Lukas Bärfuss
«Krieg und Liebe» – Der Trost der Sprache

Der neue Essayband von Lukas Bärfuss «Krieg und Liebe» versammelt Texte und Reden – bis hin zu seinem polemischen Wutessay gegen die Schweiz.

Anne-Sophie Scholl
Merken
Drucken
Teilen
Offener Dialog mit der Tradition: Lukas Bärfuss. Chris Iseli

Offener Dialog mit der Tradition: Lukas Bärfuss. Chris Iseli

Chris Iseli

«Stil und Moral» hatte sein letzter Essayband von 2015 geheissen. Nun legt Lukas Bärfuss nach, mit einem neuen Band, der grösstenteils bereits publizierte Texte aus den vergangenen vier Jahren vereint. «Krieg und Liebe» enthält Essays, Vorträge, Vorlesungen und seinen polemischen Rundumschlag «Die Schweiz ist des Wahnsinns» aus der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» kurz vor den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2015. Ebenso seine Rede von den Solothurner Literaturtagen, als er zusammen mit Bundesrat und Kulturminister Alain Berset 2015 den Abschluss des Literaturfestivals bestritt.

Lukas Bärfuss: «Krieg und Liebe», Wallstein, 294 Seiten. Erscheint am Montag, 5. März. Buchtaufe Mittwoch, 7. März, Literaturhaus Zürich.

Krieg ist wiederkehrendes Thema im Band. Bärfuss eröffnet das Buch mit dem titelgebenden Essay, in dem er über einen Text von Tadayoshi Sakurai über die Belagerung von Port Arthur und den Beginn des japanisch-russischen Krieges von 1904 nachdenkt. Aus Sakurais Bericht über den Krieg liest er eine irrationale Sehnsucht nach Verschmelzung im kollektiven Körper, die er mit dem Begehren eines Liebenden vergleicht. Müsse man, wenn man den Krieg überwinden wolle, nicht auch von dieser Sehnsucht nach Verschmelzung lassen, fragt er. Und schliesst: «Es wäre um den Preis, sich endgültig getrennt zu wissen und alleine.»

Individuum und Gemeinschaft

Trost gibt die Sprache. Davon handelt seine grossartige Dresdner Rede «Am Ende der Sprache», die er im April 2017 unter dem Eindruck der fremdenfeindlichen Angriffe gegen Flüchtlinge hielt. «Dresden zeigt die Wahl, die wir haben. Entweder Sprache oder Gewalt», sagt er. Die Sprache schafft Zusammenhänge, sie lässt Möglichkeiten denkbar werden, dadurch schenkt sie Freiheit. Trost schenkt dem Menschen auch das Theater. Im Essay «Die Königin der Geräusche» beschreibt Bärfuss das Theater als Ort, der das Bewusstsein des Menschen als Individuum wie als Teil der Gemeinschaft feiert: das Individuum auf der Bühne, die Gemeinschaft im Publikum. Beim Klatschen, das zum Applaus verschmilzt – «dem einzigen sozialen Geräusch, das der Mensch kennt» – lässt das Theater symbolisch eine Gemeinschaft unter Gleichen entstehen. Trost spendet schliesslich die Literatur. In der Poetikvorlesung «Die Verwandlung» spricht er davon, wie er sich im Dialog mit T. S. Eliot («The Waste Land», 1922) als junger Mann eine Methode aneignete, Schriftsteller zu werden.

Der offene Dialog mit der Tradition zieht sich durch das Bärfuss’sche Denken. Manchmal lässt er sich davon mitreissen und haut seiner Leserschaft die eigene Belesenheit gar ostentativ um die Ohren. Etwa wenn er über die ganz grossen Begriffe nachdenkt: über das Begehren, die Scham, den Schmerz, die Schönheit, die Wahrheit oder den Fortschritt. Am überzeugendsten ist der 46-Jährige, wenn er die Flughöhe der abstrakten Begriffe in der alltäglichen Lebenserfahrung verankert. Gerne lässt man sich dann von dem begnadeten Rhetoriker und dessen liebster Denkfigur, der Dialektik, zu überraschenden und erhellenden Erkenntnissen führen. Im Kleinen, Konkreten ist Bärfuss gross. Man denke etwa an seine akribische Selbstbefragung in «Koala», seinem Roman, der 2014 den Schweizer Buchpreis gewann und eigentlich eine essayistische Auseinandersetzung ist. In der grossen Geste ist der Autor dagegen oft etwas enttäuschend.

In Solothurn – die Rede von den Literaturtagen 2015 beschliesst den Band – formulierte Bärfuss den Anspruch, anders als der Politiker, der nur den Stimmberechtigten verpflichtet ist, als Schriftsteller zu allen zu sprechen – nicht nur zu denen, die kein Stimmrecht haben, auch zu den physisch Ausgegrenzten, zu den Toten und zu den noch Ungeborenen, die künftigen Generationen. Man kann es als poetologisches Bekenntnis lesen. Wohl hat er damit recht. Und doch wirkt es etwas platt. Dieser Eindruck verstärkt sich in dem im Buch vorgelagerten Essay, der in der Realität ein halbes Jahr später entstand: Sein polemischer Rundumschlag gegen die Schweiz «Die Schweiz ist des Wahnsinns».