Jahrtausendkünstler
Mehr Genie geht nicht: Leonardo da Vinci war schwierig – aber genial

Denker, Tüftler und Ingenieur. Maler, Mathematiker und Utopist: Leonardo da Vinci war ein Jahrtausendkünstler. Seine Faszination hält bis heute. Das Universalgenie war in seiner Zeit hochgeschätzt, ihr aber weit voraus.

Bruno Knellwolf
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Mona Lisa und ihr Schöpfer, Leonardo da Vinci

Mona Lisa und ihr Schöpfer, Leonardo da Vinci

KEYSTONE/AP Reunion de Musees Nationaux di Parigi +Journal des Art

Viele Gemälde hat Leonardo da Vinci der Nachwelt nicht hinterlassen. Doch mit ihrer Perfektion und Eindringlichkeit ziehen sie noch Jahrhunderte nach ihrer Erschaffung jeden Betrachter in ihren Bann und werden weltweit kulturübergreifend sofort erkannt. In den Bildern offenbart sich das einzigartige Können der am 2. Mai 1519 verstorbenen Ausnahmeerscheinung. Seine Gemälde sind von einer Wirklichkeitsnähe, wie sie kein Künstler zuvor gewagt hat.

Zusammen mit anderen Künstlern der italienischen Renaissance befördert Leonardo Europas Aufbruch in die künstlerische Moderne. Er ist von allen Virtuosen seiner Zeit der berühmteste – und meistkopierte. Denn seine scharfe Beobachtungsgabe und sein Perfektionismus liessen ihn nicht nur einzigartige Gemälde wie jenes von Mona Lisa erschaffen. Leonardo da Vinci war ein Mensch, der alles wissen und verstehen wollte – auch wenn er keine höhere Schulbildung besass und sich beispielsweise Latein nur rudimentär, aber verbissen angeeignet haben soll. Er wollte das Wesen der Dinge begreifen und darstellen, deshalb studierte er Anatomie, Pflanzenkunde, Hydraulik, Mathematik und Geologie.

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Die Natur als Lehrmeisterin

Aus den Schriften des römischen Architekturtheoretikers Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) übernahm er die Erkenntnis, dass sich ein wohlproportionierter Mensch in einen Kreis wie in ein Quadrat fügt. Leonardo setzt sie um 1485 in seiner «Proportionszeichnung» des vitruvianischen Menschen bildlich um. Er präzisiert sie, indem er das Zentrum des Quadrats in die Schamgegend legt, während der Mittelpunkt des Kreises über dem Nabel liegt. Diese Skizze des Mannes in Kreis und Quadrat ist eines von Leonardos Markenzeichen geworden.

Die Natur war für den 1452 in Vinci geborenen Leonardo grandiose Schöpferin und Lehrmeisterin. Er sezierte Leichen von Verbrechern, um ins Innerste des Menschen vorzudringen. Seine anatomischen Zeichnungen blieben über Jahrhunderte unerreicht, wie der Leonardo-Experte Bernd Roeck von der Universität Zürich erklärt. Der Natur schaute er auch bei der Technik ab. Er entwarf Fluggeräte, hydrotechnische Vorrichtungen und Prachtbauten. Die meisten blieben Ideen.

Beim Alleskönner zeigten sich auch Widersprüche. Den Krieg nannte er einen «völlig bestialischen Wahnsinn» und erfand doch Kriegsgeräte, den Menschen bezeichnete er als Wunderwerk wie als Ungeheuer. Er war ein Aufklärer, der Magier und Astrologen mit Spott bedachte und Mönche wie auch theologischen Zank verachtete. Als Ingenieur gut bezahlt, lebte er als Künstlerfürst, dem weder seine Unzuverlässigkeit noch seine Homosexualität geschadet haben. Hinterlassen hat er Stoff für Jahrhunderte.

