Kulturförderung
Jede und jeder kann Mäzen sein – mit einem Testament

Viele kleine Erben ergeben zusammen viel Geld. Deshalb animiert die die neue Stiftung Erbprozent Menschen, testamentarisch ein Prozent zu spenden.

Sabine Altorfer
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Wir sind das Publikum – und wir sind vielleicht auch bald Mäzene. Wenn viele ein Prozent ihres Erbe der Kultur spenden, wird die Kultur vielen mehr geben.

Wir sind das Publikum – und wir sind vielleicht auch bald Mäzene. Wenn viele ein Prozent ihres Erbe der Kultur spenden, wird die Kultur vielen mehr geben.

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Vermachen Sie ein Prozent Ihres Erbes der Kultur! Das ist die Botschaft der «Stiftung Erbprozent». Gute Idee. Doch wem und wie soll ich spenden? Diese Fragen will die Stiftung den Willigen abnehmen. In Planung ist ein Pool, in den die Gelder fliessen und dann verteilt werden. Noch sind die Details aber unklar.

Geboren wurde die Idee in Appenzell Ausserrhoden am Diskussionsforum Kulturlandsgemeinde im Mai 2015. Dort wollten Künstler, Politikerinnen und Wissenschafter zwei Tage über das Thema erben nachdenken. «Wir waren für das Festival noch auf der Suche nach Geld», erinnert sich Margrit Bürer, Kulturbeauftragte in Appenzell Ausserrhoden. «Dabei kam die Idee des ‹Erbprozentes› auf, sie elektrisierte uns.» Die Stiftung wurde gegründet, der Kanton gab eine Anschubfinanzierung.

Eine gemeinsame Stiftung

Aber warum braucht es für Menschen, die der Kultur Geld vermachen wollen, eine Stiftung? Noch eine Stiftung? «Ja, es gibt sehr viele Stiftungen», findet auch Margrit Bürer. Aber bei vielen sei der Stiftungszweck sehr eng gefasst, das Kapital oft knapp. «Und so haben sie nach einigen Jahren Mühe, etwas zu bewirken.» Statt dass viele weitere kleine Stiftungen gegründet werden, soll die Stiftung Erbprozent bündeln. Sie soll eine gemeinsame Stiftung von Leuten sein, die gemeinsam Kultur fördern wollen, weil Kultur allen dient und damit Kultur vielen offensteht. Es wäre quasi ein breit abgestütztes Mäzenatentum, wie es mit Crowdfunding bereits Erfolg hat. Die Stiftung will zudem jenen Gewissheit geben oder überhaupt eine Idee fürs Testament, die gerne möchten, aber nicht genau wissen wie und wem. Egal, ob sie an ihrem Lebensende viel oder wenig zu vermachen hätten.

«Insgesamt wird sehr viel Geld vererbt», findet Bürer. Über die Summe gibt es nur Schätzungen. Im Abstimmungskampf um eine Erbschaftssteuer 2015 kursierten Zahlen: rund 40 Milliarden pro Jahr, sagten die Befürworter der Initiative. Der Lausanner Ökonom Marius Brülhart errechnete für 2011 gar 61 Milliarden Franken. Hochgerechnet wären das fürs Jahr 2015 bereits 76 Milliarden Franken, das wären zehn Milliarden mehr als das Staatsbudget der Eidgenossenschaft oder 13 Prozent des Volkseinkommens. Würden also alle Schweizerinnen und Schweizer beim Erbprozent mitmachen, wäre die Kultur ihre ständigen Geldsorgen los.

So weit oder gar an einen Zwang denkt die Stiftung nicht. Für Bürer ist vielmehr der Gedanke der Gemeinschaft, des generationenübergreifenden Engagements zentral. «Das ist ähnlich wie beim Crowdfunding, aber weniger projektbezogen.» Ihr schweben Unterstützungen für Ideen und Projekte vor, «die zukunftsträchtig und nachhaltig sind und eben wieder der Gemeinschaft zugutekommen». Wichtig ist ihr auch: «Hier wird kein Kapital angehäuft, was an Geld dereinst rein kommt, geht auch wieder vollumfänglich raus.» Das heisst, die Stiftung will ihren Aufwand nicht aus den Erbschaften finanzieren, sondern durch Zuwendungen der öffentlichen Hand und durch Spenden. Zwei Jahre Zeit für den Aufbau hat sich der Stiftungsrat gesetzt, das Budget von 460 000 Franken ist noch nicht ganz gedeckt. Sechs Kantone (AR, AI, TH, SG, ZH, UR) haben bis jetzt Beiträge von insgesamt 265 000 Franken gesprochen.

