Solothurner Literaturtage
Jonas Lüscher: "Wie um Gottes Willen willst Du das zusammenkriegen"

Jonas Lüscher ist der neue Stern der Schweizer Literatur. Er nimmt an den Solothurner Literaturtagen teil. Ein Gespräch über brennende Themen unserer Zeit und darüber, was den Blick des Schriftstellers auf das Politische ausmacht.

Anne-Sophie Scholl
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«Politische Stoffe sind eben auch gute literarische Stoffe – weil sie relevant sind, dadurch, dass sie Macht ausüben über das Schicksal des Einzelnen»: Jonas Lüscher (40).

«Politische Stoffe sind eben auch gute literarische Stoffe – weil sie relevant sind, dadurch, dass sie Macht ausüben über das Schicksal des Einzelnen»: Jonas Lüscher (40).

Sandra Ardizzone

Die blühenden Magnolien im Hintergrund findet er nicht so passend fürs Foto. Besser gefallen ihm die klaren Linien des Neubaus: Jonas Lüscher hat das Zürcher Landesmuseum für ein Treffen vorgeschlagen. Der 40-jährige Autor mit Berner Wurzeln, der sich mit seinem Romandebüt «Kraft» als aufsehenerregende neue literarische Stimme bestätigt hat, ist aus München angereist. Er wirkt ernst, fast verschlossen. Im Gespräch überrascht allerdings seine Lebhaftigkeit, vor allem wenn er über Literatur redet.

Herr Lüscher, wie schauen Sie in die Zukunft?

Jonas Lüscher: Ich versuche immer wieder, neu darüber nachzudenken, was alles möglich wäre, was wünschenswert wäre und was gefährlich wäre. Dass man sich verschiedene Möglichkeiten ausdenkt und durchspielt, das ist es ja gerade, was das Autorendasein ausmacht.

Solothurner Literaturtage 2017 Rund 70 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland wurden zur diesjährigen Ausgabe der Solothurner Literaturtage eingeladen. Herzstück des Anlasses am Auffahrtswochenende ist der Rückblick auf das literarische Schaffen des vergangenen Jahres – in allen vier Landessprachen und von Prosa über Lyrik und Spoken Word über Übersetzungen bis hin zu Jugend- und Kinderliteratur. Infos und Programm: www.literatur.ch

Solothurner Literaturtage 2017 Rund 70 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland wurden zur diesjährigen Ausgabe der Solothurner Literaturtage eingeladen. Herzstück des Anlasses am Auffahrtswochenende ist der Rückblick auf das literarische Schaffen des vergangenen Jahres – in allen vier Landessprachen und von Prosa über Lyrik und Spoken Word über Übersetzungen bis hin zu Jugend- und Kinderliteratur. Infos und Programm: www.literatur.ch

az

Wie ist Ihre Grundstimmung?

Ich habe schon einen Restoptimismus. Ohne den würde ich nicht die Kraft aufbringen, Bücher zu schreiben. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass wir den Dingen ausgeliefert sind. Es gibt Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten. Auch für den Einzelnen.

Waren Sie deshalb vor fünf Jahren im Silicon Valley?

Nein. Mich haben die Philosophie-Dozenten an der Stanford University interessiert. Aber der Campus von Stanford ist der Nukleus des Silicon Valley, man bekommt die Kultur des Silicon Valleys hautnah mit.

In Ihrem Roman «Kraft» beschreiben Sie die quasireligiöse Verehrung für die Tech-Konzerne.

Es ist amüsant, wie sich asiatische Reisegruppen auf dem Campus vor den Gebäuden fotografieren lassen, die von Silicon-Valley-Grössen gespendet wurden und deren Namen tragen. Für sie ist das so wie für uns ein Besuch von Versailles. Auf dem Campus gibt es eine der grössten Rodin-Sammlungen weltweit, aber diese Rodins finden nur wenig Beachtung. Die Tech-Konzerne sind das, was die Touristen als Kultur anerkennen. Man kann sich leicht darüber mokieren. Das wäre aber überheblich. Was im Silicon Valley geschieht, ist ja auch eine kulturelle Leistung.

Aber Europa ist dort abgehängt?

