Kunstrevolution
Servus, Moderne! Wien feiert seine Kampfansage an den Historismus

Welch ein Aufbruch in Europa um 1900, welche Kraft in Wien! In der Architektur wurden Technik und Fortschritt gefeiert und dem Historismus der Kampf angesagt. Die Künstler der Secession probten die Freiheit – mit unterschiedlichem Erfolg. Jetzt ehrt die Stadt ihre Helden.

Sabine Altorfer aus Wien
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Wiener Moderne Altorfer
20 Bilder
Wiener Moderne Altorfer
Eine Ikone des Jugendstils: Gustav Klimts grossformatiges Gemälde «Tod und Leben» von 1910/11, umgearbeitet 1915/16.
Gustav Klimt: Bauerngarten
Egon Schiele war das expressionistische Enfant terrible der Zeit. Schonungslos zeigt er sich in «Kniender Selbstakt» von 1910.
Klarheit und handwerkliche Perfektion: Koloman Mosers Armlehnstuhl (1903) für das von Otto Wagner erbaute Sanatorium Purkersdorf.
Otto Wagner: Majolikahaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Majolikahaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Mietshaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Lift im Majolikahaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Lift im Majolikahaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Treppe im Majolikahaus an der Wienzeile
Otto Wagner: Ländersparkasse, Eingangshalle
Otto Wagner: Länderbank, Schalterhalle
Otto Wagner: Stadtbahn, Pavillon Karslplatz
Otto Wagner: Stadtbahn, Pavillon Karslplatz
Otto Wagner: Postsparkasse
Otto Wagner: Postsparkasse
Otto Wagner: Postsparkasse, Säule aus Aluminium
Otto Wagner: Postsparkasse, Detail der Fassade

Wiener Moderne Altorfer

Imago

Im Jahr 1918 stand Wien am Abgrund. Der Erste Weltkrieg hatte das Grossreich der Habsburger zerschlagen, die spanische Grippe wütete, Wirtschaft und Gesellschaftsleben waren gelähmt, die Zukunft des Landes schien ungewiss.

Und Wien musste in diesem Jahr vier seiner wichtigsten Künstler zu Grabe tragen: Otto Wagner, der einflussreichste Architekt, starb 76-jährig geschwächt von den Entbehrungen der Kriegszeit, der Malerfürst Gustav Klimt erlitt mit 57 Jahren einen Schlaganfall, der Designer Koloman Moser erlag 50-jährig einer Krebserkrankung und der Skandalmaler Egon Schiele, erst 28-jährig, der Spanischen Grippe.

Welch ein Gegensatz zu Wien um 1900. Da herrschte noch Aufbruch und Wohlstand: Wien zählte 2 Millionen Einwohner (mehr als heute), Vororte wurden eingemeindet, eben war die Ringstrasse (einst ein bracher Grüngürtel) bebaut worden, die Stadt wuchs und wucherte.

Egon Schiele war das expressionistische Enfant terrible der Zeit. Schonungslos zeigt er sich in «Kniender Selbstakt» von 1910.

Egon Schiele war das expressionistische Enfant terrible der Zeit. Schonungslos zeigt er sich in «Kniender Selbstakt» von 1910.

M. Thumberger / Leopold Museum, Wien

Bewunderung und Entrüstung

Als 1899 das Baugerüst von Otto Wagners neuem Mietshaus an der Wienzeile entfernt wurde, verblüffte und polarisierte das Wien. Zum einen entlud sich ein Entrüstungssturm über dem Architekten. Eine Fassade ohne «richtigen» Schmuck, ohne Steinmetzarbeiten, Stuckaturen, üppige Balkone und Säulen – das kannte Wien (noch) nicht.

Stattdessen ergoss sich ein Blumenteppich auf Kacheln über das Haus, um die Fenster. «Genial» nannte die «Wiener Bauzeitung» diese neue Art der Fassade. Nicht gelungen befand sie aber die dünnen, gusseisernen Säulen, die Schaufensterfassungen und die zwei schmalen durchlaufende Balkone tragen.

Heute stehen wir Touristen staunend vor dem Majolikahaus an der Wienzeile, beobachten, wie ein Ladenbesitzer die Storen an den Originalbügeln ausklappt, bewundern die goldenen Jugendstilornamente an Wagners Nachbarhaus und die raffinierte Balkonlösung – von eckig zu rund – an der Ecke.

Klarheit und handwerkliche Perfektion: Koloman Mosers Armlehnstuhl (1903) für das von Otto Wagner erbaute Sanatorium Purkersdorf.