Hintergedanken der Kantone?

Erhoffen sich die Kantone insgeheim langfristig eine Entlastung ihrer Kulturbudgets? Haben deswegen Zürich und St. Gallen beispielsweise je 50 000 Franken Anschubfinanzierung aus dem Lotteriefonds geleistet? Solche Hintergedanken hegt man weder in Zürich noch in St. Gallen. Es sei eine Ergänzung zur klassischen Kulturförderung der öffentlichen Hand, eine zusätzliche Form der Mittelbeschaffung neben der öffentlichen und privaten Kulturförderung, sagt Katrin Meier, Leiterin Amt für Kultur in St. Gallen. Und Madeleine Herzog, Leiterin der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich, sieht in der Initiative Erbprozent «einen ausserordentlich interessanten und innovativen Ansatz in der privaten Kulturförderung». Sie überzeugt «die partizipative Ausrichtung sowie die Tatsache, dass alle Mitwirkenden unabhängig von der Höhe des Beitrages gleichwertig behandelt werden».

Der Aufbau der Stiftung ist nur Mittel zum Zweck. Das Wichtigste ist es, Erbwillige zu finden. 56 Leute haben bis jetzt zugesagt, dereinst ein Prozent ihres Erbes zu stiften. Entspricht dieses Echo den Erwartungen? «Wir haben uns keine Zahlen als Ziel gesetzt», sagt Bürer. «Wir haben auch noch nicht intensiv gesucht, sondern uns vorerst auf den Aufbau der Stiftung konzentriert.» Ab April gibt es eine Geschäftsführung bei der Stiftung. Eine der wichtigsten Aufgabe für die eben gewählte Kulturmanagerin Esther Widmer und den Kommunikationsverantwortlichen Jürg Weibel wird sein, Mitglieder, also Erblasserinnen zu suchen.

Ein Blatt im Testament genügt

Im Moment ist die Stiftung also noch stark mit sich selber beschäftigt. Die Statuten stehen, der Stiftungsrat ist besetzt, ein erstes Forum mit den ersten Erbwilligen durchgeführt. Aber noch gibts keine Reglemente oder Leitlinien, wer nach welchen Kriterien Geld bekommen soll. Soll eine Jury selber auf die Suche gehen oder auf Gesuche reagieren. Bürer will noch nicht einschränken und sagt doch: «Wir wollen keine weitere Gesuchs-Maschinerie installieren. Wichtig ist, dass die möglichen Erblasser mitbestimmen. Dazu gibt es zwei Mal jährlich ein Forum.»

Auf der Homepage erklärt die Stiftung die rechtlichen Grundlagen, man kann sich ein Formular herunterladen, das man seinem Testament beilegt... ein Blatt, eine Notiz genügt und man wird postum Mäzenin. Bisherige Mitglieder erklären, warum sie mitmachen. Der Tenor: Ein Prozent sei doch wenig, aber zusammen ergebe es viel. Übers Lebensende hinaus etwas zu bewirken, sei ein schöner Gedanke. Viele sind Kulturschaffende, als Aushängeschilder wirken der Banker Pierin Vincenz und Bundesrichterin Susanne Leuzinger.

Wann könnte diese Stiftung überhaupt die ersten Beiträge vergeben? «2017», sagt Gloria Weiss, Mitentwicklerin der Initiative und Projektleiterin bei der Agentur Alltag. Dann rechnet sie also damit, dass sehr bald eines der Mitglieder stirbt? Sie stutzt, lacht und erklärt: «Das hoffen wir nicht. Aber es gibt die Möglichkeit, einen Vorlass zu bestimmen.» Das heisst, noch zu Lebzeiten einen Teil des Erbes zu vergeben. «Darüber sind wir mit einzelnen Mitgliedern im Gespräch», ergänzt Margrit Bürer. «Es hätte Symbolkraft.»