So fühlt es sich zumindest an. Vielleicht ist es einfach eine narzisstische Kränkung für unsereins. Wir spüren, dass Literatur schreiben, Kunst nur um ihrer selbst willen zu machen, unser romantisches Bestehen auf das Unnütze, dass all diese Dinge dort nicht mehr so wichtig sind. Aber es hat ja auch eine gewisse Lächerlichkeit, sich selbst als überflüssig vorzukommen. Es ist unsere eigene Schuld. Das, was wir tun, muss halt attraktiver sein. (lacht) Vielleicht aber ist auch das, was nachkommt, viel besser.

Wie war Ihre eigene Reaktion auf das Silicon Valley?

Zwiespältig. Es ist ein toller, sehr internationaler Ort mit vielen klugen, kreativen und sehr fleissigen Leuten. Aber es ist auch ein hermetischer Ort. Das führt zu einer seltsamen Diskrepanz. Viele denken, sie würden an der Verbesserung der Welt arbeiten, und gleichzeitig dringt die Aussenwelt kaum ein.

Sie arbeiten an einer globalen Zweiklassengesellschaft?

Selbst vor Ort hat die Entwicklung des Silicon Valleys zu dramatischen Lebensumständen geführt. Zum einen gibt es die Programmierer, die Entrepreneurs und hoch bezahlte, sehr gut ausgebildete Leute aus aller Welt, und dann gibt es ein Heer von hauptsächlich lateinamerikanischen Zuarbeitern, schlecht bezahlte Putzkräfte und Gärtner. Sie können nicht mehr im Valley wohnen. Der ökonomische Erfolg der Tech-Gemeinschaft hat die Immobilienpreise über das Niveau von Manhattan hinausschiessen lassen. Also pendeln sie jeden Tag stundenlang zu ihren prekären Jobs.

Glauben die Leute der Tech-Community denn, sie würden zur Verbesserung der Welt beitragen, oder ist das nur Rhetorik?

Interessant fand ich einen Vortrag eines ehemaligen Chefs des Sea Steady Institutes, das künstliche Inseln ausserhalb der Jurisdiktion der Staaten gründen will. Er sagte, man werde jetzt ein Singapur nach dem anderen auf dem Wasser bauen. Damit wäre der Klimawandel kein Problem mehr, weil man mit Meerwasserenergie arbeiten werde. Man werde Algen züchten und so das Nahrungsmittelproblem lösen. Überhaupt würden ja 200 Millionen Afrikaner gerne ihren Kontinent verlassen und die Inseln böten dann Platz für sie. Das ist so eine groteske Idee! Wie bringe ich diese Inseln, auf denen High-Tech-Leute arbeiten, zusammen mit Afrikanern, die praktisch keine Ausbildung haben? Wenn diese Leute selbst daran glauben, ist es naiv, an der Grenze zur Dummheit. Oder es ist wirklich nur Werberhetorik? Dann ist es zynisch.

Was macht die Faszination von solchen Vorstellungen aus?

Diese Inseln sind das Paradies des Libertären. Es gibt auf ihnen keinen Staat mehr, man kann alles privatwirtschaftlich organisieren. Die ganze Mühsal, die eine politische Gemeinschaft und eine Demokratie mit sich bringt, ist damit beseitigt.

Eine enorme Freiheit, die durch Geld ermöglicht wird.

In letzter Konsequenz wird sie nur dadurch ermöglicht, dass man keine Verantwortung übernehmen muss. Man stellt sich vor, man ist unter Gleichen. In diesem Modell gibt es keine psychisch Kranken, die man als Gesellschaft mittragen muss. Arbeitslose sowieso nicht. Es gibt keine Solidarität. Man holt sich die Leute, die man zum Putzen braucht, und wenn man sie nicht mehr braucht, schickt man sie weg.

Es gibt auch Start-ups, die menschliche Bedürfnisse wegrationalisieren. Der Nahrungsmittelersatz Soylent beispielsweise, den man trinken soll, um beim Essen Zeit zu sparen.

