Moby Dick
In der Fülle der Einfälle ertrunken

Das Theater Marie dramatisiert «Moby Dick». Die Uraufführung fand im ThiK Baden statt Theater.

Elisabeth Feller
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In der Fülle der Einfälle ertrunken

In der Fülle der Einfälle ertrunken

Mit Hermann Melvilles «Moby Dick» nimmt sich das Theater Marie einen Klassiker vor. Hunderte Seiten umfasst der Roman – gewichtig in jeder Beziehung. Einerseits ist er eine Abenteuergeschichte auf hoher See; anderseits eine Parabel auf Verblendung und Hass, der bis zur Selbstzerstörung geht – dargestellt an der Figur des Kapitäns Ahab, der einst im Kampf mit dem weissen Wal Moby Dick ein Bein verloren hat.

Ismael, der Ich-Erzähler

Seinen ursprünglichen Auftrag – die Beschaffung von Walöl – in den Wind schlagend, interessiert Ahab auf einer neuen Fahrt nur noch die Vernichtung von Moby Dick. Dazu schwört der Kapitän seine Mannschaft mit Hasstiraden ein, die einen schaudern lassen. Diese Haupthandlung ist durchwirkt von philosophischen, wissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Ausführungen. Genau sie bilden Knackpunkte für jene, die sich an eine Dramatisierung wagen. Simone von Büren und Miriam Japp geben aber gerade diesen Exkursen breiten Raum – und das ist ebenso überraschend wie das Fokussieren auf Ismael, den Ich-Erzähler. Nicht der grosse Ahab steht also im Zentrum, sondern der kleine, über die Existenz reflektierende Matrose Ismael. An dieser Figur hängt Nils Torpus’ ganze Inszenierung.

Dabei greift der Regisseur zu einem Mittel, das Nähe und Distanz zulässt: Ismael ist zum einen eine Puppe, die von der Schauspielerin Miriam Japp geführt wird. Zum andern verkörpert Miriam Japp aber auch selbst diesen Ismael. Der blitzschnelle Figurenwechsel stellt an Japp, aber auch an Michael Schwyter (als Ahab und in weiteren Rollen) hohe Anforderungen. Dass die Figuren die Fantasie beflügeln, merkt man dem Spiel der beiden Akteure an. Mit Figuren lassen sich eben selbst die waghalsigsten, witzig mit alltäglichen Requisiten gestützten Szenen spielen. Ein Wassertank, ein Schiffchen und ein Schlauch, in den Schwyter pustet – und schon tobt ein Wahnsinnssturm. Moby Dick? Ist ein weisses Tuch, aus dessen Mitte eine braune Kugel mit schwarzer Öffnung äugt. Und dem kleinen Ismael mit Hütchen steht der ellenlange, mit seinen Gliedern schlackernde Ahab gegenüber.

Dergestalt beschaffen sind die Figuren, deren Spiel Neville Tranter gecoacht hat. Das merkt man der Aufführung an. Man merkt ihr aber auch an, dass sie ob ihrer überbordenden Einfälle nicht mehr weiss, was sie erzählen will: Eine Abenteuergeschichte? Eine Parabel auf Hass? Oder eine Geschichte, die das Phänomen schicksalshafter Bestimmung thematisiert? Wir erfahren es nicht.

Moby Dick ThiK Baden, 1./2. Okt.; Tuchlaube Aarau, 1., 3., 4., 8., 10. und 11.Dez.