Festival Origen
In Wanderschuhen ins Theater

Giovanni Netzer hat im 200-Seelen Dorf Riom aus dem Nichts ein Festival aufgebaut.

Sabine Altorfer
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Berge, Wiesen und eine Burg. Aber hier in Riom gibts auch Tanz, Theater und Musik nach dem Wandern oder neu auch zum Après-Ski. Benjamin Hofer

Berge, Wiesen und eine Burg. Aber hier in Riom gibts auch Tanz, Theater und Musik nach dem Wandern oder neu auch zum Après-Ski. Benjamin Hofer

Riom an einem lauschigen Sommerabend. Ennet dem Tal glüht der Piz Mitgel im Abendrot, vor dem stattlichen Haus Sontga Crousch treffen grüppchenweise Menschen ein. In Wanderhose und Seidenbluse, Lackschuhen und Sandalen. Was verbindet sie nur? Bald treffen sich alle in der Scheune. Doch es geht nicht um Landwirtschaft, hier gibts nicht mehr Heu und Rinder, sondern Kultur. Einheimische aus der Region Savognin und noch mehr Touristen sitzen auf goldenen Podesten und warten auf Giovanni Netzer und seine Einführung zur heutigen Tanz-Aufführung am Festival «Origen».

Erstaunlich, dass so viel Publikum schon anderthalb Stunden vor der Aufführung anwesend ist. Doch die regelmässigen Besucher wissen: Giovanni Netzer ist so unterhaltsam wie informativ. Auch wenn wohl nur ein Bruchteil der Leute die ersten paar romanischen Sätze des Intendanten versteht.

Dann wechselt Giovanni Netzer auf Deutsch, «für jene, die noch nicht romanisch können», erzählt von der babylonischen Sprachverwirrung unter den Künstlern aus 22 Nationen am Festival, erntet Lacher für seine Einschätzung, deutsch sei global gesehen wohl eine Minderheitensprache wie das Romanische in der Schweiz. Und der Gründer und Kopf des Festivals schwärmt davon, dass diese Scheune, die Clavadeira, nun wintertauglich gemacht sei, das Festival neben der Burg Riom in seinem zehnten Jahr nun eine zweite Bühne bespielen könne. Eine zweite feste Bühne, muss man anfügen. Denn Origen ist auch ein nomadisches Festival: Zu gregorianischen Gesängen und kunsthistorischen Führungen lädt es in die Kirchen des Surses, zu zeitgenössischer Musik in den Luftschutzkeller des Schulhauses Riom, zu Ehren von Karl dem Grossen spielte es im Val Müstair und im Hauptbahnhof Zürich, die Arche Noah platzierte es vor zwei Jahren am Stausee von Marmorera, und fürs Engadin dachte sich Giovanni Netzer ein Theater im Schnee aus.

Ein Bündner Kulturwunder

Sein Festival Origen ist ein kleines Kulturwunder und Netzer gilt als einer der originellsten Köpfe im Schweizer Theaterbetrieb. Doch was soll ein Theater-, Tanz- und Musikfestival in einem 200-Seelen-Dorf? Es lebt wie die Region von den Touristen. Die schätzen es, neben Wandern und Skifahren auch Kultur geboten zu bekommen. Etwa ein Drittel des Publikums kommt aus dem Kanton Graubünden, ein Drittel aus Zürich, der Rest aus der übrigen Schweiz und aus dem Ausland.

Stolz erzählt Giovanni Netzer, dass die vier Tanzproduktionen in diesem Jahr erstmals im Auftrag von Origen erarbeitet wurden, und er rühmt die jungen Choreografen aus führenden Tanzhäusern Europas, aus Hamburg, Wien und Amsterdam. So passten die Stücke perfekt zum Motto «Exodus».

Er betont, das Motto sei nicht nur der politischen Aktualität geschuldet. Das noble Haus und die Scheune in Riom habe Lurintg Carisch gebaut, ein Wirtschaftsflüchtling, wie es sie in Graubünden über Jahrhunderte gegeben habe. «Die Familien waren gross, nur eines oder zwei Kinder konnten bleiben, die anderen mussten auswandern, um zu überleben.» Carisch habe in Paris mit seinen Grand Cafés ein Vermögen verdient, sei zurückgekommen und habe geholfen, das eben abgebrannte Dorf Riom wieder aufzubauen.

Geschichten von Emigranten

Auch Netzer selber ist ein Rückkehrer. Studiert hat er Theologie und Theaterwissenschaften in Chur und München. Fachleute und Kollegen hätten ihm dringendst abgeraten, in Riom Theater zu spielen oder ein Festival zu gründen. «Es gab nichts, was man normalerweise braucht: kein Haus, keine Schauspieler, Musiker und Tänzer, keine Infrastruktur, kein Geld, kein Publikum.» Aber er habe das als Chance gesehen: «Vielleicht lässt sich aus dem Nichts besser etwas Neues aufbauen.»

