«Jeder hat Leichen im Keller»

Die ehemalige Frontfrau der Cranberries, Dolores O´Riordan, veröffentlicht mit «No Baggage» ihr zweites Solo-Album. Es tönt wie ein Cranberries-Album.

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Aargauer Zeitung

Pascal Münger

Die grösste Kraft und die schönste Inspirationsquelle für die 37-jährige irische Sängerin Dolores O ́Riordan ist die Natur. In langen Spaziergängen durch ihre Wahlheimat Kanada tankt sie die nötige Energie für ein glückliches Leben und findet nicht selten im Singsang der Vögel oder in den sirenenhaften Lauten von Wölfen die Melodien für ihre Songs. Kein Wunder also, ist die naturverbundene Mutter von vier Kindern gerade auf einem Spaziergang, als wir sie auf dem Handy erreichen. «Mein neues Album ́No Baggage ́ soll den Menschen die Kraft weitergeben, die ich aus der wunderbaren Landschaft hier in Kanada ziehe», meint O ́Riordan. «Diese kann man dann zum Beispiel nutzen, um Perioden im Leben zu überwinden, die nicht so toll sind. Denn schlechte Zeiten gehören auch zum Leben.»

Dolores O ́Riordan weiss, wovon sie spricht. 2003 erkrankte die Mutter ihres Mannes Don Burton so schwer, dass sie unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage war, sich weiterhin voll auf ihre Erfolgsband The Cranberries zu konzentrieren. Die Band trennte sich auf ihren Wunsch hin. «Obwohl man durch solche Schicksalsschläge vom eigentlichen Pfad abkommen kann, darf man sich nicht unterkriegen lassen. Egal, wie schlimm eine Situation ist, sie ist weniger schlimm, wenn man sie in einem grösseren Bild bezogen auf das ganze Leben betrachtet», meint die Sängerin heute.

«Skeleton», das zweite Stück auf dem neuen Album, behandle genau dieses Thema. Obwohl jeder selber aus Knochen bestehe, haben viele Angst vor Skeletten. Das zeige, wie ambivalent unsere Gefühle sind und dass viele Ängste tief aus uns selbst kommen: «Man muss lernen, sich selber zu akzeptieren, will man auch die schlechten Momente im Leben akzeptieren. Erst die Erfahrungen, die wir sammeln, machen uns komplett.» Trotz der Spiritualität hinter den Songs ist Dolores O ́Riordan keiner dieser alternden Rockstars, die sich nach einer erfolgreichen Karriere abseits des Rampenlichts anfangen selber zu spüren. Der Humor und ihre politischen Überzeugungen, die O ́Riordan bei ihrer ehemaligen Band einfliessen liess, fehlen auch auf ihren Solo-Alben nicht. «Meine Songs kann man auch anders verstehen», sagt die Sängerin. «Ein Stück wie ́Skeleton ́ kann man philosophisch erklären, oder man zieht einfach den Schluss daraus, dass jeder seine Leichen im Keller hat.»
«No Baggage» sei ihr persönlichstes Statement seit dem Cranberries-Album «No Need To Arque» aus dem Jahr 1994, heisst es in ihrer Biografie. Nicht nur die Texte erinnern dabei an ihre alte Band, sondern auch die Musik. Überall hört man die typischen treibenden Bassläufe, kombiniert mit sphärischen Akkorden, die schon den Cranberries-Überhit «Zombie» auszeichneten. Trotz dem musikalischen Schulterschluss möchte sie aber nichts von einer baldigen Reunion wissen. O ́Riordan: «Ich weiss, dass die Presse über ein neues Cranberries-Album in diesem Jahr spekulierte, so was ist aber nicht in Planung. Ob sich das irgendwann ändern wird, kann ich heute noch nicht sagen.»

Dolores O ́Riordan, No Baggage (Cooking Vinyl/TBA).