Lugano
Sexy oder sexistisch? Ein Décolleté sorgt für rote Köpfe

Zugegeben: Der Ausschnitt ist tief. Das Décolleté sticht ins Auge. Die Plakate für die Theatersaison 2012/2013 in Lugano lassen sich nicht übersehen. Das Werbeplakat für die Theatersaison sei sexistisch, entzürnen sich Feministinnen in Lugano.

Gerhard Lob
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Sexismus oder Symbol der Verführung? ho

Sexismus oder Symbol der Verführung? ho

Doch stellt der abgebildete, ins Korsett gezwungene Oberkörper einer Hofdame aus dem 18. Jahrhundert mit der Beschriftung «Una stagione stellare!» (Eine himmlische Saison!) den Missbrauch einer Frau zu Werbezwecken dar? Ist es gar Sexismus? Über diese Frage wird in Lugano heftig gestritten, seit dieser Tage das Poster für die Theatersaison aufgetaucht ist.

«Körperteil aus Kontext gerissen»

Die Frauengruppe von Amnesty International in der italienischen Schweiz (Daisy) ist jedenfalls davon überzeugt, dass es sich um Sexismus handelt. «Die Tatsache, dass ein Teil des Körpers aus seinem Kontext herausgerissen wird, stellt eine Manipulation zum Schaden der Frau und der Kultur im Allgemeinen dar», sagen die Vertreterinnen dieser Gruppe. Sie forderten das Kulturamt auf, die Zurschaustellung weiblicher Körper zu stoppen und die Werbekampagne zu modifizieren.

Für Theaterdirektor Renato Reichlin sind diese Argumente oberflächlich und unbegründet; handele es sich doch um das Plakat zum Theaterstück «Les liaisons dangereuses» (Gefährliche Liebschaften), in dem es um die höfischen Sitten im 18. Jahrhundert und Verführungskünste geht. Auch in weiteren Stücken dieser Saison von Goldoni, Molière und Mozart sei das Thema der Verführung zentral. Kein anderes Bild hätte dies besser symbolisieren können. Die Kritik der Amnesty-Frauen empfindet Reichlin als heuchlerisch und als Ausdruck einer Prüderie «aus anderen Zeiten».

Auch die für Kultur zuständige Stadträtin Giovanna Masoni (FDP) hat sich in die Debatte eingeschaltet. Sie signalisierte ein gewisses Verständnis für die Kritik und entschuldigte sich bei allen, die sich durch die Werbekampagne verletzt fühlten. Doch von einem Stopp der Plakate will sie nichts wissen. «Das Prinzip der Meinungsfreiheit muss auch für die Kultur gelten», sagte sie dem «Corriere del Ticino.»