Oper
Massimo Rocchi: «Die Schweiz ist meine Brille»

Massimo Rocchi inszeniert am Theater Basel Donizettis «Don Pasquale». Ein Blick in die Denkwerkstatt.

Christian Fluri
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Er wolle Oper so erzählen, dass sie uns berührt, erklärt Massimo Rocchi, der Komiker. Martin Toengi

Er wolle Oper so erzählen, dass sie uns berührt, erklärt Massimo Rocchi, der Komiker. Martin Toengi

«Oper inszenieren ist für mich derzeit eine Sucht», sagt Massimo Rocchi, der in Basel lebende italienisch-schweizerische Komiker und Träger des Kulturpreises 2013 der AZ Medien. «Seit 13 Monaten beschäftige ich mich mit nichts anderem als mit Gaetano Donizettis ‹Don Pasquale›», erzählt Rocchi, der seine zweite Oper inszeniert – wieder am Theater Basel. Die erste, mit der er einen schönen Erfolg einheimste, war Joseph Haydns «Lo speziale».

Rocchi ist ein von der Oper begeisterter Komiker und Erzähler. Sie begleitet ihn seit seiner Jugend in der Emilia-Romagna. Oper ist für ihn wie ein wunderbares Spiel. Hört er eine Ouvertüre, öffnet sich sein Herz. «Das ist, wie wenn ich mit dem Velo rasant bergabfahre und mir der Wind entgegenweht.» Das hat etwas Befreiendes für Rocchi. Natürlich liebt der Komiker besonders die Komödie. Als leidenschaftlicher Theatermann, der meist allein auf der Bühne steht und eigene Geschichten erzählt, weiss er genau, dass Komik eine Gratwanderung ist. Dazu kommt, dass «Don Pasquale» eigentlich ein Dramma giocoso im Sinne der Mozart-da-Ponte-Opern ist, das Komik mit der Tragik verknüpft. In diesem Sinne entwickelt Donizetti in seiner drittletzten, 1843 in Paris uraufgeführten Oper die Tradition der Commedia dell’Arte und der Opera buffa von Rossini weiter und führt sie zugleich zu Ende.

Reicher Geizhals will junge Frau

Die «Don Pasquale»-Geschichte aber ist die altbekannte: Ein alter reicher Geizhals will sich eine junge Frau angeln – zur Versüssung seines Lebensabends. Dabei wird er vom Arzt Malatesta, von Norina, der jungen Schönen, und von seinem Neffen Ernesto, ihrem Liebhaber, bös ausgetrickst und fällt mit seinen Träumen einer neuen Jugend platt auf die Nase. Was begeistert Rocchi an dieser immer gleichen Geschichte? «Diese Geschichte wird seit Aristophanes erzählt. Aber ‹Don Pasquale› hat etwas, was die anderen Komödien nicht haben», hält er fest. Nicht nur lobt er das an Details reiche Libretto, an dem Donizetti mitgeschrieben hat. Trotz des Titels «Don Pasquale» sei unklar, wer die Hauptfigur sei. Jeder der vier könnte es sein. Für Rocchi ist es Malatesta: «Er ist der Magier, der Spielführer, der die Intrige spinnt.»

Vor dem Inszenierungskonzept steht beim Regisseur das Nachdenken über das Biotop, in dem die Geschichte spielt. «Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie sich in einem Riff Fische angreifen, wie sie sich voreinander verstecken oder sich füttern, sich putzen. Dann erkenne ich, ob meine Theaterideen zum Biotop passen.» Und noch ein Vergleich fügt er an: «Inszeniere ich Oper, ist das, als bestiege ich einen Berg, den schon Tausende erobert haben. Dabei will ich aber einen eigenen, anderen Weg finden. Meine Pedanterie lässt es nicht zu, etwas zu kopieren.»

Und wie erzählt der Regisseur Donizettis Oper? «Die Schweiz ist meine Brille, durch die ich auf das Stück schaue», erklärt Rocchi. Er fragte sich, wie die Schweiz mit alten Menschen umgeht. «Einer, der 1843 70 Jahre alt war, wäre heute ein Greis.» Das Problem des Don Pasquale in Rocchis Lesart ist nicht etwa der Wunsch nach Sex. «Um Sex geht es nicht. Das Problem alter Menschen ist, dass sie nicht mehr gebraucht werden und einsam sind. Don Pasquale braucht – wie jeder Mensch – eine Motivation, zu leben, jeden Tag. Geliebt zu werden und in eine Zukunft versprechende Idee verliebt zu sein, danach sehnt er sich. Spannend ist, dass der Alte an eine Geschichte glaubt und darob das Geld vergisst. Hier wird die Oper immer aktueller.» Bei Donizetti ist Don Pasquale auch viel mehr als eine Karikatur, er hat eine Tragik: «Er ist eine Marionette Malatestas, ohne es zu wissen.» Als er zur bitteren Erkenntnis gelangt, wie er hintergangen wird, erregt er unser Mitleid. Nachdem ihn Norina ohrfeigt, singt er «E finita Don Pasquale». Das rührt uns zu Tränen. Donizettis Figuren sind viel differenzierter als jene der Commedia dell’Arte. Rocchi sinniert weiter: «Vielleicht sind Don Pasquale, der verliebte Träumer Ernesto und der durchtriebene Malatesta schlicht drei Seiten des Mannes. Ernesto verkörpert die Jugend, Malatesta das Unternehmertum und Don Pasquale das Alter.»

Norina, das bedeutet in seiner Lesart, Eros und Frühling. Geld brauche sie, um ins Theater zu gehen. Das war im 19. Jahrhundert der Ort, wo sich das gesellschaftliche ausgelassene Leben abspielte, «das Leben, dem sich Don Pasquale verweigert».

«Die Bühne ist wie ein Netz»

Rocchis Schweizer Don Pasquale lebt im Stöckli, im Altenteil eines Hofes. Die Bühne, «die ich unter mithilfe von Jean-Marc Desbonnets und dem Architekten Andrea Lenzi kreiert habe», sieht er gleichsam als das Sicherheitsnetz für das Spiel der Figuren – so wie es die Akrobaten im Zirkus haben. «Es muss genau passen, um sie aufzufangen, auch wenn sie absichtlich hineinspringen, um die Spannung zu erhöhen», merkt Rocchi schmunzelnd an.

Er schafft gezielt die Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühne ab. Die Figuren sollen das Publikum ansprechen. «Ich will die Oper so erzählen, dass sie klar und einfach ist, uns berührt und eine Poesie entfaltet.»

Don Pasquale Theater Basel, Premiere ist heute, Vorstellungen bis 19. März 2015

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