Kunst
Madonna und Lustweib – und beide haben den gleichen Vater

Der Luzerner Künstler Hans Schärer malte gleichzeitig erotische Bilder und Madonnen. Das ist bei ihm kein Widerspruch, wie die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus zeigt.

Sabine Altorfer
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Prall und provokativ: Hans Schärers «erotische Aquarelle». Hier ein Blatt von 1976.

Prall und provokativ: Hans Schärers «erotische Aquarelle». Hier ein Blatt von 1976.

Erben Hans Schärer / ProLitteris

Da hängen über 100 Madonnen, und trotzdem will kein sakrales Gefühl aufkommen. Kein Wunder, wir sind schliesslich nicht in einer Kirche, sondern im Kunsthaus. Und vor allem: Diese Madonnen sind keine keuschen Jungfrauen, keine liebenden oder leidenden Mütter, keine Heiligen. Im Gegenteil: So krud, so krass wie Hans Schärer hat wohl noch kein anderer Künstler die Madonna gemalt. Oder kennen Sie Darstellungen der Heiligen Jungfrau mit aufgerissenem Mund und Zähnen aus Kieselsteinen, mit solch groben Gesichtszügen, mit nackten Brüsten, mit einem (stilisierten) Geschlechtsteil auf Stirn oder Brust?

Trotzdem, blasphemisch, nur spöttisch oder ironisch wirken Schärers Madonnen nicht. Vielleicht etwas unchristlich, aber mit erstaunlich starker Ausstrahlung. Also wie eine Mischung von archaischer Urmutter, Ikone und heidnischer Kultfigur. Und die einfache frontale Ansicht ohne plastische Perspektive erinnert an frühchristliche Heiligenbilder.

Beeindruckende Menge

Eine solch frühe Darstellung der Madonna, das grosse Gold-Mosaik auf der venezianischen Insel Torcello, habe Hans Schärer in den 1960er-Jahren zu seiner Serie inspiriert. Das sagt Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthauses. Sie ermöglicht die Wiederbegegnung mit dem Werk des Innerschweizer Künstlers, der in Aarau immer wieder gezeigt wurde. Schuppli stellt gar ein neu erwachtes Interesse an Schärers Werk fest.

Über mangelndes Interesse konnte sich Hans Schärer (1927–1997) auch zu Lebzeiten nicht beklagen. Über hundert Madonnen hat er gemalt, aus Lust an der Serie und am immer neuen Ausdruck – aber auch, weil die Bildnisse bei Käufern beliebt waren. Was uns heute noch anspricht, sind Schärers Radikalität und seine Malweise. Wobei sein Schichten von Farben schon eher einer Materialschlacht als dem herkömmlichen Malen mit dem Pinsel gleicht. Oft ist die Farbe zentimeterdick, Gesichter, Münder oder Brüste sind aus Farbe aufmodelliert und mit Steinen, Metall- und Schnurstücken noch betont. Man mag von seinen Madonnen-Bildnissen berührt sein oder nicht: Was einen beeindruckt, ist ihre urtümliche Kraft und die Reihung, ist die schiere Masse seiner Serie, die erstmals überhaupt zusammengetragen wurde und in ihrer ganzen Fülle präsentiert wird.

Aus dem Zeitgeist

Hans Schärer hat mit seiner so eigenwilligen wie kritischen Sicht auf die grosse Heilige in den 1960er- und 1970er-Jahren den Nerv der Zeit getroffen. Erinnern wir uns: Es herrschte Aufbruch und Umbruch. Kirchliche und weltliche Institutionen, der Kunstkanon wie auch gesellschaftliche Regeln wurden radikal infrage gestellt. Es war zudem die Zeit der sexuellen Befreiung: Die Frauen wollten nicht nur das politische Stimmrecht, sondern auch die sexuelle Selbstbestimmung. Schärer packte auch dieses Thema frech an – in einer Serie von erotischen Aquarellen. Sie entstanden parallel zu den Madonnen, wie der Katalog in einer reizvollen Chronologie belegt.

Die Bezeichnung erotische Aquarelle, wie das Kunsthaus im Ausstellungstitel schreibt, ist eine fachsprachliche, sehr diplomatische Umschreibung. Es sind deftige, comicartige Darstellungen, vergleichbar am ehesten mit den japanischen Shunga, die vor Sexszenen nicht zurückschrecken. Die Frauen – und ihnen gilt Schärers Augenmerk – sind Lustweiber. Sie treibens mehr als bunt, selbst in den ersten noch schwarz-weiss dominierten Tuschearbeiten. Die Frauen tanzen um Penis-Denkmäler, präsentieren ihre Reize im Zirkus oder im Bad, züngeln gierig oder sausen angeregt – und wie immer mit breitestem Rotmund-Lachen – auf einem Phallus-Schlitten splitternackt durch den Schnee. Selbst die Landschaften sind mit eruptierenden Vulkanen und Springbrunnen erotisch aufgeladen. Schlecht kommen nur die Männer weg. Ob Priester oder Dominator: Sie sind bei Hans Schärer kleine, gierige Nebensächlichkeiten, sie verlieren vor lauter Sex den Kopf oder gar die Bibel.

Zeitgenössisches Pendant. «Inhabitations»

Hans Schärers Kunst aus den 60er- und 70er-Jahren lässt uns unweigerlich fragen: Was machen denn die heutigen Künstlerinnen und Künstler zum Thema Körper? Genau das wollte das Team des Aargauer Kunsthauses auch wissen. Das Resultat ist die Gruppenschau «Inhabitations». Mit so vielen Aspekten wie Teilnehmenden – und der Erkenntnis: Der Körper ist unser Zuhause, der Kopf nicht immer sein Zentrum.

Laura Speridini seziert den Körper in seine plastischen Einzelteile, Beni Bischof verzerrt ihn comicartig und Nel Aerts verkritzelt ihre Selbstbildnisse zu seltsamen Doppelgängerinnen, wie wir das von Plakatwänden kennen. Stete Verwandlung ist das Thema von Yves Netzhammer, der seine computergenerierten Gliederpuppen und eine rote Kugel durch märchenhaft unbestimmte Welten irren lässt.

Unbehagen beschleicht einen bei der Selbstinszenierung der Videokünstlerin Melodie Mousset. Sie sitzt nackt auf einer blendendweissen Töpferdrehscheibe, Männerhände greifen an ihren Kopf, beginnen zu drücken, zu formen – ja, ihn gar auszuhöhlen, bis statt eines Kopfes ein leeres Gefäss auf ihren Schultern sitzt. Zum Glück für die innere Ruhe der Besucherin wird der optische Trick mit dem klumpen Ton auf dem Kopf aufgelöst. (sa)

Die vier Ausstellungen
im Aargauer Kunsthaus


Hans Schärer Madonnen &
Erotische Aquarelle
Katalog bei Edifizione Periferia (Fr. 54.–).

Inhabitations Phantasmen des Körpers in der Gegenwartskunst

beide bis 2. August.

huber.huber Und plötzlich ging die Sonne unter Zum Gedenkjahr 1415, der Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen.

Caravan 2/2015: Sarah Burger
Reihe für junge Kunst

beide bis 16. August.

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