Kunst
«Paul Chan ist ein Genie, dazu ein sehr bescheidenes»

Kathy Halbreich, stellvertretende Direktorin des Museums of Modern Art, bewundert Künstler Paul Chan - und wundert sich manchmal über ihn.

Susanna Petrin
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Fein essen und klug reden: Kathy Halbreich und Paul Chan haben sich für ihr gestriges Gespräch im Schaulager eine besondere Inszenierung einfallen lassen. Juri Junkov

Fein essen und klug reden: Kathy Halbreich und Paul Chan haben sich für ihr gestriges Gespräch im Schaulager eine besondere Inszenierung einfallen lassen. Juri Junkov

Frau Halbreich, was fasziniert Sie an Paul Chan, was ist essenziell für Sie?

Kathy Halbreich: Das Wesentliche an ihm ist, was für ein guter Mensch er ist. Er gehört zu den ganz wenigen Menschen, die ein derart ausgeprägtes Gewissen haben, dass ich ihm zutraue, unter allen Umständen eine humane Entscheidung zu treffen. Er ist leidenschaftlich, loyal, gütig, ruhig, überlegt – und beängstigend intelligent. Aber er braucht seine Intelligenz nie als Waffe. Er braucht sie, um Sinn zu stiften. Ich glaube, sein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist, ohne ein Ideologe zu sein, ist das Rückgrat seiner Arbeit. Seine Kunst ist der Versuch, Sinn zu schaffen in einer Welt voller Terror und Widersprüche – ohne diese zu vereinfachen oder zu zähmen. Er ist bereit, Doppelbödigkeiten zuzulassen – ohne dabei auf eine Art Relativismus hinauszulaufen.

Sie verbinden also seinen Charakter stark mit seiner Kunst?

Ich denke oft, dass man die beiden nicht auseinanderhalten kann. Man kann von seinem Charakter auch ableiten, was Paul Chan nicht ist: Er ist weder von einer künstlerischen Strategie getrieben, noch vom Wunsch, dem Markt zu schmeicheln. Wenn man von Anfang an weiss, was man will, ist es sinnlos, Kunst zu machen. Der Zweck von Kunst ist es, Dinge anders zu verstehen, tiefer, oder mit mehr Mitgefühl, manchmal mit mehr Aggressivität.

Das Schaulager, namentlich Maja Oeri, hält Paul Chan für einen der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. Stimmen Sie dem zu?

Absolut. Ich kenne Paul Chans Arbeit seit seinen Anfängen. Ich habe sie immer bewundert, sie hat mich aber auch immer etwas perplex gemacht. Das ist gut so. Wenn man das Werk eines Künstlers sofort verdauen kann, ist es wie Zucker: Es geht schnell durch das eigene System, ein Hoch gefolgt von einem Tief. Paul bleibt unbeirrt von den vielen Dingen, die einen jungen Künstler ablenken können. Er bleibt bei dem Inhalt, den ihn interessiert. Er beherrscht dabei eine unglaubliche Bandbreite an Techniken: von Kohle bis zu Computerprogrammen. Paul macht Kunst, die uns auf vielen Ebenen anspricht, sogar wenn es um Politik geht oder die vorherrschende Verwirrung. Er balanciert das Heute und das Gestern, und er gibt uns eine Ahnung davon, was das Morgen für uns bereithält. Er ist ein Genie, ein sehr bescheidenes dazu!

Wie sind Sie auf ihn gestossen?

Als ich das Walker Art Center in Minneapolis geleitet habe, war es noch mehr als heute meine Aufgabe, nach jungen Künstlerinnen und Künstlern Ausschau zu halten. Nach Talenten, die etwas machten, das ich zuvor nicht gesehen habe, oder Kunst, die einen Weg vorwärts andeutete.

Was braucht es, damit ein Museum Werke eines zeitgenössischen Künstlers in seine Sammlung aufnimmt?