Waren es anfänglich meist Produktionen mit Laien unter der Regie von Netzer selber, so hat sich das Festival mit den Jahren professionalisiert. Ihre Qualität hat mal begeistert, mal enttäuscht. Nur eines wusste man tatsächlich nie im Voraus: Wie es wird. «An einem Stadttheater dürfen Regisseure und Choreografen die Erwartungen des Publikums nicht mit etwas Ungewohntem enttäuschen», sagt Netzer. Und macht seinem Publikum in der Clavadeira ein Kompliment: «Sie wagen es, und sie wollen nicht das Vorhersehbare.»

Aufruhr um Giovanni Netzer

Dann erzählt er vom Stück «Joseph», das wir in der Burg sehen werden, davon wie die Japanerin Yuka Oishi von John Neumeiers renommiertem Ballett in Hamburg den biblischen Stoff – die liebt der studierte Theologe Netzer – neu als Drama unter nur zwei Brüdern und als Liebesdrama von Frau und Herrn Potiphar auf die Bühne bringe.

Liebesentzug musste auch Netzer selber schon einstecken: als ihm der Kanton Graubünden 2012 den Kulturpreis verlieh, nutzte er die Dankesrede, um mehr Subventionen zu fordern: eine halbe Million statt der frisch gewährten 200 000 Franken.

Das gab einen Aufruhr, vor allem unter den anderen Subventionsbezügern im Bündnerland, die Angst hatten, Netzer wolle auf ihre Kosten mehr Geld. «Das wollte ich nicht», kontert er im Festival-Café Madlaina bei Holundersirup aus Riom, «sondern ich wünschte mir eine Erhöhung der Kulturfördergelder für die professionellen Kulturinstitutionen, die bislang zu wenig berücksichtigt werden konnten, und eine Anpassung der veralteten Förderungskriterien. Die ausgesprochen vielfältige Laienkultur darf in Graubünden nicht beschnitten werden – sie ist einzigartig in Europa.» Immerhin habe seine Rede Früchte getragen: «Das Kantonsparlament hat eine Erhöhung des Kulturbudgets beschlossen – wovon nebst Origen vor allem die Kammerphilharmonie Graubünden und das Theater Chur profitieren – und eine Revision des Kulturförderungsgesetzes angestossen.»

Geschäft für die Region

Für Netzers Heimatregion Savognin («die Familie lebt seit 700 Jahren hier») ist Origen mittlerweile ein Aushängeschild. Wird die Unterstützung hier als Standort- oder Kulturförderung abgebucht? Das ist Netzer egal. Er präzisiert lieber: «Wir hatten im vergangenen Jahr ein Budget von 4,5 Millionen Franken für Bauten und Produktion, davon bleiben 3 Millionen als Löhne, Einkäufe etc. in der Region. Von der öffentlichen Hand in der Region wurden wir mit rund 50 000 Franken unterstützt.» Um bei den Zahlen zu bleiben. Bis Ende des Sommerfestivals heute Donnerstag erwartet Netzer 10 000 Besucher.

Netzer und das Festival gehören untrennbar zusammen. «Solche Initiativen leben vor allem in den Anfangsjahren stark von einer Person», erklärt der Intendant. Er selber verdiente sich seine Brötchen in den ersten neun Jahren allerdings nicht beim Festival, sondern als Mittelschullehrer. Dieser «Nebenberuf» sei dieses Jahr mit dem erweiterten Programm nicht mehr möglich gewesen, erklärt er. «Und ich möchte Strukturen schaffen, dass das Festival dereinst auch ohne mich funktionieren kann. Sofort abschaffen möchte ich mich allerdings nicht.»

Denn Netzer hegt weitere Ausbaupläne: Peter Zumthor, der Doyen unter den Bündner Architekten, hat ihm die Vision eines Glasdaches über den alten Burgmauern gezeichnet. Und schon in den nächsten Monaten sollen Verbesserungen an der Infrastruktur (Heizung und Küche) in Sontga Crousch den Betrieb erleichtern.

Noch ist der Winterspielplan nicht publiziert. Was dürfen wir erwarten? Netzer: «Wir werden beim Exodus-Thema bleiben und das Augenmerk auf die Bündner Emigranten richten. Die Weihnachtskonzerte in Landquart wird es natürlich auch heuer geben. Die Commedia wird ihren Winterschlaf unterbrechen und zur Fasnacht auftreten.»

Sein Stammpublikum wird wieder kommen. Denn wie sagte eine Besucherin nach dem «Joseph» spätnachts unter dem Sternenhimmel: «So etwas in Riom! Unglaublich!»

Origen Saison-Derniere heute mit Führung in der Kirche Savognin, Konzert von Peter Conradin Zumthor und der Tanzproduktionen Causality und Departure.