Kleinkunstmarathon
«Man braucht auch gedanklich eine Insel»

Mit dem 24-stündigen Kleinkunstmarathon vom 13. September hat sich der Verein Kellertheater Dietikon ein monströses Projekt vorgeknöpft. Projektleiterin Annekatrin Ranft-Rehfeldt spricht über die Notwendigkeit von Kultur und wieso sich dafür sogar Schlafmanko und Gratisarbeit lohnen.

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Annekatrin Ranft-Rehfeldt

Annekatrin Ranft-Rehfeldt

Schweiz am Sonntag

von Bettina Hamilton-Irvine

Frau Ranft-Rehfeldt, in einer Woche findet der Kleinkunstmarathon statt und Sie stecken im Moment sicher bis über beide Ohren in den letzten Vorbereitungsarbeiten. Kommen Sie überhaupt noch zum Schlafen?

Annekatrin Ranft-Rehfeldt: Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass es mit dem Schlaf mangelt. Wir halten den Schul- und Berufsablauf aufrecht, doch das Privatleben hat sich auf ein Minimum reduziert und das Projekt hält uns bis spät in die Nacht auf Draht.

Dann stehlen Sie sich die fehlende Zeit für den Event von der Nacht?

Teilweise schon, weil man in der Nacht halt auch seine Ruhe hat und ungestört arbeiten kann.

Mit dem 24-Stunden-nonstop-Kleinkunstmarathon haben Sie sich ein extrem ambitiöses Projekt vorgenommen. Wird der Event so werden, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Die ursprüngliche Idee hat sich im Laufe des Projektes bestätigt und wurde noch mit neuen Ideen bereichert. Während der letzten sechs Monate Arbeit hat das Team viele zusätzliche gute Inputs gegeben, die das Ganze noch innovativer gemacht haben.

Mit Künstlern von Dodo Hug über Clown Linaz bis zu Christian Haller ist das Line-up hochkarätig. Worauf freuen Sie sich besonders?

Es ist schwierig, jemanden aus dem Programm zu favorisieren, doch freue ich mich persönlich auf Ferrucio Cainero und das Duo Full House, welche sich bereit erklärt haben, fünf bis sieben Stunden des Anlasses zu moderieren, was dem Ganzen einen gewissen Schliff verleit. Auch dass wir den Schauspieler und Imitator David Brö-ckelmann aus der Sendung «Giacobbo/Müller» für die Eröffnung gewinnen konnten, ist wie ein Geschenk. Besonders erwähnenswert ist auch Neve Music, ein Musikduo, das speziell für den Marathon aus dem Tessin nach Dietikon reist, und unser Abendspecial «Die Mammutjäger».

Und es gibt auch Künstler, die gerne morgens um 4 Uhr auftreten?

Ja, und darüber freuen wir uns sehr. Der Opening-Block von 0 bis 6 Uhr am Morgen ist ganz toll. Es ist wunderbar, dass wir interessante Künstler gefunden haben, die mit Begeisterung auch zu dieser Zeit auftreten werden.

Werden Sie überhaupt zum Schlafen kommen oder sehen Sie sich 24 Stunden lang Kleinkunst an?

Ein bisschen werde ich schon schlafen müssen, obwohl ich am liebsten nichts verpassen möchte. Doch wir werden uns innerhalb des Organisationskommittees so absprechen, dass wir alle zwischendurch mal 4 oder 6 Stunden lang schlafen können.

Sie sind schon seit zehn Jahren beim Verein Kellertheater Dietikon dabei. Haben Sie schon einmal ein Projekt dieser Dimensionen auf die Beine gestellt?

Nein. Der Marathon ist mit Abstand das grösste Projekt, das je im Verein Kellertheater gemacht worden ist.

Hatten Sie während der Vorbereitungszeit auch einmal Zweifel daran, ob es eine gute Idee war, sich so ein riesiges Projekt aufzuhalsen?