Die Bedürfnisse werden reduziert auf das rein Körperliche und Berechenbare. Rob Rhinehart, der Soylent erfunden hat, hält es auch mit der Kleidung so. Bekleidung ist eine über Jahrtausende gewachsene kulturelle Erscheinung. Mode ist ein Ausdruck der Persönlichkeit und der Konvention oder auch des Religiösen. Rob Rhinehart bestellt sich alle paar Monate auf Amazon einen Packen gleicher T-Shirts, trägt sie und wenn sie stinken, schmeisst er sie weg und bestellt neue. Alles wird von jeglichem kulturellen Ballast befreit und zur reinen Funktionalität heruntergebrochen. Man weiss dann nicht mehr so genau, wozu überhaupt. (lacht) Funktionalität lohnt sich für mich nur, wenn sie dazu da ist, kulturell oder politisch etwas gestalten zu können.

Worin besteht der kulturelle Mehrwert?

In Vielfalt und Lebendigkeit, in Ausdruck und Haltung. Alles andere ist ja praktisch nur noch ein Überleben. Es ist nicht l’art pour l’art, sondern – ja, was ist es eigentlich? Komischerweise dasselbe wie Kunst um der Kunst willen, aber das Gegenteil.

Eine Funktionalisierung um der Funktionalisierung willen.

Das Selbstoptimierungsprojekt ist im Silicon Valley sehr präsent. (Pause) Ich verstehe das Bedürfnis nach dem Optimalen nicht. Ich bin gerne suboptimal. Gerade die Momente, in denen wir uns mal gehen lassen und einen Abend haben, wo wir zu viel fressen und zu viel saufen und zu viel reden – das sind doch eigentlich die lohnenswerten Abende! (lacht) Es sind nicht die produktivsten, aber schon die, für die es sich zu leben lohnt.

In Ihrem Roman ziehen Sie eine Verbindung zwischen der Kultur des Silicon Valleys und Europa.

Ich glaube, man kann eine Linie zeichnen von den Entwicklungen im liberalen Denken Ende der 70er-Jahre, Anfang der 80er-Jahre zu dem, was wir jetzt als libertäres Denken im Silicon Valley vorfinden. Wenn wir verstehen wollen, was das libertäre Denken will und wie es überhaupt so dominant werden konnte, müssen wir genau diese Zeit verstehen. Damals hat sich das liberale Denken von einem Sozialliberalismus hin zu diesem Marktliberalismus gedreht. In den 90er--Jahren sind selbst die Sozialdemokraten auf die marktliberalen Ideen eingestiegen, namentlich Bill Clinton, Tony Blair, Gerhard Schröder.

Die marktliberale Position wurde zum Dogma. Warum?

Nach der Ölkrise der 70er-Jahre und der darauffolgenden Wirtschaftskrise gab es nicht mehr so viel Geld zum Verteilen und man wusste, jetzt braucht es Strukturreformen. Dann gab es im Grunde zwei Ideen. Die eine war: Wir bleiben beim Sozialstaat und verteidigen ihn. Und die andere war: Wir erklären ihn zum Feind. Im liberalen Denken hat sich diese Position, dass man den Sozialstaat zum Feind erklärt, durchgesetzt. Dezidiert sozialliberale Positionen, wie sie der Landesring der Unabhängigen vertrat, sind verschwunden.

Nicht nur der Kapitalismus hat sich also nach dem Mauerfall durchgesetzt, sondern diese eine Position innerhalb des Kapitalismus.

Kapitalismus ist ja ein wahnsinnig weiter Begriff. Von sozialer Marktwirtschaft bis hin zum Anarchokapitalistischen gibt es eine unglaubliche Bandbreite. Der Kapitalismus an sich bedeutet ja nur, dass man einigermassen frei Handel betreiben darf, dass jeder seinen Beruf frei wählen kann und dass man Privatbesitz haben darf, der vom Staat geschützt wird. Das sind die Grundideen. Wie man diese ausgestaltet, ist die grosse Frage. Bei dieser Ausgestaltung war es die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die so dominant wurde. Die Idee, dass sich der Staat möglichst aus Regulierungen raushält und man das Geschäftemachen vereinfacht. Und nicht das Angestelltendasein.

Grundsätzlich vertreten Sie aber das liberale Denken?

