Mein Lieblingswerk
Katrin Eckert: «Das Bild lässt uns schaudern und betört uns zugleich»

Katrin Eckert, Intendantin des Literaturhauses Basel, wählt «Lucretia, um 1535–1540» von Lucas Cranach dem Älteren als ihr Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

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Lucretia, gemalt um 1535–1540, von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553). Martin P.Bühler/ Kunstmuseum Basel

Lucretia, gemalt um 1535–1540, von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553). Martin P.Bühler/ Kunstmuseum Basel

Martin P.Bühler/Kunstmuseum Basel

«Vor den Bildern von Lucas Cranach dem Älteren bleibe ich immer besonders lange stehen, so auch im Kunstmuseum Basel.

Katrin Eckert

Katrin Eckert

Ben Koechlin Fotografie

Das Motiv wurde in der Kunst unzählige Male dargestellt, etwa von Tizian oder Artemisia Gentileschi. Auch von Cranach dem Älteren gibt es mehrere Gemälde dazu. Eine der vielen Vertonungen, The Rape of Lucretia von Benjamin Britten, ist gerade am Theater Basel zu hören. Von Ovid über Shakespeare bis Mario Vargas Llosa wurde die Geschichte der Lucretia immer wieder neu erzählt.

Auf dem Bild hat die Gewalttat keine Spuren hinterlassen. Nur der scharfe Dolch vor dem ungeschützten Körper schafft eine dramatische Spannung. Warum die Frau sich umbringen will, sehen wir nicht. Der Bildtitel gibt uns den Hinweis darauf. Eine Frau bringt sich um, weil sie vergewaltigt wurde. Das ist ungeheuerlich und schrecklich, auch wenn sie als Inbegriff der Tugend in die Kunstgeschichte eingeht. Der Frauenkörper war und ist Austragungsort von Machtansprüchen und Moralvorstellungen, das wissen wir. Was wir sehen, ist ein makelloser, lebendiger Körper, der gleich von dem kalten Stahl durchbohrt wird. Cranach hat die Makellosigkeit des Körpers hinreissend gemalt. In Lucretias Blick liegt keine Verzweiflung. Das lässt uns angesichts der bevorstehenden Selbsttötung erst recht schaudern, während die Schönheit des Bildes betörend ist. Der verzierte Griff des Dolches, die Kette und die Haare harmonieren farblich perfekt. Und dann diese Schleier! Einer bedeckt den Kopf und die Haare, der andere ist lose um den Körper geworfen. In der Kunst des Schleiermalens ist Cranach wahrscheinlich unübertroffen. An dieser Transparenz des Stoffes, die so unglaublich virtuos gemalt ist, kann ich mich gar nicht sattsehen.»

Holbein, Cranach, Grünewald – Meister werke aus dem Kunstmuseum Basel
Im Museum der Kulturen sind weitere Werke Alter Meister der Renaissance zu sehen, bis 28. Februar 2016.

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