Ja. Nein. Jein. (lacht) Es gab natürlich ab und zu Meinungsverschiedenheiten oder unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie man eine Idee umsetzt. Da musste man dann wieder einen gemeinsamen Nenner finden. Klar waren auch mal Befürchtungen da, ob das Ganze für unseren Verein, der ja doch sehr klein ist für ein derartiges Projekt, überhaupt realisierbar ist. Da war eine Menge Basisarbeit im Team notwendig, um Zweifel abzufedern, um einander den Rückenhalt und die Sicherheit zu geben, dass es funktionieren wird. Für viele war es auch eine ganz neue Erfahrung, einen Event in dieser Grössenordnung zu organisieren.

Annekatrin Ranft-Rehfeldt und der Kunstmarathon

Zur Person: Annekatrin Ranft-Rehfeldt wurde in Görlitz, Deutschland, geboren und wuchs in Berlin auf. Die 45-Jährige lebt seit 15 Jahren in der Schweiz und hat sich «vom ersten Moment an für Dietikon entschieden», wie sie sagt. Sie hat Ökonomie und Hotelmanagement studiert und später weitere Ausbildungen zur Werbeökonomin und Finanzcontrollerin gemacht. Sie arbeitet als Controllerin und Fachspezialistin im Bereich der Betriebsbuchhaltung. Im Vorstand des Verein Kellertheater Dietikon ist sie seit zehn Jahren dabei - mit Kunst und Theater befasst sie sich aber schon seit ihrer Kindheit. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 12 und 21 Jahren.

Der KleinRaumTheater-Marathon: Mit dem von Annekatrin Ranft-Rehfeldt geschriebenen Konzept hat der Verein Kellertheater Dietikon den nationalen Migros-Kulturprozent-Wettbewerb zum Tag der Kleinkunst gewonnen. Der Kleinraumtheater-Marathon findet am 13. September von 0 Uhr bis 24 Uhr in der Markthalle auf dem Kirchplatz Dietikon statt. Mit dabei sein werden unter anderem Crème Brulée, Peter Friedli, Hans Peter Trutmann, Esther Schaudt, NEVEMusic, Lisa Catena, Otto Müller, Clown Pello, Regierungsrat Markus Notter, Christian Haller, Dodo Hug, Clown Linaz, David Bröckelmann, die Mammutjäger und Philipp Galizia. Nebst künstlerischen Darbietungen gibt es eine Festwirtschaft mit tamilischen und Bündner Spezialitäten von exotischem Tee über Spanferkel bis zur Bünderplatte. Ausserdem wird die Ausstellung «Jugendkulturtrends» der Abteilung Jugendarbeit der Stadt Dietikon gezeigt, eine 3D-Rauminstallation und die Fotoaktion «hautnah-näherdran», bei der sich Gäste mit den Künstlern ablichten lassen können.

www.theaterdietikon.ch

Sie und Ihr Verein stecken unzählige Gratisstunden Arbeit in Projekte wie den Kleinraumtheater-Marathon. Lohnt sich das für Sie am Schluss?

Ja. Es lohnt sich und es ist eine schöne Herausforderung. Wenn eine Idee wie diese einmal entstanden ist, ist das wie wenn ein kleines Kind geboren ist, dass man dann führt und begleitet. Es war auch für mich eine einmalige Gelegenheit, ein aussergewöhnliches Projekt umzusetzen. Ein absolutes Highlight war auch immer wieder die Motivation, die mein Team gezeigt hat. Sie haben sich gegenseitig aufgefangen und begeistert, niemand hat jemals gesagt: Nein, dafür finden wir keine Lösung.

Bei dem Projekt geht es Ihnen auch um die Frage, ob es Kultur und Kleinkunst überhaupt braucht. Wieso muss sich Kunst immer behaupten?

Die Frage, ob es Kunst braucht, ist eine Frage, die immer wieder neu aktuell sein wird. Denn es braucht mehr im Leben als morgens zur Arbeit zu gehen, sich um die Familie zu kümmern und seinen Alltag zu meistern. Man braucht auch gedanklich eine Insel, einen Ort, der einem vom Alltag wegholt und in einer anderen Welt platziert. Deshalb braucht es einen Weg, Kultur immer wieder neu zu gestalten, neu solche Inseln zu schaffen, wo sich die Leute hingeführt fühlen und wo sie für kurze Zeit in eine andere Welt eintauchen.

