Architekturmuseum
Museumsdirektor Andreas Ruby: «Architektur ist nicht ausstellbar»

Der neue Direktor des Architekturmuseums in Basel will das Fachgebiet Laien leichter zugänglich machen. Im Interview erklärt der Kunsthistoriker, wieso er sich bewusst gegen ein Architekturstudium entschieden hat.

Anja Wernicke
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Seit Mai ist Andreas Ruby Direktor des Schweizerischen Architekturmuseum (S AM).

Seit Mai ist Andreas Ruby Direktor des Schweizerischen Architekturmuseum (S AM).

Nicole Nars-Zimmer niz

Herr Ruby, Sie sind ja kein Architekt, wie sind Sie eigentlich zur Architektur gekommen?

Andreas Ruby: Wie die Jungfrau zum Kinde. Ich habe Kunstgeschichte in Berlin studiert, und meine Abschlussarbeit über Rodin führte mich nach Paris. Dort bin ich quasi über die Architektur gestolpert, weil sie sehr präsent in der Stadt war. Ich habe dann Architekten kennen gelernt und gemerkt, dass mir die Beschäftigung mit Architektur Spass macht. Ich fing an, darüber zu schreiben – anfangs als Kunstkritiker, später als Architekturkritiker sowie als Redaktor bei der Architekturzeitschrift «Daidalos». Ich habe dann überlegt, zusätzlich Architektur zu studieren, habe mich aber bewusst dagegen entschieden, weil ich es wichtig fand, dass auch Leute über Architektur schreiben, die nicht Architekten sind.

Zur Person

Andreas Ruby (49) ist seit 1. Mai der neue Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel (S AM). Ruby studierte zuvor Kunstgeschichte in Köln, forschte in Paris und New York, arbeitete unter anderem als Redaktor für diverse Architekturzeitschriften, kuratierte Architekturausstellungen und gründete mit Ilka Ruby den Architekturverlag Ruby Press.

Sie stammen aus der ehemaligen DDR. Hat das Reiseverbot vielleicht Ihren Appetit auf fremde Städte und deren Architektur befeuert?

Ja, ich hatte immer schon riesiges Fernweh. Wenn man aber nicht reisen kann, entwickelt man sehr schnell eine mentale Fähigkeit, die ich das virtuelle Reisen nennen würde. Man imaginiert sich an diese Orte. Ich habe festgestellt, dass das eine für den Ostblock typische Kulturtechnik gewesen ist. Brieffreunde aus der Sowjetunion haben sehr gut Sprachen gelernt, ohne die Aussicht, jemals in diese Länder reisen zu können. Aber die Sprache zu beherrschen und Bücher lesen zu können, war eine Möglichkeit, sich mental an diesen anderen Ort zu wünschen. Ähnlich war es auch bei mir. Vielleicht habe ich auch deswegen Kunstgeschichte studiert, weil man sich da mit griechischen Tempeln, ägyptischen Pyramiden und New Yorker Hochhäusern beschäftigen konnte. Als ich dann unerwartet reisen konnte, entlud sich das angestaute Fernweh in einer frenetischen Reiselust. Vielleicht hat das auch meinen Blick auf Architektur geprägt.

Was fasziniert Sie an Architektur?

Architektur ist eine öffentliche Kunst. In einer Stadt sind wir permanent von Architektur umgeben, sie steuert den Weg durch die Stadt, steuert unsere Empfindungen. Städte versetzen die Menschen in Gefühlszustände; in New York ist dieser Zustand ekstatisch, in Paris beschwingt, in Dubai depressiv – für mich persönlich jedenfalls.

Und wie möchten Sie das dem Publikum vermitteln?

Architektur hat ja bereits ein ständiges Publikum. Sie ist die Kunst, die man am wenigsten vermeiden kann, selbst wenn man kunstuninteressiert ist. Viele Architekten beschweren sich, dass sich das Publikum nicht genügend für Architektur interessiert – Luxusprobleme, wie ich finde. Was soll jemand sagen, der Lyrik macht? Diese Diskrepanz zwischen der eigentlich komfortablen Situation und der Selbstwahrnehmung hat mich bewogen, nach neuen Formen der Vermittlung zu suchen.

Und wie sieht das konkret in der Ausstellung aus?