Oh ja! Die Idee der Freiheit ist wichtig. Ich glaube auch, dass es für jeden demokratischen Staat wichtig wäre, eine kluge liberale Partei zu haben, weil sie wie eine Art Korrektiv funktioniert. Gegen rechts, weil sie den Überwachungsstaat im Auge behält und schaut, dass die bürgerlichen Freiheiten gewahrt bleiben, und gegen links, damit die Bürokratie nicht überhandnimmt, die Regulierungswut.

Was ist eine kluge liberale Partei?

Ha! Das ist die gute Frage. Selbstverständlich eine, die die Wurzeln des liberalen Denkens noch kennt. Die in Richtung eines sozialen Liberalismus denkt und die – wenn wir schon in der Schweiz das Gespräch führen – Adolf Muschgs Diktum, das in der Präambel der Bundesverfassung steht, beachtet. Dass nämlich die Stärke der Nation sich am Wohle der Schwächsten zeigt. Aber das ist eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Wenn es so einfach wäre, hätten wir vielleicht auch mehr dieser Leute in den Parteien. Es gibt ja immer wieder Versuche, einen neuen Liberalismus zu begründen, die grünliberale Partei etwa. Auch in Österreich und Spanien gibt es solche Versuche.

Sie scheitern an den Gegebenheiten des globalen Marktes.

Sie scheitern am Willen. Der Markt schreibt uns ja nicht die Politik vor.

Viele Unternehmen sind doch so global aufgestellt, dass der Staat nicht mehr greifen kann.

Das kommt ganz drauf an, wie viel Zuständigkeit wir als Bürger dem Staat noch zusprechen. Und vor allem wie solidarisch die Staaten untereinander sind.

Warum schreiben Sie in Ihren Büchern über diese Themen?

Es sind diese Themen, die mich als politischer Bürger interessieren, die mich auch in meiner philosophischen Arbeit interessiert hatten und es sind diese Themen, die zentral sind für die Gestaltung unserer Gesellschaft, unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Und was gerne mal übersehen wird, es sind eben auch gute literarische Stoffe – weil sie relevant sind, existenziell, dadurch, dass sie Macht ausüben über das Schicksal des Einzelnen.

Sie äussern sich auch politisch und treten dafür ein, dass Schriftsteller zu gesellschaftlichen Fragen Position beziehen.

Aber nur dann, wenn ich mir sicher bin, dass es ein Thema ist, zu dem ich etwas zu sagen habe. Es ist auch wichtig, dass man nicht zu allem was zu sagen hat.

Was macht den Blick eines Schriftstellers auf diese Themen aus?

Gewisse Schriftsteller haben immer im Auge, was die Konsequenz einer historischen Begebenheit oder einer politischen Entscheidung für ein Einzelschicksal sein kann. Wie konkret jemand unter bestimmten Ideen leidet.

In Ihrem Buch schicken Sie einen deutschen Rhetorikprofessor ins Silicon Valley, damit er mit der Lösung der philosophischen Frage nach dem Ursprung des Übels eine Million Dollar gewinnt. Steht Ihr Protagonist Richard Kraft nicht exemplarisch für europäisches Denken?

Ich will nicht abstreiten, dass mein Buch eine Auseinandersetzung zwischen europäischem Pessimismus in der Tradition Voltaires und Techno-Optimismus kalifornischer Art ist. Eine Figur steht für ein Milieu, dem entkommt man nie ganz. So gesehen ist mein Protagonist der europäische Geisteswissenschafter. Aber letzten Endes ist er Richard Kraft. Sein nicht vorhandener Vater, seine schwierige Mutter, die Frauen, die er trifft, diese Dinge sind höchst individuell. Sie stehen im Vordergrund des Buches, weil es eben eine ganz persönliche Geschichte ist. Und natürlich ist das Private politisch und das Politische auch privat. Diese Verknüpfung gibt es.

Charakteristisch für Ihre Bücher ist die Ironie. Was bedeutet sie Ihnen?

Sie hat zum einen den Effekt, sich die Welt vom Leibe zu schreiben, weil man manchmal daran verzweifelt. Dann ist es mir aber auch wichtig, Distanz zu schaffen. Wenn man ein paar Schritte zurückgeht, hat man einen anderen Blickwinkel und kann für einzelne Momente die Nähe suchen.

