Literatur
Israelische Autorin nach Angriffen: «Ich bewege mich wie eine Paranoide»

In ihren Büchern Kulisse, in ihrem Leben Vordergrund: Bestsellerautorin Zeruya Shalev über Israel und ihre eigene Paranoia.

Anna Kardos
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Zeruya Shalev wurde 2004 Opfer eines Bombenanschlags in Jerusalem. Trotzdem sagt sie: «Ich hege keinerlei Ressentiments.»Eric Sultan

Zeruya Shalev wurde 2004 Opfer eines Bombenanschlags in Jerusalem. Trotzdem sagt sie: «Ich hege keinerlei Ressentiments.»Eric Sultan

Wo Zeruya Shalev hingeht, zieht sie die Blicke auf sich. Das Gesicht der israelischen Bestsellerautorin ist bekannt – und trotz der 56 Jahre jugendlich schön. Bei ihrem Besuch in Bern ist es jetzt allerdings über ihr Smartphone gebeugt, das sie hektisch checkt. «Tut mir leid», murmelt sie entschuldigend, «aber ich habe solche Angst. Letzte Woche gab es diese Welle von Angriffen ...»

Shalev neues Buch "Schmerz"

In Zeruya Shalevs Roman «Schmerz» trifft die knapp 50-jährige Iris, eine gestandene Karriefrau und zweifache Mutter zufällig ihre grosse Jugendliebe. Der Gefühlssturm, der über ihr hereinbricht, scheint alles in den Hintergrund zu drängen: ihre Familie, ihre Ehe, ihre Arbeit, selbst den Schmerz, der sie seit einer Bombenexplosion begleitet. Zum ersten Mal reflektiert Shalev, die 2004 selbst von einer Busbombe verletzt wurde, anhand einer Figur das Leben mit einem solchen Trauma. Und wie immer bei der Autorin prallt eine Welt der Emotionen auf die Aussenwelt des heutigen Israels. (ank)

... bei denen Passanten mit dem Messer niedergestochen wurden. Wie sehr verändert das Ihren Alltag in Jerusalem?

Also, es war ... einen Augenblick, ich möchte schnell nachschauen, ob noch etwas passiert ist ... (scrollt nochmals auf ihrem Display) ... es war wirklich ein Albtraum. Ich hätte fast diese Reise abgesagt, aber dann wollte ich meine Leser und den Verlag nicht enttäuschen. Ich habe mir nach den Angriffen einen Pfefferspray gekauft und bewege mich in den Strassen wie eine Paranoide. Auch weil ich meinen Sohn schützen will. Die ganze Zeit halte ich den Pfefferspray in meiner Hand.

Damit Sie gewappnet sind?

Der Verkäufer sagte mir: Sie wissen, dass Sie keine Zeit haben werden, ihn aus der Tasche zu kramen? Ich habe viel mehr Angst als während der Intifada 2000 bis 2005, als ich verletzt wurde. Damals gab es Bombenanschläge, aber ich dachte: «Wenn ich Menschenmengen meide und nicht Bus fahre, bin ich einigermassen sicher.» Es stellte sich als falsch heraus (lacht). Ich wurde trotzdem von einer Busbombe verletzt. Aber jetzt mit diesen Messerstechereien droht die Gefahr jederzeit, an jedem Ort ... jedes Küchenmesser kann zur Waffe werden.

Hätte Ihre Familie nicht mit Ihnen reisen können?

Mein älterer Sohn ist Soldat, es gab keine Möglichkeit, gemeinsam zu reisen. Also wollte ich, dass sein Vater in Israel bleibt. Aber ich bin masslos traurig. Den ganzen Sommer habe ich mit «women wage peace» damit verbracht, kleine, feine Verbindungen zu knüpfen zwischen Palästinenserinnen, israelischen Araberinnen und uns.

Was genau tut «women wage peace2?

Ich bin nicht naiv. Ich dachte nicht, dass wir den Frieden bringen. Aber wir übten sanften Druck auf die Politiker aus, zurückzukehren an den Verhandlungstisch. Wir stellten neben dem Ministerium ein Zelt auf und Netanjahu traf sich mit uns. Er sandte durch uns Friedensbotschaften an Abbas, und wir wurden eingeladen, diese Botschaften in das palästinensische Regierungsgebäude Muqataa zu bringen. Aber die Sache wurde abgesagt.

Von wem?

Vonseiten der Palästinenser. Vielleicht war es nur eine Terminkollision. Danach haben wir erwartet, dass die Sache weitergehe, aber es passierte nichts. Und nun setzt diese furchtbare Gewalt ein, aus heiterem Himmel.

Hat die Gewalt mit der schwindenden Hoffnung auf die Zwei-Staaten-Lösung zu tun?

Ich glaube nicht, dass Netanjahu seine Meinung fundamental geändert hat. Auch ich unterstütze die Zwei-Staaten-Lösung. Aber manchmal habe ich den Eindruck, man verstehe in Europa nicht wirklich, was sie bedeutet. Der palästinensische Staat kann ein freundlicher Staat werden, das wäre wunderbar. Aber die Nachbarschaft kann innerhalb einer Minute in Eiseskälte umschlagen. Trotzdem glaube ich an diese Lösung, ich möchte daran glauben. Aber jetzt ist es die Hölle. Europa erscheint nun wie ein Paradies. Vor allem die Schweiz.

