Literatur
Kommissar Olivier gerät in den Fänge der Zauberin Circe

Albert Ostermaiers neueste Erzählung «Die Liebende» eröffnet einen beklemmenden Einblick in die Welt der Liebe und Verführung. Der Dramatiker schreibt auch in seiner Prosa wortgewaltig und mit magischem Sog.

Tirza Gautschi
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Der deutsche Schriftsteller Albert Ostermaier.

Der deutsche Schriftsteller Albert Ostermaier.

Der Pariser Polizeikommissar Olivier ist mit einem Fall konfrontiert, der zu Beginn keiner zu sein scheint. In seinem Verhör sitzt eine Frau, die von sich behauptet, ihre Liebhaber nach dem Akt in wirre Gestalten zu verwandeln, Rivalinnen zu entstellen und Liebende umzubringen.

Hat es Olivier hier mit einer verwirrten alten Frau zu tun oder mit einer verführerischen Schönheit, die die Liebe kennt wie keine andere? Albert Ostermaier lässt den Leser darüber im Unklaren. «Die Liebende» ist ein Versteckspiel, eine Verwirrung sondergleichen; und wie Olivier lässt Ostermaier auch dem Leser keine Chance - er wird umgarnt von den Worten und kann nicht entkommen.

Der Kommissar, ein ehemaliger Literaturstudent, hat vor langem begonnen, sich einen Spass daraus zu machen, die Mörder und Verbrecher seiner Fälle nach Autoren zu kategorisieren. «Dante, Kafka, Pasolini, Pilcher, Camus, Beauvoir» - diesmal nun sitzt Circe vor ihm, die Zauberin, die Odysseus' Gefährten damals in Schweine verwandelte. Olivier bekommt es immer mehr mit der Angst zu tun.

Szenen schieben sich übereinander

Ostermaier , dessen Dramen von namhaften Regisseuren wie Andrea Breth, Lars Ole Walburg und Martin Kušej inszeniert wurden, bedient sich in «Die Liebende» einer wortgewaltigen Sprache und schichtet die Szenen übereinander, bis die Schilderungen der Circe in Oliviers Alltag eindringen.

Immer wieder hört sich dieser die Tonbandaufnahmen aus den Verhören an, in denen die Frau ihre Liebesbeziehungen schildert, während er mit seinem Auto in der Nacht durch die Pariser Strassen fährt, bis er schliesslich auf einem Dach für einen Moment Schlaf findet. «Ich war dir gefolgt, wie ich den anderen gefolgt bin. Reiner Zufall, aus Langeweile. Weil niemand zu mir kam» - die Worte Circes verfolgen ihn bis in seine Träume.

Totenflüsterer wird Olivier von seinen Kollegen genannt, doch seit er einen toten Jungen in einer Kiste gefunden und seine Frau sich von ihm getrennt hat, ist alles anders.

«Die Liebende» ist keine Erzählung für jedermann, und genau das hebt sie ab von der Masse. Ein Werk, das mit den Worten in die Tiefe taucht, ohne sich in die Länge zu dehnen.

Vieles wird weggelassen, der richtige Name der Frau; Äusserlichkeiten und Vergangenes rücken beiseite oder verschmelzen zu einer einzigen Erzählung, einem intimen Moment. Der Leser wird kaum jemals erfahren, wo die Realität angefangen und aufgehört hat oder ob die ganze Szenerie bloss im Kopf des Kommissars stattfindet.

So zieht die Circe Olivier immer weiter hinein in ihre Geschichte, umgarnt ihn mit ihren Worten, und wie bei jedem ihrer Liebhaber wartet auch auf Olivier am Ende eine magische Verwandlung.

Albert Ostermaier «Die Liebende», Suhrkamp, 2012, 81 S., Fr. 24.90.