Nach Nerz nun Jogginghose – Kabarettistin Lisa Eckhart im Interview: «Ich habe mir eine Finte erlaubt»

Lisa Eckhart eckt mit ihrem Kabarett gerne an. Für ihre Schweizer Auftritte muss sie tricksen, plant aber ein bisschen Verbrüderung.

Stefan Strittmatter
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Das offizielle Bild von Lisa Eckhart zu ihrem aktuellen Programm «Die Vorteile des Lasters».

Das offizielle Bild von Lisa Eckhart zu ihrem aktuellen Programm «Die Vorteile des Lasters».

Bild: Franziska Schrödinger

Man sieht unweigerlich ihre Hände, auch wenn man Lisa Eckhart nur am Telefon hat. Die langen weissen Fingernägel, welche die Gestik der 28-jährigen Österreicherin unterstreichen, sind untrennbar mit ihrer Sprechweise verbunden. Eckhart antwortet in druckreifen Sätzen, doch ihr Lachen verrät, dass sie im Gespräch die Distanz, die ihre Auftritte auszeichnen, nicht aufrechterhalten will.

Auf Ihrem Pressebild stehen Sie vor einem Laster. Haben Sie noch andere?

Lisa Eckhart: Unbedingt! Es hat sich ja sehr verschoben, was die Menschen heute als Laster wahrnehmen. Zu gewissen Exzessen wird man ja geradezu angehalten. Aber es geht in meinem Programm nicht nur um Hedonismus und Laster, sondern es ist auch eine Hymne an die Tugend.

Das Programm heisst aber «Die Vorteile des Lasters». Etikettenschwindel?

Ich propagiere ein Masshalten zwischen Laster und Tugend. Aber ja: «Die Vorteile der Tugend» klingt rein werbetechnisch deutlich weniger appetitlich. Deswegen habe ich mir diese kleine Finte erlaubt.

Laster und Tabus finden mehr Anklang?

Ja, aber da steckt keine Berechnung dahinter. Es ist wichtig, nicht berechnend oder berechenbar zu sein. Sonst verlässt man die Kunst und endet in der Propaganda.

Was macht Kunst aus?

Dass ich aus einer gewissen Ohnmacht heraus Dinge beschreibe und keinen auskalkulierten Plan habe.

Warum zieht es Sie in die Extreme?

Das ist wohl meiner Zurückgezogenheit geschuldet. Ich habe sehr wenig Kontakt zu meinen Mitmenschen und weiss oft gar nicht, wo deren Grenzen liegen. Ich merke erst auf der Bühne, dass ich mich offenbar tief in einer Wunde suhle.

Lisa Eckhart lebt weltfremd?

Ja, zum Glück! Es hat mir viel geistige Gesundheit bewahrt, meinen Kontakt nach Draussen auf ein Minimum zu beschränken. Ich laufe der Welt nicht mit offenen Armen entgegen, nur um zu sehen, worüber ich mich als Nächstes empören kann.

Vom Tabubruch zur Cancel Culture. Das haben Sie diesen Sommer beim Hamburger Literaturfestival Harbour am eigenen Leib erlebt.

Ja, es gab im Vorfeld meiner Lesung Bedenken und Warnungen, also wurde ich wieder ausgeladen.

Später hat man sie wieder eingeladen, aber Sie wollten nicht mehr. Spielten Sie die beleidigte Leberwurst?

Für mich war die Sache mit der Absage erledigt. Ich wollte den Veranstaltern nicht die Möglichkeit bieten, sich als Schützer der Kunst aufzuspielen.

Inwiefern?

Sie sind zuerst vor einem mir abgeneigten Mob und dann einem mir wohlgesinnten in die Knie gegangen. Man sollte sich als Veranstalter weder von Kritikern noch Fürsprechern beeinflussen lassen.

Ihre strittigen Aussagen waren damals bereits zwei Jahre alt.

Ja. Da haben sich meine Kritiker selber disqualifiziert: Weil sie aus einem breit aufgestellten Werk zwei oder drei Sätze raussuchen mussten.

Keine Reue?

Keinesfalls. Der Auftritt am WDR war öffentlich und dutzendfach im Netz. Und dann gebärden sich meine Kritiker so, als hätten sie mein persönliches «Ibiza» aufgedeckt.

Einer der Sätze hiess «Den Juden geht’s um die Weiber und deshalb brauchen sie das Geld».

Ich habe die Vorwürfe an Harvey Weinstein und Woody Allen weitergedreht. Im Sinne von: Lasst ihnen doch die Frauen, denn Reparationszahlungen mit Geld sind bei Juden etwas heikel.

