Skandalregisseur
Kälte, Sex und Tod: Bieto bringt Basler Schauspieler an ihre Grenzen

Der berühmte Regisseur Calixto Bieito inszeniert die urspanische lyrische Tragödie «Bluthochzeit» in Basel. Dabei bringt er die Schauspieler physisch und psychisch an ihre Grenzen - ganz so wie es sich für einen Skandalregisseur gehört.

Susanna Petrin
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Der Schrei: Die verzweifelte Braut (Zoe Hutmacher) im früher traditionellen schwarzen Brautkleid.

Der Schrei: Die verzweifelte Braut (Zoe Hutmacher) im früher traditionellen schwarzen Brautkleid.

HANS JOERG MICHEL

Die Männer schlagen ihre Frauen, die Frauen schlagen ihre Dienstmägde. Gewalt gebiert Gegengewalt. Die Menschen sind verroht und voller Hass. Familienfehden und Blutrache setzen sich von Generation zu Generation fort. Die Liebe ist ersetzt worden durch Fortpflanzung. Es braucht immer wieder neue Männer, um dieses karge Land zu kultivieren, zu befruchten. Es braucht neue Frauen fürs Gebären und fürs Klöppeln.

In dieses brutalisierte, konservative, ländliche Spanien kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs setzt der spanische Dichter Federico García Lorca seine lyrische Tragödie «Bluthochzeit». Der Text ist karg, kraftvoll und doch voller Poesie. Ein Text wie geschaffen für den Katalanen Calixto Bieito, dem meistens das Wort «Skandalregisseur» als Präfix vorgeschoben wird und Worte wie «Blut», «Gewalt», «Sex» hinterhergetragen werden. Der 50-Jährige hat die ihm besonders nahegehende Tragödie aber erst jetzt zum ersten Mal inszeniert – nicht in der alten Heimat, sondern in seiner neuen, in Basel.

Bieito inszeniert dieses kraftvolle Stück von Leidenschaft und Brutalität auf die, wie beim Schauen einleuchtet, einzig erträgliche Art. Nicht als analytisches Stück mit gemeinsam agierenden und miteinander sprechenden Figuren, sondern als abstraktes, karges Kunstwerk mit neun typisierten Figuren, die in grosser Distanz zueinander ihren Text meist frontal ins Publikum sprechen.

Berückend schöne Braut

Der Regisseur wäre nicht Bieito, wenn er mit Gefühlen sparte. Die Schauspieler sind gefordert, ihr Innerstes und Dunkelstes herauszukehren. Dabei gelangen einige der Basler Schauspieler spürbar an die Grenze ihres Könnens, ihrer Glaubwürdigkeit. Doch keinem misslingt die Aufgabe. Die Leistung der neuen Spieler verspricht mit jeder Vorstellung weiter zu wachsen. Vor allem die Frauen vollbrachten bereits an der Premiere Höchstleistungen.

Zoe Hutmacher berückt als Braut mit ihrer natürlichen Schönheit. Ihre Wut, Verzweiflung und Angststarre – stets berührend, nie pathetisch – lassen sie wie durch einen dunklen Zauber noch schöner werden. Der erwachende Hochzeitstag sollte der schönste ihres Lebens sein, so die Erwartung, die gesellschaftliche Konvention. Jetzt explodiert die junge Frau unter diesem Performance-Druck. Mit dem Verstand möchte sie den ihr zugeführten Bräutigam lieben, aber mit dem Herz liebt sie einen anderen, schon verheirateten Mann, Leonardo. Die Leidenschaft ist stärker als die Vernunft.

Judith Strössenreuter, schon oft als Talent aufgefallen, ist Leonardos schwangere Ehefrau; geschlagen, bis das Fruchtwasser vorzeitig platzt, ungeliebt, zurückgelassen. Katka Kurze ist wahrhaft unheimlich als grausamer Mond, gepaart mit dem Tod (Opernsänger Karl-Heinz Brandt). Grazia Pergoletti interpretiert die Mutter klassisch als verhärmte, vom Leid verhärtete Frau.

Das tragische Gedicht über diese Bauernfamilien spielt sich auf der Basler Schauspielhausbühne vor und auf einer enormen Skulptur aus Dutzenden von Holzstühlen ab – die Bühne ist auch von Bieito. Aus deren Mitte durchleuchtet immer wieder grelles Scheinwerferlicht die Weihrauch- und Kunstnebelschwaden. Es sind leere Stühle, auf denen die einst Lebenden sassen. Das ist eine von vielen möglichen Bedeutungen. Diese Art Holzstühle mit hohen Lehnen sind ein wichtiges Requisit für die in Andalusien typischen Flamenco-Aufführungen. Auch Ionescos «Die Stühle» kommen in den Sinn oder Freuds Traumdeutung, wo das Wort anderes bedeutet.

Aus der Skulptur lassen sich einzelne Stühle herausnehmen. Am Ende werden sie zu Reihen geformt, wie in einer Kirche. Es folgt das Requiem. Die beiden jungen Männer haben sich umgebracht, die Mutter ihren letzten Sohn verloren, die Braut den Geliebten. Doch jetzt, wo das Geschrei am grössten sein könnte, jetzt herrscht Stille. So endet das Stück: «Nicht mit einem Knall, mit Gewimmer.»

Die Bluthochzeit von Calixto Bieito am Schauspielhaus Basel. Bis 28. Februar.

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