Sie wollen nicht über Einfühlung in Ihre Charaktere Verständnis schaffen?

Eine bestimmte Art von Büchern erfüllt diese Funktion. «Onkel Toms Hütte» etwa hat wahrscheinlich für das Verständnis der Situation der Sklaven mehr getan als alle politischen Reden. Von Zolas «Germinal» sagt man, es wäre für die Befreiung der Arbeiter wichtiger gewesen als das Kommunistische Manifest. Es gibt Bücher, die dafür da sind, zu zeigen, inwiefern der andere genau gleich verletzt werden kann wie wir auch und der dadurch zu einem von uns wird. Und dann gibt es Bücher, die dem Leser helfen, zu verstehen, inwiefern er selbst Leid verursacht. Ich vermute, «Kraft» gehört eher zur zweiten Sorte Bücher. Gerade wenn bestimmte Männer das Buch lesen, können sie vielleicht spüren, in welcher Art und Weise sie andere demütigen. Aber dieser Aspekt erfasst nur einen ganz spezifischen, funktionellen Teil der Literatur. Literatur kann viel mehr.

Was war Auslöser für das Buch?

Es war schon die Irritation darüber, mit wie wenig Zweifel der Fortschrittsoptimismus im Silicon Valley daherkam. Deswegen schicke ich einen Zweifler dahin. Diese Naivität hat mich andererseits aber auch fasziniert. Der Optimismus hat auch etwas Tolles. Er führt zu einer Offenheit.

Dieser Optimismus geht davon aus, man würde jedes Problem lösen können.

Im Silicon Valley trifft man oft auf die Idee, es liesse sich auf jede Frage eine Antwort finden und alle Antworten liessen sich zu einem System vereinigen und dadurch nicht nur durchdenkbar, sondern eben auch steuerbar machen. Diese Idee ist das alte Versprechen der Aufklärung, in einer neuen Form. In Europa hat die Romantik dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Romantiker haben gesagt: Erstens gibt es Fragen, auf die wir keine Antwort finden. Und zweitens gibt es viele Fragen, auf die wir Antworten finden, aber diese Fragen werden nicht zusammenpassen.

Sind die Programmierer und Unternehmer im Silicon Valley vor die Romantik zurückgekehrt?

Manchmal scheint es mir so. Das ist aber auch wieder eine seltsame Behauptung, weil das Silicon Valley gleichzeitig stark von der Hippiekultur beeinflusst ist. Es ist eine seltsame Verquickung. Aber sie ist typisch für das Silicon Valley. Man sieht immer wieder wie die seltsamsten Konzepte, die bei näherem Betrachten überhaupt nicht zusammenpassen, miteinander verwurstet werden. So, wenn Peter Thiel sagt...

... der Paypal-Gründer und Facebook-Investor ...

Wenn er sagt, er ist Christ und er will jetzt endlich mal die blöde Sterblichkeit überwinden. Die wäre ja nur wie eine Krankheit. Und man denkt: Wie um Gottes willen willst du das zusammenkriegen!

Highlights aus dem Programm

Die Eröffnung

Der bulgarisch-deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow eröffnet die diesjährigen Solothurner Literaturtage. Seine Rede «Einladung zur Weitläufigkeit» ist eine Einladung zu mehr Diversität in der Literatur. Trojanow will dazu ermutigen, Literatur jenseits des Kanons zu entdecken und sich von Literatur, die nicht bildungsbürgerlich, nicht westlich, nicht weiss und nicht fast ausschliesslich männlich ist, überraschen zu lassen. Er fragt: Wie würde sich unsere Wahrnehmung verändern, wenn nicht Europa im Zentrum der Weltkarte stünde, sondern ein anderer Kontinent? Trojanow ist selbst mit einem neuen Buch an den Literaturtagen präsent. Vor dem eigenen biografischen Hintergrund umreisst er in seinem Essay «Die Flucht» das Lebensgefühl von Geflüchteten.

