Buch
Mord in der Serra-Plastik – Viel Basel in Bortliks neustem Krimi

Alles, was Basel ausmacht, ist drin im neuen, süffigen Krimi «Blutrhein» des Riehener Autors Wolfgang Bortlik.

Iris Meier
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Wo sich die hohen Künste und die niedrigen Bedürfnisse kreuzen: Die Serra-Plastik als Tatort.

Wo sich die hohen Künste und die niedrigen Bedürfnisse kreuzen: Die Serra-Plastik als Tatort.

Schweiz am Wochenende

Was für ein grossartiger Ort für einen Mord. In der Plastik «Intersection» von Richard Serra kreuzen sich seit 1992 die hohen Künste und niedrigen Bedürfnisse. Das Begehen der Plastik beschert einem nicht bloss ein Klangerlebnis, sondern ist auch olfaktorisch bestechend. Ausgerechnet in diesem, ebenso genialen wie umstrittensten, Kunstwerk wird, während er jemandem vom Wasserlassen abhalten will, der Regierungsrat des Baudepartements erstochen.

Zur gleichen Zeit, nur wenige hundert Meter entfernt, quält sich der Autor Melchior Fischer seiner theater-affinen Freundin zuliebe durch eine Inszenierung der Antigone, in der König Kreon als Cüpli-sozialistischer Regierungsrat zwielichtige Deals mit der Pharma-Elite eingeht. Während Fischer noch über diese sogenannt herzensmarxistische Interpretation nachdenkt, bemerkt er voller Neid, wie Kommissar Gsöllpointer, ebenfalls im Publikum, den Saal verlässt.

Die Doppelermittlung beginnt. Gsöllpointer erhält den Fall, und Melchior Fischer gerät zufällig mit rein, weiss aber immer ein wenig mehr als sein Fussballfreund. Was konnte ein Motiv für den Mord an dem beliebten Regierungsrat mit dem charmanten Lachen gewesen sein? Korruption? Irgendwas mit Pharma und Geld? Eifersucht? Der attraktive Sozialdemokrat war bekannt für seine Seitensprünge. Oder war der Täter vielleicht doch ein Wutbürger?

Wolfgang Bortlik

Wolfgang Bortlik

Kenneth Nars

Wer hat ihn verraten?

Wenn der verstorbene Regierungsrat «nichts anbrennen liess», so lässt Wolfgang Bortlik thematisch nichts aus, was mit Basel zu tun. Es folgt die Parkplatzfrage, die alte Stadtgärtnerei, der Rocheturm und, selbstverständlich, der Fussballclub. Eine heisse Fährte führt Fischer in die Vergangenheit des Ermordeten, als dieser noch in einer Wohngemeinschaft am St. Johannstor gewohnt hatte. Gsöllpointer verdächtigt unterdessen den Literaten Mendetas, den Fischer aus der Literaturszene kennt und wir aus Wolfgang Bortliks letztem Roman.

Dank Fischers neuer Freundin Maria, die ausgerechnet zu den von ihm kritisierten Sozialdemokraten gehört, geht es ihm in dieser Folge besser als in der letzten. Er muss sich weniger seinem eigenen Elend zuwenden und kann mehr über Dinge wie die lokale Politik oder das Theater herziehen. Fischers Exkurse sind so geistreich, dass man ihm gerne zuhört, selbst wenn das Grundeinkommen zum x-ten Male debattiert wird. Er wäre dafür.

Bortlik beherrscht seine Hauptfigur. Der Antiheld bereitet Vergnügen. Man schaut sich, wenn man in einer der von ihm als «angesagt» bezeichneten Kneipe sitzt, hoffnungsfroh um, ob Fischer vielleicht mit einem anstossen möchte. Auf seine Vorliebe fürs Liegen zum Beispiel, auf seine scharfe Position zur Papptelleraffäre, auf seine Liebe zur Stadt Basel, die er, all seiner Kritik zum Trotz, nur schlecht verbergen kann.

Ironie statt Psychologie

Weniger überzeugend sind Szenen, die aus der Perspektive anderer Personen erzählen, aber fast im gleich distanziert saloppen Ton erscheinen wie diejenigen aus Fischers Perspektive. Die ironische Distanz des Melchior Fischer passt nicht zu jeder Figur, nicht zu jeder Szene. Nicht zum Sterben und nicht zur Trauer. Dass der Regierungsrat an seinen Anzug denkt, während er erstochen wird, und sich fragt, ob die Flüssigkeit, die hinten aus ihm herausspritzt, Blut ist, mag die Komik erhöhen, killt aber die Plausibilität.

Auch die kühle Art und Weise, wie die Witwe des Regierungsrats kurz nach dem Mord über ihn nachdenkt, überzeugt nicht. Selbst wer vielfach betrogen wurde, reagiert nicht derart abgeklärt auf einen solchen Verlust. Mit der Psychologie in der Literatur ist es so eine Sache. Tritt sie zu offensichtlich in Erscheinung, entsteht ein Unbehagen, fehlt sie hingegen gänzlich, gerät die Bereitschaft des Lesers, dem Autor die Geschichte zu glauben, ins Wanken.

«Blutrhein» ist süffig zu lesen, und oft so witzig, dass problemlos auf den einen oder anderen plumpen Witz unter der Gürtellinie hätte verzichtet werden können. Ein Phallus allein macht noch keinen Frühling, und von Melchior Fischers Erotik wüsste man gerne entweder mehr, oder, vielleicht noch besser, weniger.

Auch sprachlich hätte etwas weniger Originalität dem Buch nicht geschadet. Auf die Begriffskreation «Sozialdämmerkraten» hätte man ebenso gerne verzichtet wie auf die «mondblauen» Augen der Witwe. Meistens schwappt Bortliks spürbare Lust am Schreiben aber erfolgreich auf die Lust am Lesen über. Nebst der Aufklärung des Kriminalfalles enthält der Roman Exkurse mit einer beachtlichen Mischung aus Adorno und Elfmeter, Nietzsche und Schnellimbiss. Das Buch ist, wie die Plastik Richard Serras, eine Kreuzung, eine Schnittfläche. Eben: Intersection.

Blutrhein ist im Gmeiner Verlag erschienen. Die Buchvernissage findet am 4. April um 19 Uhr im Literaturhaus Basel statt.