Das berühmte Porträt da Vincis, wahrscheinlich gezeichnet von seinem Schüler Francesco Melzi zwischen 1515 und 1518.
6 Bilder
Das Phantombild der Universität Zürich. Professor Bernd Roeck von der Universität Zürich hat mit Kriminologen das Abbild von Leonardo da Vinci nachzeichnen lassen.
Leonardo da Vinci war Wissenschafter wie Maler: In «Der vitruvianische Mensch» illustriert er die idealen menschlichen Proportionen.
Leonardo da Vinci hinterliess Tausende Skizzen, Zeichnungen und Textseiten: Präzis erfasste Anatomiestudien, der Entwurf einer Kanone und Studie zum Sforza-Reiterdenkmal.
Leonardo da Vinci hinterliess Tausende Skizzen, Zeichnungen und Textseiten: Präzis erfasste Anatomiestudien, der Entwurf einer Kanone und Studie zum Sforza-Reiterdenkmal.
Leonardo da Vinci hinterliess Tausende Skizzen, Zeichnungen und Textseiten: Präzis erfasste Anatomiestudien, der Entwurf einer Kanone und Studie zum Sforza-Reiterdenkmal.

Das berühmte Porträt da Vincis, wahrscheinlich gezeichnet von seinem Schüler Francesco Melzi zwischen 1515 und 1518.

Alamy Stock Photo

Das Leben von Leonardo da Vinci

15. April 1452 In Vinci nahe Florenz wird Leonardo als unehelicher Sohn des Notars Piero da Vinci und der Magd Caterina geboren. Er wächst bei seinen Grosseltern auf.

Um 1468 In der Werkstatt des Florentiner Malers und Bildhauers Andrea del Verrocchio tritt Leonardo eine Lehre an.

Um 1472 Leonardo wird erstmals auf einer Liste einer Malervereinigung erwähnt, arbeitet weiter als Verrocchios Geselle. Um 1473/75 entstehen die ersten eigenständigen Gemälde, wie das Bildnis der «Ginevra de’ Benci».

Um 1480 Künstlerischer Durchbruch.

Um 1482 Der 30-Jährige zieht von Florenz nach Mailand, wo er unter dem Patronat des Herrschers Ludovico Sforza arbeitet. Das Projekt eines Reiterstandbildes aus Bronze von 1488, das den Vater des mailändischen Herrschers zeigen soll, scheitert.

1495–1497 Leonardo malt im Kloster Santa Maria della Grazie in Mailand, wohl im Auftrag von Sforza, das Wandbild «Das Abendmahl».

1502 Leonardo da Vinci tritt in die Dienste Cesare Borgias und begleitet den Söldnerführer einige Monate lang als Militäringenieur auf Kriegszügen durch Mittelitalien.

1503 Wieder in Florenz, beginnt der Künstler mit der Arbeit an seinem berühmtesten Gemälde, der «Mona Lisa». Vollenden wird Leonardo das Porträt der Seidenhändlergattin erst mehr als ein Jahrzehnt später.

1506 Auf Einladung der zu dieser Zeit dort herrschenden Franzosen zieht Leonardo wieder nach Mailand und wird unter anderem Hofmaler und Organisator von Festen.

1513 Giovanni de’ Medici wird unter dem Namen Leo X. Papst. Er forciert den Verkauf von Ablassbriefen, um den Weiterbau des Petersdoms in Rom zu finanzieren. Sein Bruder Giuliano de’ Medici holt Leonardo nach Rom, grosse Aufträge bekommt er aber nicht.

1516 Nach dem Tod seines Förderers Giuliano nimmt Leonardo ein Angebot des französischen Königs Franz I. an und zieht in ein Schlösschen bei Amboise an der Loire.

2. Mai 1519 im Alter von 67 Jahren stirbt Leonardo da Vinci in Amboise. Einige seiner bekanntesten Gemälde, darunter die «Mona Lisa», gelangen in den Besitz des französischen Königs – und von dort in den Louvre.