Ausstellung
Kunstmuseum Basel zeigt alte Meister im Museum der Kulturen

Das Kunstmuseum Basel ist wegen Renovation geschlossen, zeigt seine Schätze jedoch anderswo. 50 Schlüsselwerke seiner Altmeister-Sammlung sind ab Samstag im Museum der Kulturen Basel zu sehen.

Christian Fluri
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Im Basler Museum der Kulturen werdeb Werke der alten Meister Holbein, Cranach, Grünewald aus dem momentan geschlossenen Kunstmuseum Basel gezeigt.

Im Basler Museum der Kulturen werdeb Werke der alten Meister Holbein, Cranach, Grünewald aus dem momentan geschlossenen Kunstmuseum Basel gezeigt.

Zur Verfügung gestellt

«Wäre Hans Holbein ein Mann von heute, würde er wahrscheinlich Fotograf, Albrecht Dürer hingegen Schreiber oder Philosoph, und Matthias Grünewald wäre Theatermann», fantasiert Bodo Brinkmann, Kurator alter Meister am Kunstmuseum Basel, in seinen eloquenten Ausführungen der von ihm eingerichteten Ausstellung. Er verweist auf die theatralische Darstellung der Kreuzigung Christi. Das Bild wird zur Bühne. Der Himmel ist schwarz, die grün-braune Landschaft hinter dem Kreuz hat etwas Kulissenhaftes.

Das Scheinwerferlicht ist direkt auf den sterbenden, leidenden Christus und dessen geschundenen Körper gerichtet. Die drei Frauen mit Maria und Maria Magdalena am Fuss des Kreuzes drücken mit ergreifendem Pathos alle Formen weiblicher Trauer aus und hinten hebt der Soldat, der sagt «dieser ist Gottes Sohn gewesen», die Hand zum römischen Gruss. Er stecke zwar in einer Ritterrüstung, aber in einer, wie sie 100 Jahre vor der Entstehung des Gemäldes um 1515 gängig war. «Grünewald, der noch keine Kenntnisse über die Antike hatte, dachte darüber nach», erzählt Brinkmann.

Nicht allein das erschütternde Werk Grünewalds weckt den Eindruck von Theater. Die Ausstellung «Holbein, Cranach, Grünewald – Meisterwerke aus dem Kunstmuseum Basel» im Museum der Kulturen ist selbst ein von Brinkmann grandios inszeniertes Theater. Die 50 Meisterwerke aus dem Spätmittelalter und der Renaissance erscheinen in neuen inhaltlichen und formalen Zusammenhängen. Und vor allem erhalten sie – in dieser szenischen Anordnung – neues Leben. Bei manchen Bildern – wie zum Beispiel – in «Der Marientod» (1501) von Hans Holbein dem Älteren, würde es uns nicht verblüffen. Wenn die Apostel, die sich um Maria gruppieren, dem Bild entsteigen und durch den hohen, neuen Museumsraum schreiten würden – so plastisch wirken die mit starken individuell ausgestatteten Zügen gemalten Männer.

Geschichten von Leben und Tod

Der von den Architekten Herzog und de Meuron gestaltete doppelgeschossige Museumsraum eignet sich besonders für diese Präsentation und der Raum ist bislang wohl kaum so frappierend und ästhetisch überzeugend bespielt worden. Vor allem lohnt sich der Blick vom oberen Geschoss – der Galerie –von oben herab durch die Fenster in den Raum hinein. Hier entfaltet sich dieses eigene Welttheater von Gott, dem Leben und dem Tod wie dem Menschen in seiner Zeit noch eindrücklicher.

Von oben fällt der Blick direkt auf Hans Holbeins d. Jüngeren Flügelbilder der Orgel des Basler Münsters. Die mit Leimfarbe und in Braun-Beigetönen gemalten königlichen und biblischen Szenen erscheinen in ihrer prägnanten Plastizität. Man darf bei Holbeins Maria von einer der schönsten sprechen. Seine Maria mit Kind hat eine irdische Sinnlichkeit –, als wäre sie eine edle Dame von Welt. Und dass die Orgelfügelbilder so hoch hängen – über dem aufwühlenden Gemälde «der tote Christus im Grab» – hat seine Richtigkeit. Denn die 1525/26 oder 1528 entstandenen Bilder waren original im Münster natürlich so hoch angebracht – an der Orgel.