Klarheit und handwerkliche Perfektion: Koloman Mosers Armlehnstuhl (1903) für das von Otto Wagner erbaute Sanatorium Purkersdorf.

Leopold Museum, Wien

Aber was war an den Gebäuden so neu, so unerhört? Die flache Fassade mit den gewollt hygienischen Kacheln, der Lift im grosszügigen, hufeisenförmigen Treppenhaus sowie die funktional und modern eingerichteten Wohnungen, erklärt Wien-Führerin Alexa Brauer. Und fügt an, Otto Wagner habe selber um die Ecke gewohnt, im dritten ganz schmucklosen Haus, das Foto seines Badezimmers mit der gläsernen Badewanne habe um 1900 für Furore gesorgt.

Otto Wagner (1841–1918), einer der Väter der Moderne, hat in Wien viele Spuren hinterlassen. In drei Stunden Spaziergang schaffen wir längst nicht alles. Sein grösstes Werk kann man praktischerweise befahren: die Stadtbahn (gebaut 1894–1901, heute Linien U2 und U4). 38 Kilometer lang, die Brückenpfeiler geschmückt, das geometrisch ornamentierte Geländer als optische Leitlinie, die Haltestellen (etwa am Karlsplatz) sind wunderhübsche Pavillons mit eleganten gusseisernen Säulen und gemalten, goldigen Sonnenblumen auf den schlichten Marmorfassaden.

Ein neuer, funktionaler Baustil für die neue Technik: Otto Wagners Stadtbahn- Pavillon am Karlsplatz von 1898.

Ein neuer, funktionaler Baustil für die neue Technik: Otto Wagners Stadtbahn- Pavillon am Karlsplatz von 1898.

Christian Stemper/WienTourismus

Für Wagner war klar: Neue Bauaufgaben wie Bahnhöfe, Fabriken, Stadtgestaltungen brauchen eine neue Form. Weg vom Historismus, diesem verlogenen «Maskenball der Stile», weg vom blossen Schein, hin zu einem «Nutzstil». Die neuen Konstruktionstechniken und die Funktion sollten ablesbar sein: «Etwas Unpraktisches kann nicht schön sein», schrieb er 1895 in seinem weit über Wien hinaus beachteten Buch «Moderne Architektur».

In der Länderbank und vor allem in der Postsparkasse (1903–1910) realisierte Wagner seine Ideen. Klare Struktur, die weissen Marmorplatten sind sichtbar an der Fassade befestigt, die Tragkonstruktion der grossen Glashalle ist gut ablesbar (siehe Titelbild). Das kühle Aluminium (statt der pompösen Bronze) empfand Wagner als das zeitgemässe Material für die sichtbar aufgestellten Lüftungsrohre, Säulenverkleidungen, das Vordach und die beiden Engelfiguren auf dem Dach.

Seine Begeisterung war so gross, dass er einen Sechstel der Jahres-Weltproduktion des teuren Materials an diesem Gebäude verbaute, wie unsere Fremdenführerin erklärte.

Der Kunst ihre Freiheit

Otto Wagner, Spross einer begüterten Wiener Familie, war einer der einflussreichsten Architekten der Zeit. Er hatte sich mit einem radikalen, aber nur teilweise realisierten Generalregulierungsplan für das rasant wachsende Wien 1893 einen Namen gemacht und vor allem war er ab 1894 Leiter der Meisterschule für Baukunst an der Akademie der bildenden Künste.

Nicht nur die Architekten, sondern auch die Musiker, Designer und Künstler probten den Aufbruch – sie traten aus dem bestimmenden, aber konservativen Künstlerhaus aus und gründeten 1897 die Secession. «Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit», schrieben sie als Losung über das von Wagner-Schüler Joseph Maria Olbrich gebaute Secessions-Gebäude.

Was sie unter Freiheit verstanden, zeigten Gustav Klimt, Egon Schiele, Richard Gerstl, Oskar Kokoschka in ihren Gemälden: Klimt verwandelte die traditionelle Abbildung in ein ornamentales Feuerwerk. «Der Kuss» oder «Tod und Leben» sind zu Synonymen für den Wiener Jugendstil geworden und gehören mit ihrer flächigen, symbolistisch aufgeladenen Darstellung zu den berühmtesten Gemälden der Welt.

Eine Ikone des Jugendstils: Gustav Klimts grossformatiges Gemälde «Tod und Leben» von 1910/11, umgearbeitet 1915/16.