Wenn doch aber die Kunst eine zentrale Rolle im Leben spielt, wieso wird immer noch erwartet, dass so viele Menschen Gratisarbeit dafür leisten? Muss die Kunst einen anderen Stellenwert bekommen?

Ich denke, es ist mittlerweile nicht mehr so, dass die Kunst als nicht besonders wichtig eingestuft wird. Vereinsarbeit und ehrenamtliche Arbeit werden in der Schweiz sehr geschätzt. Die Kleinkunstszene hier ist denn auch einzigartig im Vergleich zum Beispiel mit Deutschland, wo meistens Agenturen vollberuflich Projekte organisieren. In der Schweiz hingegen ist ein Grossteil der Kleinkunstszene auf ehrenamtlicher Tätigkeit aufgebaut. Wir haben jedoch auch viel Anerkennung und grosse Unterstützung gerade in den Bereichen Werbung und Infrastruktur von der Stadt Dietikon erhalten.

Dann würden Sie sagen, dass es in der Schweiz eine besondere Leidenschaft für Kleinkunst gibt?

Ja, auf jeden Fall.

Mit Ihrem Projekt platzieren Sie Kleinkunst für einmal mitten im Stadtzentrum. Muss Kleinkunst generell sichtbarer werden? Oder gehen die Leute nach diesem Anlass wieder zurück in die Kellertheater?

Das Projekt hat bereits jetzt so viel Aufmerksamkeit erregt, dass man sogar schon im Vorfeld den Kulturplatz Limmattal besser oder anders wahrnimmt. Welchen Effekt das langfristig haben wird oder wie lange dieser Effekt anhalten wird, ist im Voraus schwer zu sagen. Ich hoffe natürlich, dass es neues Publikum an unsere regelmässigen Veranstaltungen im Stadtkeller bringen wird und gerade auch jüngere Menschen inspiriert, sich mit Kleinkunst zu befassen. Aus diesem Grund haben wir grossen Wert darauf gelegt, dass das Programm sowohl Jugendliche als auch Ältere anspricht.

Sie haben es sich zur Mission gemacht, die Leute mit dem Kleinkunstvirus anzustecken. Lassen sich die Leute trotz der Panik vor der Schweinegrippe gerne infizieren?

Wir infizieren die Leute symbolisch mit dem Kleinkunstvirus, indem wir ihnen eine Klammer anheften. Normalerweise lösen wir damit Neugier aus. Die meisten Leute reagieren mit einem Schmunzeln und sagen: Ja, damit lasse ich mich gerne anstecken. Den Kleinkunstvirus haben wir ja schon lanciert, bevor es die Schweinegrippe gab. Thematisch passt das aber nun ganz gut zusammen.

Also eine Art positiver Gegenpol zum bösen Schweingrippevirus?

Ja genau. Die Leute sehen den Humor dabei, nach dem Motto: Damit kann ich mich anstecken, da passiert mir nichts, das ist etwas Gutes. Es nimmt dem ganzen Schweinegrippevirus auch ein bisschen diese ernste Panikkomponente, die manchmal vorhanden ist. Natürlich muss die Pandemie ernst genommen werden, doch unsere Viren nehmen dem Ganzen etwas die Schwere. Kultur ist ja bekannt dafür, dass sie nicht immer alles so ernst nimmt und Ablenkung bietet. Das heisst aber nicht, dass wir all unser Tun auf die leichte Schulternehmen.

Was macht gute Kleinkunst für Sie aus?

Gute Kleinkunst ist für mich immer authentisch. Man spürt den Gedanken dahinter und kann sich selber Bilder dazu machen, die man dann für sich definiert: Ist es lustig, regt es mich zum Nachdenken an, fühle ich mich ganz persönlich angesprochen? Die Künstler kommen dem Publikum oft sehr nahe, anders als bei elektronischen Medien oder Grossveranstaltungen. Es entsteht eine emotionale Vielfalt, wo manche Leute herzhaft lachen, während andere in sich versunken sind und neue Inspiration finden. Wenn das passiert, ist es gute Kleinkunst. Sie kann ganz leicht sein oder auch mal etwas schwerer.