Immerhin erwarb es Ernst Hemingway. In Raten.

Wände verwittert, voller Patina und Geschichte imitiert Miro denn auch nach 1922 in seinen Gemälden. Erst sind es braun grundierte Leinwände, später auch grobe Sackleinen und Jutestoffe oder gar mit Teer und Sand haptisch angereicherte Flächen, auf die der Künstler seine Kringel und Striche, seine Farbkleckse und Strichfigürchen aufbringt. Graffitis der Frühzeit quasi. Doch die Bildgründe können auch weiss sein, um die Farben zum Strahlen, die Figuren ins Schweben und die Malerei zu neuer Freiheit zu bringen.

Ob Miró bei den auffällig vielen blaugrundigen Werken Himmel oder Wasser oder doch wieder blaugetünchte Hauswände beschwor, ist umstritten. Wie auch immer: Sie wirken so frisch, dass der Maler bei einem monumentalen Fries für seinen Enkel 1963 wieder auf einen tiefblauen Bildgrund zurück. Ob die im Vergleich zu den Werken aus den 1920er- und 1930er-Jahren etwas gar formalistische Figurenzeichnung nur der Kindlichkeit des Enkels geschuldet war?

Highlights der Zürcher Ausstellung sind mehrer Triptychen, für die offene Kabinette gebaut wurden, so dass die drei Grossformate einen umfangen und eintauchen lassen. Miró variiert dabei jeweils ein Thema: den Weissblau-Kontrast, Schwarze und rote Flecken auf blauem Grund oder besonders eindrücklich der Dreiklang von Tupfern in Gelb, Rot und Blau kombiniert mit einer je anders ausgerichteten dünnen und ins rund ausschwingenden Linie. «Die Hoffnung des zum Tode Verurteilten» betitelte Miró das Werk von 1963. Das verweist, wie die zum Teil düsteren Gemälde und beklemmend wirkenden Figürchen aus den 1930er- und 1940er-Jahren auf die bedrückende Franco-Diktatur wie den Zweiten Weltkrieg.

Wandbild ohne Wand

Danach kamen die fetten Jahre – für Europa wie für Miró. Jetzt konnte er mit Formaten klotzen und verlor dabei manchmal die malerische wie zeichnerische Finesse etwas aus den Augen. Für sein neue Passion – monumentale Wandbilder – war das weniger abträglich. Eine solche Keramikwand besitzt das Zürcher Kunsthaus dank des Kronenhalle-Mäzens Gustav Zumsteg seit 1972. Es war Auslöser für diese Ausstellung – und machte einst Schlagzeilen, weil es für die damalige Zeit die Unsumme von einer halben Million Franken kostete. Heute steht «Vögel die wegfliegen» im verglasten Wintergarten-Café zwar ohne Wand als Rückhalt, aber es verströmt mit seinem dicken und wild verstrichenen schwarzen Farbgerüst und den munteren rot-grün-gelben Vogel- und Pflanzenmotiven eine heitere Stimmung.

Erstaunlich ist, dass sich nicht nur Zürich wieder an Miró wagt, sondern in diesem Jahr in Hamburg und Düsseldorf nach dem Verhältnis des Malers zur Literatur nachgespürt wurde. Joan Miró scheint wieder entdeckt zu werden. Ob ich bald wieder jugendlichen Miró-T-Shirt-Trägerinnen begegne?

Joan Miró – Mauer, Fries, Wandbild Kunsthaus Zürich, bis 24. Januar.

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