Frankreich
Sinnlich, politisch, unerbittlich: französischsprachige Literatur lebt auf

Die französischsprachige Literatur befindet sich im Aufbruch. Nicht zuletzt, weil sie sich über den Pariser Nabel hinaus der ganzen Frankophonie öffnet.

Stefan Brändle, Paris
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Wer französische Literatur liest, erfährt im besten Fall etwas über die Zukunft.

Wer französische Literatur liest, erfährt im besten Fall etwas über die Zukunft.

Christian Hartmann/Reuters

Die französische Literatur lebt auf; sie verjüngt und erneuert sich. Ist da ein Macron-Effekt am Werk? Nein, Frankreichs neuer Präsident Macron ist selbst nur ein Teil des frischen Windes, der momentan durch die Nation des Esprits weht. Frankreich hat sich verändert. Die Lebensbedingungen sind härter geworden – Stichworte Massenarbeitslosigkeit, Terroranschläge, Le Pens Populismus, globale Bedrohungen. Der Niederschlag all dessen findet sich in der Literatur. Beispiel Leïla Slimani, Goncourt-Preisträgerin 2016, mit ihrem soeben auf Deutsch übersetzten Roman «Dann schlaf auch du». Der doppelte Kindsmord durch eine Nanny ist so furcht- und unerklärbar wie die Bataclan-Anschläge von 2015; zwar ohne jeden Bezug dazu, aber ebenfalls aus dem Nichts gekommen, brutal in den Alltag durchschnittlicher Bürger und Familien eingebrochen.

«Es ist etwas im Gang in der französischen Gesellschaft», meinte dazu der Verleger und Frankreich-Kenner Andreas Rötzer (Matthes und Seitz) im Deutschlandfunk. Aber was genau? «Die französische Gesellschaft hat der deutschen eine Erfahrung voraus, und wir können, wenn wir französische Literatur lesen, vielleicht etwas über unsere Zukunft erfahren», versucht sich Rötzer zu erklären.

Unfranzösisch schnörkellos

Auch wenn der Trend des neuen französischen Romans nicht einheitlich ist: Viele Autoren kommen heute direkt zur Sache, unfranzösisch kurz und schnörkellos, nicht mehr versponnen transzendierend, sondern im konkreten, durchweg harten Alltag verhaftet. Jeder Satz ein Fakt, wenn nicht ein Schlag. Französisch bleibt die Stilsicherheit; ansonsten werden diese jungen Wilden, zunehmend auch junge Schwule, gerne krud und persönlich, obwohl sie doch politisch sein wollen. Bei Mathieu Riboulet ist der Körper beides, Person und Politik; ebenso bei Didier Eribon, der mit der «Rückkehr nach Reims» international eingeschlagen hat, oder bei Edouard Louis («Das Ende von Eddy», «Im Herzen der Gewalt»). Ihre autobiografischen Berichte sind nicht autofiktiv, sie nähren sich sehr real aus der familiären oder sozialen, urbanen oder provinziellen Gewalt. Fast scheint es, als habe die staatliche Anerkennung der Homo-Ehe 2013 auf diese Autoren wie ein Befreiungsschlag gewirkt.

Wo Homophobie ist , ist auch Xenophobie, das macht Shumona Sinhas in «Erschlagt die Armen» klar. Sich selber in keiner Art ausnehmend, blickt die Franko-Inderin gnadenlos in die Abgründe des absurden Asylprozesses, in dem niemand eine Identität findet oder erhält, aber viele sie verlieren.

Noch konsequenter und unerbittlicher geht die Starautorin Virginie Despentes zur Sache. Der erste Band ihrer Trilogie «Vernon Subutex», soeben auf Deutsch erschienen, kommt wie ein Lavastrom schwarzer Galle aus den menschlichen Abgründen. In dem vordergründigen Krimi schildert die literarische Punkerin von einst («Baise-moi») den unaufhaltsamen Abstieg eines Schallplattenhändlers im Internetzeitalter. «Nicht übertreiben», sagt sich Vernon, als er an der Bushaltestelle eine Frau anmacht, «die Alte ist kein Knüller, nicht mehr sehr frisch, sie kann bestimmt ihre Einkäufe tätigen, ohne alle hundert Meter angemacht zu werden.»

Und Michel Houellebecq? Ist er mit «Unterwerfung», in dem ein islamistischer Kandidat die französischen Präsidentenwahlen 2022 gewinnt, auch politisch geworden? Sein Motor ist nicht die Revolte, sondern die nackte Existenzangst. In seinem Bestseller vermag der 61-Jährige seine persönlichen Neurosen immer weniger zu tarnen. Wenn er sie wie die Eribons oder die Despentes politisch verkleidet oder verwechselt, kann man sich das Lachen hingegen oft nicht verkneifen. Houellebecq selbst will mit Humor nichts am Hut haben, sagt er ganz ernsthaft. Allein, seine lapidaren Betrachtungen über Islam und Sex wirken, so flüssig sie zu lesen sind, heute fast ein wenig berechnet.

Eine Revolution

Die heutigen Verkaufserfolge sind indessen, wenn man genauer hinschaut, weniger «französisch» als vielmehr «frankophon». Französischsprachige Nachbarn wie die Belgierin Amélie Nothomb oder der Westschweizer Joël Dicker treiben die Gesamtauflage von Übersetzungen aus dem Französischen ebenso hoch wie die ungarisch-iranische Dramatikern Yasmina Reza, die in Deutschland derzeit mit dem Roman «Babylon» Furore macht. Pariser Grossverlage wie Gallimard, Grasset oder Seuil zählen immer mehr auf Exilautoren aus den ehemaligen Kolonien wie Marokko oder Algerien – Yasmina Khadra etwa, oder eben Leïla Slimani.

Im Pariser Hauptgeschäft des Freizeitanbieters Fnac stapeln sich die frankophonen Bestseller bis an die Decke. Und dort, wo die grösste Abteilung früher dem «französischen Roman» gewidmet war, laufen heute Balzac, Flaubert wie auch Proust in der Sparte «roman francophone». Das ist nichts weniger als eine Revolution für Pariser Verleger und Literaten, die in der Frankophonie kürzlich noch ein Anhängsel der hehren französischen Kultur sahen. Jetzt sorgt sie für ihr literarisches Überleben.