Theater Basel
So betörend schön kann Langeweile sein

Regisseur Thom Luz inszeniert erstmals einen Klassiker. Er macht in Basel aus «Leonce und Lena» ein Sprach- und Klangfest

Mathias Balzer
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Leonce und Lena Thom Luz inszeniert Georg Büchner
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Leonce und Lena Thom Luz inszeniert Georg Büchner

Leonce und Lena Thom Luz inszeniert Georg Büchner

Schweiz am Wochenende

«Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile, und – das ist der Humor davon – alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum.»

Solche verzweifelt heiteren Sätzen sind es, die Georg Büchners «Leonce und Lena» ausmachen. Von den drei Theaterstücken, die der 1837 mit 23 Jahren in Zürich Verstorbene hinterliess, ist es das rätselhafteste. Obwohl es eine gängige Theaterform bedient: die Verwechslungskomödie.

Ein Prinz und eine Prinzessin sollen zwangsverheiratet werden. Beide fliehen unabhängig voneinander nach Italien, wo sie sich, ohne zu wissen, wer der jeweils andere ist, begegnen und ineinander verlieben. Dem Irrtum glaubend schenkend, sie dürften nicht heiraten, da bereits einem anderen versprochen, wenden sie eine List an. Sie heiraten als Spielautomaten verkleidet. Erst da entdecken sie, dass sie dort gelandet sind, wo sie zu Beginn nicht hin wollten. Das Leben hat sie im Kreis rumgeführt.

Macht sich da der Revolutionär Büchner, 1836 als politischer Flüchtling in die Schweiz kommend, über das sinnentleerte Leben des Adels lustig? Das Stück hätte es nicht bis in die Spielpläne der Gegenwart geschafft, wenn es so einfach wäre. Lena, Leonce und sein Freund Valerio sind vor allem von Sinnfragen getriebene Jugendliche. Sie sind lebensmüde, bevor das Leben überhaupt begonnen hat, weil sie ahnen, dass es sie an der Nase herumführen wird. Die Angebote der Erwachsenen sind nur Staffage, um sie zu sinnentleerten Automaten zu machen. «Der müde Leib findet sein Schlafkissen überall, doch wenn ein Geist müde ist, wo soll er ruhn?», fragt Lena.

Das Stück präzis gelesen

Regisseur Thom Luz nimmt sich mit Büchners Komödie erstmals einem klassischen Theatertext an. Der 35-jährige Zürcher begeistert seit einigen Jahren mit seinen traumverlorenen, von Musik geprägten Inszenierungen. Sei es Dantes Inferno oder Albert Hoffmanns LSD, seien es unübliche Wetterphänomene oder die Geisterwelt einer schrulligen Britin: Lutz erfindet für sein Musiktheater nicht nur Räume, sondern auch Lichteffekte, Rauchmaschinen und Musikautomaten.

Der Regisseur hat Büchners Stück präzis gelesen. Er entdeckt darin die Leerstellen. «Was ist das für ein Schriftsteller», fragt er sich im Programmheft, «der zwischen vielen Kalauern und verdrehten Goethe-Parodien Sätze von grosser, kristallklarer Traurigkeit und unschuldiger Weisheit versteckt hat?». Luz entdeckt im Text sogar die Anleitung für sein Bühnenbild: eine abgetakelte Tanzschule mit dem Charme einer alten Klinik. Leonce sagt: «Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke.»

Zerteilt und neu zusammengesetzt

Schon der Beginn dieser betörenden Inszenierung ist an Komik kaum zu überbieten: Ein Diener versucht «An der schönen Donau» zu spielen. Blöd nur, dass das Klavier auseinandergesägt in den beiden entfernten Ecken des Raumes steht. Er muss von der linken zu rechten Tastaturhälfte hin und herrennen.

Die ersten Sätze von Leonce spricht die Tanzlehrerin. Sie intoniert damit das Prinzip des Abends: Das wunderbar leichtfüssig aufspielende Ensemble spricht Büchners Text ohne Rücksicht auf Rollenverteilung und Figurenpsychologie. Luz schneidet auseinander und setzt neu zusammen, collagiert Dialoge zu Monologen, schafft neue Bezüge, kehrt immer wieder an den Anfang zurück und bringt dennoch das Kunststück zustande, den Bogen des Stücks zu erzählen.

Wie der Text ist auch die Musik eine fein abgestimmte Mischung aus Klavier- und Gesangsstücken, stets zu Diensten der traumverlorenen Atmosphäre. Und die ist der eigentliche Clou des Abends: Die ausufernde Langeweile und Sinnsuche dieser Figuren weitet sich zu einem Zustand, der den Kern von Büchners Text transparent macht. Auf dem Höhepunkt dieses Sprachfestes gehen die Lichter aus. Im Schein flackernder Streichhölzer schweben die Worte und Pianoklänge durch den Raum und hinterlassen heitere Melancholie.
Dass die Pose des Theatermachens aus Langeweile eine Spiegelfechterei ist, zeigt uns das Ensemble dann in einer fulminanten Spiegel-Singerei. Der Rest des Abends gehört den leerlaufenden Musikautomaten. Schuhputzmaschinen bürsten die Seiten der weggeworfenen Violinen.

«Leonce und Lena»: Theater Basel. www.theaterbasel.ch