Zwei Kunstrevolutionen zu Basel

Brinkmann nennt Holbein den «Interpreten des Menschlichen». Der Schwabe, der 1515 im Alter von 17 oder 18 Jahren nach Basel kam, war ein genialer Porträtmaler, der jedes Detail genau ausarbeitete und durchs Äussere ins Innere der Menschen leuchtete. Der junge Amerbach hat einen intelligenten, selbstüberzeugten Blick. Im Erasmus-Porträt wird der grosse Denker sichtbar. Das war – gerade auch in dieser Perfektion und ausserordentlichen künstlerischen Qualität – neu in der Malerei. Es war die zweite künstlerische Revolution, die von Basel aus ging.

Konrad Witz kam wegen des Konzils von 1431 bis 1449 nach Basel und blieb hier –, wie es viele andere grosse Persönlichkeiten auch taten. Witz setzte die Figuren auf seinen Bildern neu ins Licht, malte ihre Schattenwürfe und vor allem stellte er sie in Räume. Das war völlig neu, bedeutete einen radikalen Bruch mit der mittelalterlichen Malerei. Brinkmann hat Witz’ Bilder nebeneinander und übereinander angeordnet. Ihre Räumlichkeit kommt im Ensemble stark zur Geltung. Das Bild des heiligen Christophorus entfaltet seine Tiefenwirkung. Die Turmnische in «Joachim und Anna an der goldenen Pforte» wirkt im Spiel von Licht und Schatten dreidimensional.

Witz’ Werke stehen gleichsam als Einleitung zur zeitlich auf die Jahre 1515 bis 1528 fokussierte Ausstellung.

Wenn Jesus zu Adam wird

Hans Baldung gen. Grien säkularisierte in zauberhafter Weise die Heiligengeschichte. Auf dem Bild «Die hl. Anna Selbdritt» mit Grossmutter Anna und Mutter Maria. Baby Jesus hält einen roten Apfel in der Hand –, als wäre er die Reinkarnation von Adam und Maria jene von Eva. Die beiden Frauen strahlen zudem eine sehr diesseitige Sinnlichkeit aus. Und oben im Bild hält eine Putte einen zweiten Apfel. Weitere Putten ziehen eine Girlande mit goldenen Äpfeln. Grien variiert virtuos das die Sünde symbolisierende Motiv.

Betörendes Beispiel für den Eros in der Kunst ist auch Lucas Cranachs d. Älteren Bild «Das Urteil des Paris». Die antike Geschichte wird im zeitgenössischen Dekor und einem wunderbaren Amor erzählt.

Die Ausstellung bietet gegenüber der Hängung im Kunstmuseum weitere Neuerungen: Unter anderen steht das Bild «Der Tod als Kriegsknecht umfasst ein junges Weib» (1517) von Niklaus Manuel gen. Deutsch auf einem Sockel so können wir neben diesem aufwühlenden Kriegsbild auf der Rückseite auch die Vorderseite «Bathseba im Bade» bestaunen.

Die Alte-Meister-Ausstellung erzählt aber nicht allein die Vorgeschichte zur Renaissance, sondern ebenso die Weiterentwicklung hin zum Manierismus – so anhand von Tobis Stimmers mannshohen «Bildnisse des Jacob Schwytzer und seiner Frau Elsbeth Lochmann» von 1564. Die Bilder des Zürcher Kornhausmeisters und seiner Frau adeln gleichsam die reichen Bürger, zeigen sie in feudaler Heldenpose.

Auch mit dieser Ausstellung nimmt das Kunstmuseum Basel sein Schliessungsjahr als Chance wahr – und geht eine fruchtbare Kooperation mit dem Museum der Kulturen ein. Vor allem steht dieser grosse Ausstellungsraum, dieses abendländische Welttheater, im Kontext der aussereuropäischen Kultur. Mit ihr gemeinsam haben die Werke, dass sie nicht als «l’art pur l’art» geschaffen wurde, sondern kultische, religiöse wie weltliche Funktion hatten – im Auftrag entstanden. Auch das verbindet sie mit den kultischen Objekten der aussereuropäischen Welt, die hier die Alten Meister umrahmen. Und im frühen 16. Jahrhundert kamen diese Kulturgüter auch nach Europa. So erzählt die Ausstellung «Meisterwerke aus dem Kunstmuseum Basel» viel mehr als 50 spannende Geschichten.

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