Literatur
Peter Handke: Vom Revoluzzer zum sanften Erzähler

Aus dem Literatur-Beatle ist ein feinfühliger Erzähler geworden. In seinem neuesten Roman, «Die Obstdiebin», schreibt er seine raumgreifende Privatliturgie fort. Peter Handke feiert in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag.

Peter Henning
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Erleuchtungssüchtiger Mythologe: Peter Handke.

Erleuchtungssüchtiger Mythologe: Peter Handke.

SWR/zero one film

Begonnen hat alles 1966 mit seinem denkwürdigen Auftritt bei der Gruppe 47 im amerikanischen Princeton. Peter Handke, damals gerade 24 Jahre alt, hatte den etablierten Schriftsteller-Kollegen «Beschreibungsimpotenz» vorgeworfen – und die während der Tagung ebenfalls anwesenden Literaturkritiker als «ebenso läppisch» bezeichnet wie die Literatur, die zum Vortrag gekommen war.

Handke, der bis zu dem Zeitpunkt mit «Die Hornissen» erst ein einziges Buch vorgelegt hatte, provozierte damit geschickt einen Tabubruch. Er erschütterte die stark von den Protagonisten Heinrich Böll, Siegfried Lenz und dem aufstrebenden Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gelenkte deutsche 60er-Jahre-Literatur grundlegend in ihrem restaurativen Nachkriegsliteratur-Selbstverständnis.

Ganz nebenbei landete er einen Coup in Sachen Selbstvermarktung. Fortan galt der höchst medienwirksam agierende Schriftsteller als junger Wilder, der neue Töne und Themen wie Popmusik und Film in die deutschsprachige Literatur einführte.

Peter Handke Peter Handke, «Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere» Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 560 Seiten.

Peter Handke Peter Handke, «Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere» Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 560 Seiten.

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Als zwei Jahre später sein inzwischen legendäres Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» unter der Regie von Claus Peymann im Frankfurter Theater am Turm zur Aufführung kam, sorgte er für einen weiteren Eklat. Aus dem pilzköpfigen Literatur-Beatle, der bei jedem seiner öffentlichen Auftritte eine dunkle Sonnenbrille trug, war ein ernstzunehmender, stimmgewaltiger Autor geworden, der für ein neues, popkulturell orientiertes Erzählen stand – und dabei einen wunderbar amerikanischen Ton anschlug.

Das Schlagwort vom «literarischen Popstar» machte fortan die Runde. Die Auflagen seiner Bücher «Die Angst des Tormanns bei Elfmeter» (1970), «Der kurze Brief zum langen Abschied» (1972) oder «Wunschloses Unglück» (ebenfalls 1972) gingen in die Hunderttausende. Peter Handke wurde zum Helden der nachrückenden Leser-Generation – und war «total angesagt».

Stücke, Filmskripts und Prosastücke

In den folgenden Jahren erwies sich der 1942 als Sohn einer Kärntner Slowenin und eines deutschen Bankangestellten im österreichischen Griffen geborene Schriftsteller als äusserst produktiv – und als begnadeter Selbstvermarkter. Fast zwanzig Arbeiten legte er, der sich fortan in der Manier des introvertierten Dichters inszenierte, allein zwischen 1970 und 1980 vor: Stücke, Filmskripts und längere Prosastücke – darunter die 1978 erschienene, später mit Bruno Ganz und Edith Clever verfilmte Erzählung «Die linkshändige Frau», mit der sich zugleich ein Wechsel im Erzählprogramm des Autors andeutete.

Handke zählte Klassiker wie Goethe, Kafka oder Werke wie Gottfried Kellers Roman «Der grüne Heinrich» zu seinen Hausheiligen. Mit den Büchern «Langsame Heimkehr» (1979), «Die Lehre der Sainte-Victoire» (1980), «Kindergeschichte» (1981) und «Der Chinese des Schmerzes» vollzog er die Abkehr vom Revoluzzer-Prosaisten hin zum geradezu klassisch anmutenden Erzähler. Die Auflagenzahlen seiner Arbeiten aber gingen darob erkennbar zurück. Der neue, priesterliche Ton, den er anschlug, erinnerte tatsächlich mehr an Adalbert Stifter und Goethe denn an den Sound von US-Bands wie Canned Heat oder Creedence Clearwater Revival, der bislang seine Bücher unterlegte. Gegen alle Einwände aber schrieb Handke seine raumgreifende Privatliturgie bis heute in Form von Büchern fort, in denen das Erzählen und dessen Feier selbst an die Stelle wendungsreicher Plots traten.

Auch in seinem aktuellen Roman «Die Obstdiebin», in welchem er einmal mehr die Geschichte einer Wanderung ins «Offene» erzählt. Das Ergebnis ist ein Text, in dem es um die aufrüttelnde Wirkung eines Bienenstichs ebenso geht wie um das allenorts herrschende «allgemeine Stillschweigen».

Bei sich und der Welt

Wer Handkes Heldin vom Pariser Vorort Chaville, der sogenannten Niemandsbucht, auf ihrer Wanderung in den Sehnsuchtsort Picardie folgt, den nimmt ihr Schöpfer einmal mehr mit auf eine Reise durch seinen eigenen Denk-und-Fühl-Kosmos. Er versammelt in seinem Buch all das, was schon seine früheren grossen Bewegungsbücher «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (1994) oder «Der Bildverlust» (2002) beschworen haben.

Diesmal allerdings verdichtet in der stellvertretenden Suche seiner Protagonistin nach Halt, Erkenntnis und geglückter innerer Einkehr. Das Resultat ist ein weiteres «Märchen aus neueren Zeiten», wie nur Handke sie zu schreiben vermag.

Am 6. Dezember begeht er seit einem halben Jahrhundert im Gewand des Schriftstellers die Welt mit Worten bereisende erleuchtungssüchtige Mythologe seinen 75. Geburtstag.

Seine kurzen, Mitte der Neunzigerjahre erschienenen «Versuche über die Müdigkeit», die «Jukebox» oder den «Geglückten Tag» zählen dabei zum Schönsten dessen, was ihm aus der Feder floss. In ihnen ist er ganz bei sich – und der Welt. Und in ihnen kommt es zu jener wahrhaft vollkommenen Verschmelzung von Inhalt und Form, um derentwillen dieser Autor bis heute schreibt und schreibt. Möge er es noch lange tun!