Sie spielen mit dem Bild des geldgierigen Juden. Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie auf ein totes Pferd einprügeln.

Ich habe versucht, ein abgegriffenes Klischee weiterzudrehen. Ich will den Leuten den moralinen Spass verderben. Es gibt jedoch einen einzigen Vorwurf, den ich bei diesem Auftritt gelten lasse.

Und der wäre?

Dass ich viel zu langsam spreche. Das ist mir etwas peinlich. Damals musste ich das offenbar noch austarieren.

War das Teil Ihres Wandels von Lisa Lasselsberger zu Lisa Eckhart?

Die Geschichte ist unfassbar unspektakulär – weil Eckhart mein zweiter Nachname ist und Lasselsberger dieses «Meidlinger L» beinhaltet, das der deutschen Zunge nicht zuträglich ist.

Der Name ist echt, aber die Figur künstlich?

Ich sehe eher eine Grenze zwischen privat und öffentlich. Diese einzuhalten, lege ich jedem ans Herz, nicht nur Künstlern.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart.

Bild: Franziska Schrödinger

Auf der Bühne tragen Sie Nerz – und jetzt? Jogginghosen?

Jetzt gerade liege ich hier – und ich hätte Sie nicht damit belästigt, hätten Sie nicht gefragt – ganz ohne Kleidung. Ohne Publikum, und damit meine ich auch Passanten auf der Strasse, bin ich legerer. Mit Natürlichkeit verbinde ich einen fötalen Zustand, der keine Scham davor hat, öffentlich zu urinieren. Deshalb habe ich den Vorwurf der Künstlichkeit nie verstanden. Für mich ist sie gleichbedeutend mit Zivilisiertheit.

Ist sie auch ein Schutzschild?

Ja, in beide Richtungen: Ich kann mich abschotten von der öffentlichen Meinung. Aber es heisst auch, dass die Aussenwelt nicht von meinem Selbst belästigt wird. Ich tue auf der Bühne keine privaten Meinungen kund.

Aber manche meinen das.

Im Idealfall vertrete ich auf der Bühne so etwas wie ein Freudsches Es. Ich sehe mich als Medium für etwas Unbewusstes, das die Leute nicht sehen wollen.

Hat der Auftrittsort Einfluss auf Ihr Programm?

Ja, da gibt es Passagen, die auf das jeweilige Land zugeschneidert sind. Weil ich meist in Deutschland auftrete, muss ich in der Schweiz ein bisschen tricksen.

Das heisst?

In Deutschland spiele ich gerne mit dem alten Antagonismus zwischen Deutschland und Österreich. Hier wird es wohl eher darauf herauslaufen, dass ich den Schweizern eine Solidarisierung gegen die Deutschen anbiete.

Ist die Schweiz langweilig neutral?

Ja, das werfe ich Ihnen natürlich auch vor. Aber es ist mir wirklich ein Anliegen, über die Nation, in der ich auftrete, ordentlich herzuziehen. Weil darin viel Liebe steckt.

Ach?

Es bedeutet, dass man sich mit dem Land und seiner Geschichte beschäftigt hat. Viele verkleiden ihr Desinteresse als Toleranz und Rücksicht.

Sie wollen uns Schweizern wehtun?

Ich will nie jemanden wirklich verletzen. Doch weiss ich, dass das Publikum nichts mehr schätzt, als liebevoll beschimpft zu werden.

Müssen wir mit Witzen über Banken, Uhren, Schokolade rechnen?

Tatsächlich, so plump das nun klingt. Aber auch hier habe ich versucht, es einen Tick weiterzudrehen. Ich bringe sogar das Alphorngeblase und die Fahnenschwingerei zur Sprache. Aber Sie können mir glauben, dass ich da schon ein bisschen Arbeit reingesteckt habe.

Ein Drahtseilakt aus Verbrüderung und Distanz?

Ja, ich erachte es als Verrat an der Kunst, wenn man den Bühnengraben aufschüttet mit Versprechungen wie «Ich bin eine von Euch». Das finde ich auch als Zuschauer ungehörig. Ich will von oben herab verzaubert werden und nicht von unter hinauf bezirzt.

«Die Vorteile des Lasters»

Kaufleuten, Zürich: Di, 6. 10.
Volkshaus, Basel: Do, 8. 10.
Nationaltheater, Bern: Fr, 9. 10.

Lesung aus dem Roman «Omama»: Kaufleuten, Zürich: Mi, 7. 10.

www.lisaeckhart.com