Architekturausstellungen sind häufig relativ langweilig. Das liegt auch daran, dass Architektur nicht ausstellbar ist. Die meisten Gebäude sind zu gross, um sie in andere Gebäude reinzustellen (lacht). Wenn man Architektur ausstellen möchte, muss man Kunstgriffe finden, sie zu verkleinern, mit einem Modell, einem Foto oder einem Plan. Doch dabei geht ihre Materialität sowie ihr Kontext verloren. Ich finde, das Schönste an Architektur ist, dass die Wände uns umhüllen, uns bergen und uns umarmen. Ich möchte Architektur so ausstellen, dass sie selbst wieder einen Raum ergibt. Das geht mit Zitaten von Gebäudeteilen, die man im 1:1 Massstab nachbaut oder Fotos von Räumen, die man 1:1 ausdruckt. In einer Ausstellung über das französische Architekturbüro Lacaton & Vassal, an der ich mitgearbeitet habe, haben wir das am Beispiel ihres Tour Bois-le-Prêtre gemacht. Die Fototapeten und die Möbel und Pflanzen davor gaben den Besuchern den Eindruck, als ob sie sich in dem Raum selbst befänden. Da kann die Architekturmaschine als eine Art Raummaschine funktionieren.

Gibt es schon eine konkrete Ausstellung in Basel, die geplant ist?

Im nächsten Jahr werden wir eine Ausstellung über die faszinierende indische Stadt Ahmedabad machen, in der Le Corbusier und eine Reihe seiner indischen Schüler grossartige Bauten realisiert haben. Da werden wir mit Videos und Geräuschen arbeiten, um die urbane Atmosphäre näher zu bringen. Eine indische Stadt ist viel lauter als unsere Städte, aber nicht auf eine unangenehme Weise. Im Strassenverkehr hupen die Menschen ständig, um Unfälle zu vermeiden. Sie reden lauter, und das mit einer ziemlich musikalischen, perkussiven Intonation. Ausserdem ist alles farbig. Das schafft eine Form der Belebung des öffentlichen Raums gegenüber der eine Strasse bei uns wie ein polierter Friedhof wirkt.

Haben Sie eigentlich auch einen historischen Auftrag?

Ich beschäftige mich gern mit Geschichte, aber unter der Massgabe, dass jede Vergangenheit einmal Gegenwart war. Es gibt einen Trend, die Vergangenheit zu verklären. Aus heutiger Sicht mag das 19. Jahrhundert vielleicht gemütlich wirken, aber in der Gegenwart des 19. Jahrhunderts war das eine radikale Umbruchszeit, in der Grossstädte wie Paris ihre Bevölkerung vervierfachten. Mich interessiert: Was muss es für jemanden bedeutet haben, Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin aufzuwachsen und zu erleben, wie sich die Stadt von einer mittleren Kleinstadt zur pulsierenden Grossstadt entwickelte?

Wie möchten Sie das Museum innerhalb der Schweiz positionieren?

Ich möchte, dass sich alle, die sich in der Schweiz für Architektur interessieren, dieses Museum auch als ihr Architekturmuseum empfinden. Aber natürlich hat ein Museum eine Ortsverhaftung. Deswegen möchte ich Formen finden, mit denen wir das Publikum über Basel hinaus erreichen, etwa, indem wir Ausstellungen oder Veranstaltungen mit Partnerinstitutionen in anderen Städten machen. Wir möchten das Museum ins Land hinausbringen.

Sie leben jetzt seit einigen Wochen in Basel. Wie gefällt Ihnen die Stadt architektonisch?

An Basel gefällt mir der grosse Fluss. Das erzeugt eine Dialektik der Wahrnehmung, die man in einer flusslosen Stadt nicht hat. Man kann sich stets aussuchen, welches Ufer man gerade lieber mag. Es fällt mir leicht, mich hier zu Hause zu fühlen. Basel hat sehr unterschiedliche Gebäude aus verschiedenen Epochen. Tolle Kirchen aus dem Mittelalter, die teilweise umgewidmet wurden, wie die Elisabethenkirche oder die Barfüsserkirche. Eine Stadt definiert Gebäude über die Zeit hinweg neu. Ein Beispiel ist der Ostquai im Hafen. Was früher ein Lagerhaus war, ist heute ein Partyspace. Mir gefällt die industrielle Seite Basels, die Stadt lebt davon. Weil sich Industrie schnell verändert, bleiben die Gebäude nie lange in ihrer ursprünglichen Funktion. Diese Umwidmung der Räume schafft eine Dynamik, die eine Stadt jung hält.