Comicreportage
Joe Sacco will nicht objektiv sein - sondern ehrlich

Joe Sacco bringt minutiöse Rechere, Journalismus und Comic auf einzigartige Weise zusammen. Man kann ihn durchaus als Erfinder der Comic-Reportage bezeichnen.

Susanna Petrin
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Joe Sacco
3 Bilder
In seinem Heimatland Malta zeichnete er die Flüchtlingskrise auf.
In Gaza das harte, entwürdigende Leben der Palästinenser.

Joe Sacco

Keystone

Palästinenser waren für Joe Sacco allesamt Terroristen. Schliesslich hörte er als Teenager in den amerikanischen Medien ständig von diesem und jenem Attentat. Objektive Fakten. Und doch kamen ihm Zweifel über die Redlichkeit dieser Berichterstattungen.

Er wollte die Situation und den Kontext mit eigenen Augen sehen, er wollte die Palästinenser persönlich kennen lernen, er reiste hin. Das war zu Beginn der 90er- Jahre, Joe Sacco war Anfang 30.

Die Menschen, die er in den besetzten Gebieten kennen lernte, berührten ihn – mit ihren Geschichten, ihrer Armut, ihrer Perspektivlosigkeit, ihrer Gastfreundschaft.

Joe Sacco, ausgebildeter Journalist, liess sich alles ganz genau erzählen, recherchierte, fotografierte. So entstand allmählich seine erste Comic-Reportage: «Palästina». Sie erschien zunächst als Serie von Heften – mit sinkenden Auflagen.

Als Sacco sich schon vom so aufwendigen wie brotlosen Zeichnen abkehren wollte – «ich war ständig pleite, ich vereinsamte zusehends und hatte jahrelang keine Beziehung, weil niemand mit einem notorisch abgebrannten Typen ausgehen mag», erzählt er der «NZZ» – da kam plötzlich die Anerkennung, kamen die Preise, kam das Geld.

Obwohl er schon vorher zeichnete, sogar eigene Hefte herausgab, gilt «Palästina» heute als Meilenstein seiner Karriere sowie des Comic-Journalismus.

Interessant, relevant, emotional
Was vorher war und was seither geschah: Das Cartoonmuseum Basel bietet in der heute Abend beginnenden Ausstellung «Joe Sacco. Comics Journalist» einen Einblick in fast alle Werke des in den USA lebenden Maltesers.

150 Originale hat Museumsleiterin Annette Gehrig ausgesucht – darunter ein sieben Meter langes Panoramabild der Schlacht an der Somme anno 1916. Inhaltlich verfolgt die Auswahl, wie Sacco von Konfliktgebiet zu Konfliktgebiet zieht, um wieder und wieder die Stimmen der Verlierer aufzuzeichnen. Stilistisch zeigt sie, wie er vom wilden zu einem etwas ruhigeren Stil findet.

Damals wie heute: Es sind relevante Geschichten und interessante Charaktere, die Sacco mit kräftigem Strich in seinen lebendigen Bildern zeichnet.

Joe Sacco ist parteiisch. Das wird ihm oft vorgeworfen. Aber es geht ihm nicht um Ausgewogenheit, sondern, wie er sagt, um Wahrheit. «Objektivität ist ein Wort, das im amerikanischen Journalismus missbraucht wird», sagt er in unserem Telefongespräch: «Es bedeutet oft, dass man beide Seiten einer Geschichte zeigt. Aber das ist nicht geeignet, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.»

Er sei stets auf der Seite der Unterdrückten. Und er ist heute der Ansicht, dass den Palästinensern «historisch unrecht getan worden ist».

Zu seinem subjektiven Journalismus gehört, dass er sich selber stets mitten in die Geschichten zeichnet: als kleinen Mann mit dicken Brillengläsern. Wir sehen ihn in Nablus brav jeden angebotenen Tee trinken oder etwas verloren in einer Sarajevoer Bar, umgeben von coolen, rauchenden Typen.

Seine Gedanken in der eckigen Sprechblase: «Ich fühle mich verletzlich, denn schliesslich herrscht hier Krieg, und ich sehne mich nach einer Umarmung, nach Unterstützung, nach jemandem, der mich durch die Ruinen führt.»

Ohne Eitelkeit legt Sacco so seine Unsicherheit, manchmal auch seine Selbstüberschätzung offen. Die Ich-Perspektive macht zudem transparent, wie er zu seinen Informationen kommt und wie er manchmal selbst unsicher ist, ob er einer Quelle trauen kann.

Mit einem selbstironischen Zitat aus dem «NZZ»-Interview, das in der Ausstellung hervorgehoben wird, nimmt Sacco sofort unser Herz für sich und seine Methode ein: «Vermutlich ist es einfacher für den Leser, sich mit einer unscheinbaren und bisweilen ängstlichen Figur zu identifizieren als mit dem attraktiven Raubein, das ich in Wirklichkeit bin.»

Endlos fasziniert und frustriert
Im Frühjahr wird Joe Sacco persönlich in Basel anwesend sein. Bis dahin arbeitet er unter anderem an einem Buch über die Situation der indigenen Bevölkerung Kanadas. Er könne nicht anders, er fühle sich gezwungen, Ungerechtigkeiten zu dokumentieren, sagt er am Telefon.

Und was hat er nach all seinen Reportagen aus Krisengebieten über die menschliche Natur gelernt? «Dass ich viel zu wenig darüber weiss.» Derzeit versuche er, sie mithilfe neurowissenschaftlicher und philosophischer Bücher besser zu verstehen.

Es wird interessant sein, zu sehen, wie er seine Erkenntnisse umsetzt.

www.cartoonmuseum.ch