Es kommt auf die Institution an. Das Walker hat den Ruf, seiner Zeit voraus zu sein, Risiken einzugehen. Das MoMA akquiriert Werke in der Regel später, wenn ein Künstler bereits einen Namen hat.

Kann ein Künstler dem nachhelfen?

Ja, indem er oder sie grossartige Kunst macht! Eine bezaubernde Persönlichkeit zu haben reicht nicht.

Paul Chan ist auch ein politischer, gesellschaftskritischer Künstler. Ist das ein wichtiger Aspekt für Sie?

Auf jeden Fall. Falls Sie je daran zweifeln, dass Kunst mehr sein kann als Dekoration, dann hätten Sie bei seinem Projekt in New Orleans dabei sein sollen, als er für und mit den Opfern des Hurrikans «Warten auf Godot» aufführte. Es war berührend, ein Stück zu sehen, das keine Lösung bietet; auf der Strasse, auf der das Wasser über die Stadt hereingebrochen war. Die Menschen versammelten sich hier, nicht nur, um ihre Krise anders zu erfahren, sondern auch das Potenzial, wieder zusammenzukommen.

Chan stellt Gesellschaft und Politik fundamental in Frage. Ist es für eine Institution wie das MoMA ein Risiko, Werke eines derart systemkritischen Künstlers aufzunehmen?

Ich bin froh, dass ich diese Frage mit Nein beantworten kann. Guernica, ein aufrührerisches Gemälde gegen die Missetaten einer Regierung, hing während vielen Jahren im MoMA. Institutionen müssen bereit sein, genau das mit offenen Armen aufzunehmen, was ihnen Unbehagen bereitet – was selbst ihnen gegenüber kritisch sein kann. Ich könnte nicht an einem Ort arbeiten, an dem die vermeintliche Gefahr, etwas zu unterstützen, dies verhinderte.

Sie kennen Chan bereits gut. Als Sie die Schaulager-Ausstellung gesehen haben, hat Sie da etwas überrascht?

Die schiere Grösse der Ausstellung ist schockierend. Andere Institutionen hätten die Ressourcen nicht – räumlich, intellektuell, finanziell – sich derart intensiv für einen Künstler zu engagieren. Zum grössten Teil lässt einen Chan eintauchen in ein unglaublich schnelles Geflatter von Bildern, Formen und Farben. Am Ende steht ein blendendes, weisses Licht; alle Bilder sind entfernt worden. Ich frage mich, was das bedeutet: Wird uns eine imaginäre Freiheit gewährt, unsere eigenen Bilder zu machen? Oder geht es um die Unterbrechung und Auslöschung jeglichen Sinns in einer Zeit, in der wer in jeder Sekunde unseres Leben von Bildern überflutet werden? Paul Chan ist ein Künstler, der uns mehrere Möglichkeiten gibt statt einer einfachen Antwort.

Mit Ihrem Blick von aussen: Ist Basel eine wichtige Kunststadt?

Es hat hier mehr grossartige Institutionen, die wichtige, provokative Ausstellungen machen, als in irgendeiner anderen Stadt dieser Grösse. Da ist die triumphale Kollektion im Kunstmuseum! Das Beyeler ist wunderbar! Die Kunsthalle macht unglaubliche Ausstellungen – und ich halte viel von der neuen Direktorin Elena Filipovic. Gestern habe ich mir die erstaunliche Charles-Ray-Ausstellung angesehen – das Auto, mit dem es beginnt, habe ich übrigens einst für Walker erworben. Es gibt sicher viele wichtige alternative Orte hier, die ich nicht kenne. Zusammen ist das für mich deliziös und schockierend. Basel ist eine sehr ehrgeizige Stadt!

Nach dieser enormen Einzelausstellung – wie kann es jetzt für Paul Chan weitergehen?

Er kann sich vertiefen, seine Werke voller realisieren. Er hat noch Jahrzehnte vor sich. Diese Ausstellung ist ein enormes Trampolin. Das ist kein Ende, das ist ein Anfang.

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