Literatur
«Selfies»: Routine droht im Sonderdezernat Q

Jussi Adler-Olsen macht immer weiter: Mit «Selfies» legt der erfolgsverwöhnte dänische Thriller-Autor Fall 7 um die Ermittler rund um Carl Mørck vor.

Peter Henning
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Jussi Adler Olsen hat sich mit seinen Geschichten um das «Sonderdezernat Q» ein Millionenpublikum erschrieben.

Jussi Adler Olsen hat sich mit seinen Geschichten um das «Sonderdezernat Q» ein Millionenpublikum erschrieben.

Keystone

Mit seinem Tod 2004 hinterliess der schwedische Schriftsteller und Journalist Stieg Larsson drei fertige Manuskripte seiner ursprünglich auf zehn Bände angelegten sogenannten «Millennium»-Reihe, die ihn postum weltbekannt machte – und deren Bände 63 Millionen Mal verkauft wurden.

Und man kann nur darüber spekulieren, wie und wohin dieses literarische Gross-Unternehmen sich weiterentwickelt hätte. Wohin hätte Lisbeth Salander ihr eingeschlagener Weg am Ende geführt? In eine bessere Welt? Wohl kaum! In ein aufgeklärteres Schweden? Vielleicht. Aber wie wäre es um die literarische Qualität bestellt gewesen? Hätte Larsson den in der Tat süchtig machenden Ton der ersten drei Bände bis zuletzt halten können?

Denn mit «Serien» ist das bekanntlich so eine Sache – der Qualitätsabfall leider oft geradezu vorprogrammiert. Fans der Serien von Grössen wie Donald E. Westlake oder dem Norweger Jo Nesbö konnten ihr Lied davon singen.

Um systematische Aufklärung geht es auch in der Serie des Dänen Jussi Adler-Olsen um das «Sonderdezernat Q», in dem sogenannte «Cold Cases» wieder auf den Tisch kommen; Kriminalfälle, an denen die dafür zuständigen Ermittler sich einst die Zähne ausbissen, sodass nun – mitunter Jahre später – Carl Mørck und seine Mitarbeiter nochmals ranmüssen.

Sechs Fälle gehen bislang auf das Konto der kleinen heterogenen Ermittlergruppe – nun hat ihr Schöpfer, der 1950 in Kopenhagen geborene Adler-Olsen, mit dem backsteindicken Wälzer «Selfies» den siebten vorgelegt. Der irrwitzig produktive Däne erschrieb sich mit seinen Thrillern ein Millionenpublikum – und ein fettes Bankkonto dazu, wurde in 40 Sprachen übersetzt, verfilmt und avancierte mit 10 Millionen verkauften Büchern zu einem ganz Grossen der Branche.

Denn tatsächlich rollte die Serie mit den Bänden «Erbarmen» und «Schändung» wahrhaft spektakulär an. Die Geschichten boten erstklassigen, bisweilen geradezu klaustrophobisch wirkenden Thrill. Allem voran der Auftaktband um eine verschleppte Frau, die von ihren Entführern in einer Druckkammer festgehalten und gefoltert wird, war perfide Extraklasse.

Auch sein neuer Band «Selfies» schnellte, kaum in die Läden gekommen, geradezu reflexartig an die Spitzen der Sellerlisten – ein sich inzwischen mit steter Regelmässigkeit wiederholender Vorgang, wenn ein neuer Adler-Olsen erscheint.

Nach nunmehr sieben Fällen aber hat sich bei Adler-Olsen unverkennbar eine gewisse Routine eingeschlichen. Und man wird beim Lesen, so gern man dem stets leicht schlingernden Ermittler Carl Mørck und seinen Mitstreitern, dem Syrer Assad, Gordon und der kapriziösen Rose bei ihrer Ermittlungsarbeit zusieht, das Gefühl nicht los, dass hier eine gigantische Bestseller-Produktionsanlage penibel am Laufen gehalten wird.

Denn an die geradezu elektrisierende Frische und Wucht der Anfänge ist eine erzählerische Angestrengtheit getreten, auch wenn «Selfies» immer noch locker den Durchschnitt dessen überbietet, was sich ansonsten auf dem Thriller-Markt so tummelt.

Erneut verwebt Adler-Olsen gekonnt die verschiedenen Erzählfäden, die das Buch zusammenhalten: In den Büros des Sonderdezernats herrscht dicke Luft, seit der Vorwurf im Raum steht, die Aufklärungsquote des Teams sei so miserabel, dass ein Stellenabbau unumgänglich sei.

Doch als in einem Kopenhagener Park ein alte Frau ermordet und ausgeraubt wird – und zeitgleich eine Wahnsinnige mit ihrem Wagen gezielt Jagd auf junge Frauen macht, treten die abteilungsinternen Probleme in den Hintergrund, und Carl Morck und sein Team gehen zum Kerngeschäft über: der Hatz nach den Bösen.

«Mein Ziel ist es in jedem Fall, den Charakter von Carl Mørck weiterzuentwickeln, bis man an den Punkt kommt, an dem man alles weiss, und dann fängt alles wieder von vorne an», gab Adler-Olsen unlängst zu Protokoll. Tatsächlich scheint es so, als sei das Ganze nun an jenem ominösen Punkt angekommen, an dem alles wieder vor vorne beginnt.

Man liest und liest – und stellt plötzlich fest, dass die Gedanken abzuschweifen beginnen. Schade. Vielleicht sollte Herr Adler-Olsen seinen Sonderermittlern vom Dezernat Q mal eine längere Auszeit gönnen, um sie anschliessend neu motiviert ans Werk gehen zu lassen. Sie und wir hätten es verdient. Mit Serien ist das eben so ein Ding.

Jussi Adler-Olsen: «Selfies». Thriller. Aus dem Dänischen von Hannes Thies. DTV-Verlag, München 2017. 576 Seiten.