Kunst
Mehr als herzig: Gedanken zu Albert Ankers Gemälde «Kinderkrippe».

Albert Anker (1831-1910) malte zwar Idyllen. Aber eigentlich waren sie politische Kommentare und zur Aufklärung gedacht. Sein Bild der Reform-Kinderkrippe gehört Christoph Blocher – Wirkung zeigt es aber wenig. Eine Bildbetrachtung.

Sabine Altorfer
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Albert Anker malte die «Kinderkrippe II (beim Spielen)» 1894. Das fröhliche Bild gehört dem Anker-Sammler Christoph Blocher. ho

Albert Anker malte die «Kinderkrippe II (beim Spielen)» 1894. Das fröhliche Bild gehört dem Anker-Sammler Christoph Blocher. ho

Ivan Ivic

Eine Schar Kinder sitzt spielend um den Tisch. Manche bauen mit roten Backen aus ihren Klötzen Türme, sie schauen einander zu, wetteifern, nur einem Knaben ist es etwas langweilig. Eine zweite Gruppe darf am Boden spielen und das Mädchen mit dem weissen Schal – hat es Zahnweh oder Ohrenschmerzen? – bekommt Tee. Kinderidylle pur. So frei, so locker, so friedlich stellen wir uns doch die perfekte Kinderbetreuung vor.

Die Kleider der Kinder, der Raum und die Diakonissen-Tracht der Betreuerin sagen uns, dass das Gemälde nicht von heute ist. Gemalt hat es Albert Anker 1894. Das Bild zeigt die Kinderkrippe am Berner Gerbergraben. Sie ist vorbildlich und nach den Ideen des Pädagogen Friedrich Fröbel geführt, der 1837 auch die Bauklötze entwickelt hatte.

Zu sehen ist es in der aktuellen Anker-Ausstellung in Schaffhausen. Unsere Besprechung hat Reaktionen ausgelöst. «Neues gelernt über Anker. Er war also weit mehr als der Idylliker», schrieb ein Kollege. Er bringt damit die Missverständnisse um den Maler des ländlichen Schweizer Alltags im 19. Jahrhundert auf den Punkt.

Wir lesen die Bilder der Kinder, der Schulmeister oder der Gemeindeversammlung in der Bauernstube heute als Idyllen. Doch die Absicht von Anker (1831-1910) war nicht nur die Darstellung von Zuständen, seine gekonnt gemalten Werke sind vielmehr Kommentare zur Zeit – und auch politische Aufklärung. 1848 wurde der Bundesstaat gegründet, 1878 die Bundesverfassung revidiert. In diesen Jahrzehnten wurden das moderne Staatswesen und die Verwaltung aufgebaut.

Und was hat das mit der Kinderkrippe zu tun? Einen Familienartikel, der die ausserfamiliäre Kinderbetreuung regelt und erleichtert, gibt es ja bis heute nicht. Aber Kinderkrippen gab und brauchte es schon Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung liess die Menschen aus der ländlichen Grossfamilie in die Stadt zügeln. Und 1877 stimmte das Schweizervolk dem Fabrikgesetz zu. Es begrenzte die Arbeitszeit auf elf Stunden täglich, am Samstag auf zehn Stunden – und es verbot die Kinderarbeit. Doch wohin nun mit den Kindern?

Anker war Demokrat und Republikaner, er war ein Verfechter der Reformpädagogik und guter Staatsschulen. Er malte oft Mädchen schreibend bei den Schulaufgaben, es sollte ein übliches Bild werden, da sie meist nur im Lesen, aber nicht im Schreiben unterrichtet wurden.

«Dass Anker ein Reformer war, sollten Sie Christoph Blocher schreiben», forderte eine Leserin. Was Sammler Blocher über Anker weiss, wissen wir nicht. Aber dass er das Bild mit der fröhlichen Kinderkrippe kennt, ist gewiss. Es gehört ihm. Da stellt sich höchstens die Frage, warum seine Partei mit weinenden Kindern hinter Gittern gegen Krippen und gegen den Familienartikel Propaganda machte.

Albert Anker und der Realismus in der Schweiz Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. Bis 1. September.

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