Literatur

Klein, stark, schwarz: Denis Johnsons grandiose Agentenroman-Pastiche «Die lachenden Ungeheuer»

Peter Henning
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Der Autor Denis Johnson: «Ich war ein schwieriger Junge.»

Der Autor Denis Johnson: «Ich war ein schwieriger Junge.»

Corbis via Getty Images

«Weshalb sollten meine Bücher gut ausgehen?», fragt Denis Johnson im Gespräch. «Das Leben geht doch auch nicht gut aus. Wir altern, unsere Freunde sterben, und am Ende müssen wir selbst dranglauben! Was, bitte schön, ist daran positiv?» Dieser eher tristen Einsicht folgend legt der 1949 als Sohn eines Besatzungsoffiziers in München geborene Amerikaner seit 1983 seine pechschwarzen, zivilisationskritischen Epen vor: Werke, die ihm unter Amerikas bedeutenden Schreibern der sogenannten «Mittleren Generation» den Ruf des zornigen Apokalyptikers eintrugen – darunter düster-faszinierende Meisterwerke wie «Engel», «Fiskadoro» oder «Ein gerader Rauch» von 2007, der ihm den renommierten «National Book Award» einbrachte.

Denis Johnson ist ein Generationskollege von Anne Beatti, Paul Auster oder T.C. Boyle – doch der in Idaho lebende Solitär ging bereits mit Erscheinen seiner inzwischen legendären Story-Sammlung «Jesus' Sohn» einen anderen, eigenen Weg. Denn wo Auster oder Boyle mit ihren eher leicht konsumierbaren Werken das grosse Publikum anvisierten, setzte Johnson konsequent auf beinharten, bisweilen schwer verdaulichen Realismus. Auch sein neuer Roman «Die lachenden Ungeheuer» kommt im Gewand des klassischen Agenten-Thrillers daher, erweist sich aber bei genauerer Betrachtung als fiebriges Westafrican-Noir, in dem nichts so ist, wie es scheint. «Denn das alles», so heisst es einmal, «hatte sich wie ein kühner Spielzug in einem regellosen Sport angefühlt.»

Autobiografische Spuren

«Ich schreibe Bücher über Leute, die diese nie lesen würden», sagt Johnson. «Das hat mit meiner Vergangenheit zu tun. Weil ich nie vergessen habe, wie das damals war, versuche ich jenen, mit denen ich mich lange durchs Leben geschlagen habe, eine Stimme zu geben.» Tatsächlich lassen sich Johnsons Romane als Aufarbeitung der eigenen, frühen Schandtaten und wie literarische Abbitten lesen – blickt der Kerl, der grosse Teile seiner Kindheit in Manila zubrachte, doch auf eine veritable Drogenkarriere zurück. «Ich war ein schwieriger Junge und nahm alles, was ich kriegen konnte, Acid, bunte Pillen, um eine Zeit lang auf einem anderen Planeten zu sein.» Genau so liest sich der neue Roman: als Endspiel unter westafrikanischer Sonne – seltsam erdenfern und so grell und überrissen wie ein Thriller der Coen-Brüder.

«Die lachenden Ungeheuer» erzählt die Geschichte eines doppelten Bluffs, in deren Verlauf zwei grosse Versteckspieler sich in ihren Finten und Scharaden gegenseitig zu übertreffen versuchen. Da ist der angeblich dänisch-stämmige Ich-Erzähler Nair, ein verdeckter Agent. Er soll im Auftrag der Nato Intelligence Interoperability Achitecture NIIA über seinen ehemaligen Weggefährten Michael Andriko berichten, mit dem er einst gemeinsam in Afghanistan kämpfte. Der farbige Andriko geht in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, dunklen Geschäften nach und ist im Begriff, seine junge Gefolgsfrau, die geheimnisvolle Davidia St. Claire zu heiraten, eine schwarze Collegestudentin aus Colorado.

Dunkle Geschäfte in Afrika

Tatsächlich aber gehen die alten Freunde, die sich in Freetown nach langer Zeit das erste Mal wieder sehen, jeweils ganz eigenen Interessen nach. Nair hat den Plan, Nato-Interna an den Höchstbietenden zu verkaufen, während Andriko versucht, aus russischen Sprengköpfen demontiertes angereichertes Uran an den Mossad zu verdealen. «Für eine Million Dollar in bar. Es ist brillant, Nair!» Und so führt sie ihr Trip von Sierra Leone aus weiter gemeinsam nach Entebbe in Uganda, in das Land Idi Amis, aus dessen Clan Andriko einst hervorgegangen ist. Zug um Zug treiben sie ihre risikoreichen Pläne voran – begleitet von Davidia, die mit ihnen über die hitzeflirrenden Schauplätze jagt wie einst Kit Moresby in Paul Bowles berühmtem Roman «Himmel über der Wüste» an der Seite ihres Mannes Port und dessen Freund Tunner. Und was als launiges Spiel mit Unbekannten anrollt, verdichtet sich schliesslich zu einem faszinierenden, geisterhaften Endspiel unter afrikanischer Sonne.

«Ich bin zurückgekommen, weil ich das Chaos liebe. Anarchie. Irrsinn. Allgemeinen Zerfall», sagt Nair einmal zu Beginn. Am Ende führt ihn seine Reise ins Herz der afrikanischen Finsternis – denn Johnsons Roman ist eine unverhohlene Verbeugung vor Joseph Conrads Klassiker «Das Herz der Finsternis» – genauer: vor Michaels Heimatdorf in den «glücklichen Bergen», die der Missionar James Hannington einst als «lachende Ungeheuer» bezeichnet haben soll.

So grollt am Ende tatsächlich ein apokalyptisches Lachen durch diesen kleinen aufgeladenen Roman, dessen philosophische Botschaft lautet: «Die Realität ist ein «Eindruck», ein «Glaube». Jeder Magier weiss das.» Vom magischen, gleichsam hinterhältigen Spiel mit diesem «Eindruck» handelt Johnsons coole afrikanische Agenten-Pastiche.