Eine Ikone des Jugendstils: Gustav Klimts grossformatiges Gemälde «Tod und Leben» von 1910/11, umgearbeitet 1915/16.

Leopold Museum, Wien

Sie brachten dem Künstler schon zu Lebzeiten Anerkennung und machten ihn zum Porträtisten der Oberschicht, zum Malerfürsten. Anders bei Egon Schiele: Seine voyeuristischen Frauenbildnisse verkauften sich zwar gut. Mit düsteren Landschaften und vor allem mit schmerzhaft überzeichneten Selbstbildnissen, diesen schonungslosen Nacktdarstellungen, schockierte er und wurde gar der Unzucht angeklagt.

Gegenüber dem Lebenswandel ihrer Kunstprotagonisten gaben sich die Wiener sonst tolerant: Klimt war nie verheiratet, anerkannte aber mindestens sechs Kinder und lebte mit der lesbischen Emilie Förg. Wagner fand nach einer wilden und einer von der Mutter gewünschten Ehe im Kindermädchen seiner Tochter die Liebe seines Lebens.

Kühle Perfektion

Als Gegenstück zur ungestümen Malerei der Zeit könnte man das so funktionale wie perfekte Design der Zeit sehen. Doch für die grossen Entwerfer und Neuerer gehörte alles zusammen: Möbel und Geschirr, Fenster und Fassadenschmuck, Grafik und Schrift, Architektur und Malerei sollten alle der Idee eines Gesamtkunstwerkes dienen.

So entwarf Koloman Moser unter anderem Möbel für das von Otto Wagner gebaute Sanatorium Purkersdorf, das Blumenmuster für das Majolikahaus und die Fenster für die Steinhofkirche. Seine schwarz-weiss gestreiften Gläser, die Bugholzmöbel oder die von Gittermustern durchbrochenen Silberwaren sind noch heute Designklassiker. Modernes Design oder das Bauhaus wären ohne ihn und die so innovativ wie perfekt arbeitende Wiener Werkstätte nicht denkbar.

Im Gegenwind

Mit der zunehmenden Einflussnahme des Thronfolgers Franz Ferdinand, der ein entschiedener Gegner der Moderne war, und einem generell sich verengenden Kulturklima gerieten die Secessionisten mehr und mehr ins Hintertreffen. Otto Wagner konnte bei keinem der Wettbewerbe für öffentliche Bauten mehr reüssieren, weder beim Kriegsministerium (1908) noch beim technischen Museum (1910).

Auch sein mehrfach überarbeiteter Entwurf für ein Wiener Stadtmuseum am Karlsplatz fand keine Gnade. In der umfassenden Ausstellung über Otto Wagner in ebendiesem Wien Museum (das allerdings erst in den 1950er-Jahren erbaut wurde) erkennt man bei Vergleichen mit den Wettbewerbseingaben seiner Kontrahenten, welche Erneuerungskraft und Schönheit Otto Wagners Entwürfe hatten. Und warum sie Wien um 1900 dermassen in Erregung versetzten.

Ausstellungen

- Otto Wagner Wien Museum Karlsplatz, bis 7. 10.

- Wien um 1900. Klimt- Moser-Gerstl-Kokoschka Leopold Museum, bis 10. 6.

- Egon Schiele Die Jubiläumsschau. Leopold Museum, bis 4. 11.

- Mit Klimt auf Augenhöhe Treppe zu den Wandgemälden. Kunsthistorisches Museum Wien, 2. 9.

- Wagner, Hoffmann, Loos und das Möbeldesign der Wiener Moderne. Hofmobiliendepot, Andreasgasse, bis 7. Oktober 2018

- Wiener Moderne. Ein neues musikalisches Zeitalter Haus der Musik, bis 7. 10.

- Post Otto Wagner Von der Postsparkasse zur Postmoderne. MAK Österr. Museum für angewandte Kunst. 30. 5. bis 30. 9.

- Gustav Klimt Leopold Museum, 22. 6. bis 4. 11.

- Koloman Moser MAK Österr. Museum für angewandte Kunst. 19. 12. bis 22. 4. 2019

- Architekturführung via Wien Tourismus: www.wien.info oder bei www.alexabrauner.at

Ausstellungen in der Schweiz

- Wien zu Europa Klimt und Schiele zu Léger und Klee in der Sammlung. Kunsthaus Zug, bis 10. 6.

- Auf der Suche nach dem Stil. 1850 bis 1900 Landesmuseum Zürich, bis 15. 7.