Eröffnung: Stadttheater Solothurn, Do, 17 Uhr Lesung: Landhaussaal, Sa, 17 Uhr

Die Performer

Performt wurde in Solothurn schon in früheren Jahren. Nun haben die Literaturtage die Bühnen für Spoken Word ausgebaut. Etwa in der Veranstaltung «Where ist the Beat?», wo der experimentelle Musiker Beat Unternährer auf der Posaune spielt und die Spoken-Word-Künstler Big Zis, Göldin und Narcisse dazu ihre Texte improvisieren. Oder bei der Performance des Westschweizer Autorenkollektivs L’AJAR, wo 20 Autoren auf der Bühne stehen. Einen prominenten Platz im Programm erhält der Berner Michael Fehr. Zusammen mit dem Musiker Manuel Troller bestreitet er am Samstagabend die Bühne im grossen Landhaussaal – Primetime für Fehrs Erzählband «Glanz und Schatten».

«Where is the Beat?: Kino im Uferbau, Sa, 18 Uhr L’AJAR: Kino im Uferbau, Fr, 20 Uhr Michael Fehr und Manuel Troller: Landhaussaal, Sa, 20 Uhr

Die Podien

Gesellschaftspolitische Themen sind nicht mehr das Monopol von Lukas Bärfuss. Mit Jonas Lüscher steht ihm fortan ein Schriftsteller zur Seite. Beide haben ein neues Buch am Start, beide sind in Solothurn in Diskussionen vertreten. Beim Podium «Die Macht der Geschichten» diskutiert Jonas Lüscher mit der Autorin Olga Grjasnowa und dem Journalisten Peter Voegeli darüber, wie sich in der Fiktion von Krieg und Krisen erzählen lässt. Und unter dem Titel «Die Demokratie in der Krise?» diskutiert Lukas Bärfuss mit dem belgischen Autor und Essayisten David Van Reybrouck und Ruth Dällenbach vom Think Tank Denknetz über populistische Strömungen, flatterhaftes Wahlverhalten und über Alternativen zur Demokratie.

«Die Macht der Geschichten»: Landhaussaal, Fr, 12 Uhr
«Die Demokratie in der Krise»: Landhaussaal, Sa, 13 Uhr

Die Debütanten

Bereits letztes Jahr war Julia Weber an den Literaturtagen. Damals konnten
Besucher über ihren Literaturdienst Postkartengrüsse aus Solothurn verschicken lassen. Dieses Jahr ist die 33-Jährige mit ihrem Romandebüt Teil des Programms. In «Immer ist alles schön» erzählt sie aus der Sicht eines Geschwisterpaares, das versucht, der Welt seine eigene Logik entgegenzusetzen. Der 26-jährige Berner Flurin Jecker wählt in «Lanz» die Perspektive eines 14-Jährigen. Über einen Blogger-Kurs findet dieser Gefallen am Schreiben und dokumentiert seine Suche nach einem Platz in der Welt. Die 52-jährige Kathy Zarnegin wurde in Iran geboren. Ihr Debüt «Chaya» erzählt von einem Leben zwischen zwei Welten und vom Neubeginn auf den Spuren des Schreibens.

Julia Weber: Stadttheater, Sa, 12 Uhr
Flurin Lanz: Säulenhalle, Fr, 19 Uhr
Kathy Zarnegin: Säulenhalle, So 16 Uhr

Das Kinderprogramm

Die Familienmatinee am Sonntagmorgen ist fester Bestandteil der Literaturtage.
Dieses Jahr finden neu erstmals Lesungen und Gespräche zu Jugend- und Kinderliteratur statt, die sich an ein erwachsenes Publikum richten: Dana Grigorcea, die 2015 für den Schweizer Buchpreis nominiert war, stellt ihr Kinderbuch «Mond aus!» mit Illustrationen von Anna Luchs vor. Und Francesca Sanna spricht über ihr international ausgezeichnetes Bilderbuchdebüt «Die Flucht», das aus Sicht eines Kindes von der Odyssee nach Europa erzählt. Im Künstlerhaus S11 hat Anna Luchs eine Ausstellung gestaltet, die von den eingeladenen Kinderbüchern inspiriert ist.


JuKiLi für Erwachsene: Dana Grigorcea und Francesca Sanna, Säulenhalle,
Sa, 15 Uhr 
Künstlerhaus S11: Fr–So, 9.30–18.30 Uhr 
Familienmatinee: Säulenhalle, So, 10 Uhr

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