Literatur
In dieser Gier steckt Sehnsucht nach Trost

Max Dohner hat einen fulminanten Roman über Abhängigkeit in der Liebe geschrieben

Gerwig Epkes
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«Und doch geht es in den meisten Fällen im Leben gut»: Autor Max Dohner. Tina Steinhauer

«Und doch geht es in den meisten Fällen im Leben gut»: Autor Max Dohner. Tina Steinhauer

Drei Personen erzählen von der gleichen Geschichte. Dohner verknüpft die Erzählungen zu einem Ganzen, in dem nicht nur jede Sicht die Geschichte von anderer subjektiver Seite erzählt, sondern vielmehr treibt genau das die Geschichte voran. Spannend öffnen sich vor uns Lebensläufe, die der Zufall zusammenführte: Zufall Liebe. Warum hat der eine Glück und schmeisst es sehenden Auges weg? Und der, dem man vertrauen könnte, wird nicht wiedergeliebt. Warum?

Max Dohner reflektiert diese unbeantwortbare Frage auf prall gefüllten 400 Seiten. Ich bin den Erzählungen von Marcel Imsand, Klaus Bänninger und Elena mit Spannung gefolgt, nicht zuletzt, weil ich wissen wollte, ob die drei denn Antworten fanden. Und aus dem Schlamassel etwas lernten.

Was wird erzählt? Erzählt wird, dass alles hätte so schön werden können mit der Liebe für Imsand und Elena im offenen Cabrio auf dem Weg zum elterlichen Anwesen in der Toskana im Jahre 1979. Freunde wurden dort erwartet. Unter anderem auch Marcels bester Freund, Klaus Bänninger mit seiner Verlobten Brigitte. Und dieser Klaus spannte seinem Freund Marcel, der nun tatsächlich kein Ausbund an Lebensfreude war und entgegen dem Trend gerne Schnulzen hörte und sogar als DJ auflegte und die Freunde damit zum Aufstöhnen brachte, diesem Marcel also wurde Elena vom besten Freund ausgespannt, und die Verlobung mit Brigitte war gewesen.

Zur Überraschung lebten dann Elena und Klaus glücklich samt Sohn als Kleinfamilie. Das Elternpaar startete eine gutgehende Agentur, mit der sie Literatur vermittelten und mit deren Lizenzen Geld machten. Marcel Imsand wurde ein bekannter Anwalt. Blieb «unbeweibt», oder ein «Josef ohne Maria», wie er es für sich ausdrückte. Ging für sieben Jahre nach Nicaragua und adoptierte Alba Luz, eine Waise, «die Tochter, die ich nie haben werde». Er wollte ihr bessere Startchancen bieten. Die Verbindung zwischen Marcel und Klaus brach nicht ganz ab.

Eines Tages im Jahr 2001, zweiundzwanzig Jahre waren seit damals vergangen, musste Bänninger wieder einmal nach Kuba, um zwei Schriftsteller zur «Vermarktung» für die Agentur zu gewinnen. Da schlug er Imsand vor, gemeinsam Kuba zu besuchen und dann Nicaragua. Bänninger wollte Imsands «zweite Heimat kennen lernen ... inklusive geheimer Braut». «Genau das», sagte Imsand, «wäre der Grund, auf deine Gesellschaft zu verzichten.» – «Ach Imsand: zweiundzwanzig ... was sage ich: Jahre! Ein Jahrtausend ist vorbei. Wir stehen am Anfang einer neuen Geschichte, in einer neuen Welt.» – «Eben drum.» Und Imsand zögerte, ob er Bänninger seine «Tochter» tatsächlich vorstellen solle.

Sein Zögern hätte ihn leiten sollen. Aber er folgte seiner inneren Stimme nicht, und Bänninger brach sein Versprechen. Wie auch immer – entscheidend im Roman «Das Glück der Flüchtigen» ist Bänningers Liebesverhältnis auf Kuba. Bänninger ist abhängig von seiner kubanischen Geliebten Melibea. Klaus sieht die Dinge, wie sie sind – und kann doch nicht von ihr lassen. Will weg und kann doch nicht. Er schickt Geld.

Mittlerweile hat Elena durch Zufall vom fernen Verhältnis erfahren und sich von Bänninger getrennt. Er lädt Melibea in die Schweiz ein – solange sie gesetzlich Aufenthalt nehmen darf. Er bezahlt den Deutschunterricht – sie nutzt die Zeit des Unterrichts, um zum Friseur zu gehen.

Max Dohner erzählt Melibeas Verhalten ohne fremden- oder frauenfeindliche Denunziation. Im Gegenteil: Er beschreibt blendend die unterschiedliche Mentalität. Melibea nutzt ihn nicht absichtlich aus. Klaus ist eben hilfreich, um ihr Leben angenehmer zu gestalten. Dafür gibt sie ihm etwas – für sie ein ausgeglichenes Verhältnis.

Die alte Frage stellt sich: Warum ist für einen intelligenten Mann wie Bänninger die sexuelle Anziehungskraft stärker als seine Einsicht in sein vergebliches Tun? Jetzt könnte man weiter fragen: Ach, ist doch uralt diese Frage, warum jetzt noch mal gestellt? Antwort: Weil Max Dohner, ohne in banale Pornografie abzugleiten, klarzumachen versteht, wie gross Bänningers Gier ist und welche Befriedigung er durch Melibea erhält. In dieser Gier steckt auch Bänningers Sehnsucht nach endlichem Trost. Nicht umsonst nennt Elena ihn «untröstlich».

Es ist dieses Ineinander von Reflexion und körperlicher Begierde, welches das Besondere des Romans ausmacht. Im Schlusskapitel fragt der vorsichtige, eher von aussen schauende Marcel den Freund Klaus, der er dann doch irgendwie geblieben ist, während eines Ausflugs am Zürichsee: «Haben wir unser Leben verpfuscht?»

Die Antwort seines Freundes, die ich hier nicht verrate, hält für Marcel Imsand nicht stand. Und das ist nur zu verständlich. Denn beide haben recht. Und so macht Marcel Imsand wieder einmal, wie so gerne im Roman, symbolträchtig den Vogelmenschen: «Er lehnt sich wie ein Pfahl nach vorn, immer tiefer und fällt einfach nicht hin ... entgegen aller Physik. So wie damals: 1972, Skiflugmeisterschaft, Planica – Walter Steiner.» Alles steht immer auf der Kippe. Und doch geht es in den meisten Fällen im Leben gut. Wenn auch mit Blessuren, das schon.

Max Dohner hat mit «Das Glück der Flüchtigen» einen fulminanten Roman über Abhängigkeit in der Liebe geschrieben.

Max Dohner Das Glück der Flüchtigen. Braumüller Verlag 2014. 408 S., Fr. 32.50.

Buchvernissage Buchhandlung Thalia, Aarau. Mi., 12. März, 20 Uhr. Weitere Lesung: Blauer Engel, Rüfenach.
Do., 20. März.

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