Musikschule
Musizierende Kinder lernen leichter

Chormusik, Strassenmusik, Blasmusik, Streichmusik – der Aargau stand am Freitag und Samstag im Bann der Töne. Mit dem traditionellen Tag der Musik haben die Musikverbände einmal mehr darauf aufmerksam gemacht, dass dem Instrumentalunterricht auch in unserem Kanton noch immer nicht die Bedeutung zukommt, die er verdienen würde.

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Musikschule Aargau

Musikschule Aargau

Aargauer Zeitung

Von Toni Widmer

«Das Freifach Instrumentalunterricht wird auch für Primarschülerinnen und -schüler angeboten und die Instrumentallehrpersonen der Volksschulstufe werden analog der übrigen Lehrerschaft einheitlich und kantonal besoldet.» - Zwei Forderungen der Aargauer Musikverbände, denen am Freitag und Samstag einmal mehr kantonsweit von Dutzenden von Musikformationen mit Wohlklang Nachdruck verliehen worden ist.

Der Tag der Musik ist eine Erfindung der Koordination Musikbildung Aargau (KMA), in der sich Musikverbände und pädagogische Organisationen zum melodiösen Lobbying organisiert haben. «Die Musik muss in der Schule wieder eine bessere Position bekommen. Sie hat nicht den Stellenwert, der ihr gebührt», sagt KMA-Präsidentin Beatrix Brünggel.

Für Beatrix Brünggel ist die Tätigkeit der KMA ein wichtiges Engagement für unsere Gesellschaft. «Es geht darum, unseren Kindern die bestmögliche Ausbildung zu garantieren», sagt sie und verweist auf die wissenschaftlich anerkannte Wirkung des Musikunterrichts. Kinder, die musizieren, sagt die erfahrene Musiklehrerin, seien nicht nur intellektuell stärker. Sie könnten auch im sozialen Bereich Vorzüge ausspielen. Das lasse sich mit seriösen Untersuchungen belegen.

Zum Beispiel anhand einer Langzeitstudie, die zwischen 1992 und 1998 an Berliner Grundschulen durchgeführt worden ist. Hans Günter Bastian, Leiter des Forschungsprojekts, hat die Ergebnisse im Buch «Kinder optimal fördern - mit Musik» zusammengefasst. Mit der Studie, erklärt der Autor, sei wissenschaftlich eindeutig belegt, dass musizierende Kinder und Jugendliche ihr Sozialverhalten verbessern, ihren IQ-Wert erhöhen, gute schulische Leistungen erbringen und Konzentrationsschwächen kompensieren würden.

In einer weiteren Studie, die er schon 20 Jahre früher in Muri bei Bern durchgeführt hat, kommt Ernst Waldemar Weber zum gleichen Schluss. Bei diesem Pilotversuch wurden die wöchentlichen Musiklektionen von zwei auf fünf Stunden erweitert und als Kompensation drei Hauptfächer um je eine Stunde gekürzt. Am Ende beherrschten die beteiligten Schülerinnen und Schüler den Schulstoff der drei Hauptfächer gleich gut wie ihre «normal» unterrichteten Kolleginnen und Kollegen.

Bei allen beteiligten Kindern - auch bei den schulisch schwächeren - hatten Konzentrationsfähigkeit und Gedächtniskraft zugenommen, und dank deutlich besserer Motivation waren ihre Schulleistungen messbar höher als die der am Versuch nicht beteiligten Kinder. Die musizierenden Kinder hatten auch gelernt, Konflikte besser zu verarbeiten und sich in Gruppen einzuordnen. Ihre Sozialkompetenz war gestiegen.

«Warum fördern wir den Musikunterricht nicht besser, wenn er doch nachweislich so viel bringt», fragt sich Beatrix Brünggel und verweist auf den Ist-Zustand im Kanton Aargau. Noch eine Stunde Musik wöchentlich in der 1. und der 2. Klasse, eine halbe Stunde mehr in der 3. und der 4. Klasse, erneut lediglich eine Stunde in der 5. Klasse. Zwei Stunden sind es in der Bezirksschule. Ebenfalls zwei in der Sekundar- und Realschule, hier aber nur in den beiden ersten Jahren. In der 3. und der 4. Klasse wird der Musikunterricht wieder auf eine Stunde gekürzt.

Instrumentalunterricht gehört an der Unterstufe nicht zum Wahlfachangebot, an der Oberstufe gibt es eine Drittellektion pro Woche, also knapp 17 Minuten. Musikschulen ergänzen zwar dieses knappe Angebot. Doch weil sie nicht kantonal, sondern höchstenfalls regional organisiert sind, herrscht ein riesiges Durcheinander. Die Höhe der Elternbeiträge an den Musikunterricht differiert vom günstigsten bis zum teuersten Angebot um über 100 Prozent.

Instrumentallehrkräfte sind unter diesen Vorzeichen nicht zu beneiden. Sie dienen oft über einem Dutzend Musikschulen mit unterschiedlichen Anstellungsbedingungen. Kantonsweit die gleichen Elternbeiträge oder zumindest ein Kostenlimit sowie Musiklehrer, die kantonsweit einheitlich besoldet werden, sind für Beatrix Brünggel keine übertriebene Forderung: «Investitionen in den Musikunterricht sind Investitionen in die Zukunft unserer Kinder, und das sollten wir uns leisten.»

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