Die Schweiz ist vielleicht das Land mit der bescheidensten Kriegsgeschichte der Welt ...

Ich beneide Sie wirklich.

Haben Sie sich überlegt, wegzuziehen?

Nachdem ich verletzt wurde, hatte ich solche Fantasien, aber nie wirklich den Entschluss, Israel zu verlassen.

Und in eine andere Stadt zu ziehen?

Als der Gazakrieg herrschte, war der Süden gefährlich. Im Libanon-Krieg war Haifa gefährlich. Und jetzt ist Jerusalem die Hölle. Deshalb macht es keinen Sinn, einen sichereren Ort innerhalb des Landes zu suchen.

Ihre Bücher handeln meist von der Liebe. Ist für Ihre Figuren auch die Liebe zu Ihrem Land eine grosse Liebe?

Es ist jedenfalls keine romantische Liebe ... (lacht), sondern eine Mischung aus Liebe und Sorge und viel Kritik. Im neuen Buch «Schmerz» ist die Heldin Iris wütend auf ihr Land, das ihr den Vater genommen hat, ihre körperliche Unversehrtheit. Manchmal fragt sie sich: Lohnt sich eine Heimat, die von ihren Bewohnern so viel fordert?

Iris’ private Gefühle fordern ihr genau so viel ab. Ihre Jugendliebe brachte sie fast um.

Da haben Sie recht. Liebe kann bitter sein. Das ist, was auch ich fühle: Ich sehe mein Land nicht durch die rosa Brille. Und es bricht mein Herz, dass sich alles stets zum Schlechteren ändert – nicht nur in Israel, im gesamten Nahen Osten, der islamischen Welt.

Hat es auch mit dem IS zu tun, dass statt Bomben nun Messer zum Einsatz kommen?

Wahrscheinlich schon. Junge Palästinenser sind stark beeinflusst von diesen Clips, wo Menschen geköpft werden. Das hat eine neue Art von Gewalt hervorgerufen.

Auch das Internet spielt eine Rolle.

Im Netz wurden Gerüchte gestreut, dass Israel den Muslimen den Tempelberg und die Al-Aqsa-Moschee «wegnehmen» wolle. Aber das stimmt nicht. Niemand wäre so dumm. Nicht einmal in Israel. Viele Palästinenser glauben dem Internet blindlings. Das ist sehr traurig, weil sie oft jung sind und ihr eigenes Leben zerstören. Da sollte die Regierung mehr Verantwortung übernehmen.

Was kann sie tun?

Abbas sollte klarstellen, dass niemand al-Aqsa angreifen will. Netanjahu betonte das mehrfach, aber ihm glauben die Palästinenser nicht.

Sie schreiben meist über Familie, Liebe, das Private – als Gegenentwurf zur Realität?

Jahrelang hatte ich den Eindruck, ich wäre am falschen Ort geboren. Ich interessiere mich für intime Themen, die menschliche Seele. Natürlich bin ich an der Politik beteiligt, aber sie inspiriert mich nicht. Ich musste als Autorin erst Frieden schliessen mit dem Gedanken, dass mich als Israelin trotzdem dieses Emotionale fasziniert, das sehr universell sein kann.

Wohl deshalb liest man Ihre Bücher rund um die Welt. Iris ist erfolgreich, Karrierefrau, Mutter – wie Sie. Wie viel Zeruya Shalev ist in Iris?

Es ist merkwürdig, aber ich sehe mich nicht als Karrierefrau. Ich bin eher beschäftigt mit meinen Kindern, wie eine typisch jüdische Mutter. Mein Leben ist wirklich ein bisschen schizophren: Ich reise viel, aber ich schreibe zu Hause und erledige während des Schreibens die Wäsche ... Wäsche waschen inspiriert mich. Das bringt mich auf die besten Ideen. Es reinigt nicht nur die Kleider, sondern auch meine Gedanken.

Was wäre anders, wenn Ihre Romane in der Schweiz spielen würden?

Schwierig zu sagen. Aber die israelische Situation ist immer Kulisse meiner Bücher. Die Kombination von äusserer Gefahr und inneren Gefühlen schafft eine grosse Intensität. Als die Protagonistin in «Schmerz» verletzt wird, klagt ihre Familie sich selbst an, niemand denkt an den Attentäter.

Ging es Ihnen nach dem Anschlag, bei dem Sie verletzt wurden, auch so?

Ja. Für mich ist es schwierig, mich in einen Attentäter hineinzuversetzen, der seine Bombe vorbereitet und nun hofft, damit möglichst viele Israelis umzubringen. Ich will gar nicht an ihn denken.

Sie hegen keinerlei Ressentiments?

Nein. Viele denken wie ich. Auch ein grosser Teil der Palästinenser lehnt Terror ab. Es gab diese Frau, die sagte: Wir müssen von Tür zu Tür pilgern und alle davon überzeugen, das zu stoppen. Das Tragische ist: In Zeiten der Gewalt hört man nur die extremistischen Stimmen, obwohl die moderaten die Mehrheit bilden. Es ist krank. Wir brauchen Ärzte im Nahen Osten, nicht Politiker.