«Ich wollte zuerst alles ausprobieren»

Die Sängerin Katie Melua veröffentlicht mit «The House» ihr viertes Studioalbum.

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«Ich wollte zuerst alles ausprobieren»

«Ich wollte zuerst alles ausprobieren»

Pascal Münger

Da ist sie wieder, diese englische Sängerin namens Katie Melua, die in Tiflis, Georgien, geboren ist. Die Frau, die 2005 mit ihrem zweiten Album, «Piece by Piece», und der dazugehörigen folkig, jazzigen Pop-Single «Nine Million Bicycles» sämtliche Klischees des gängigen Mainstreams zu erfüllen schien. Auf dem gleichen Album aber mit gerade einmal 21 Jahren das Cure-Stück «Just
Like Heaven» coverte und damit beinahe an die intensiv rohe Zartheit eines Robert Smith herankam.

Ihr Humor und ihre ganz eigene Distanz zur Absurdität des Berühmtseins sind noch da, wie im Gespräch mit dieser Zeitung schnell klar wird. Auf die Frage, ob die Menschen im kleinen Land Georgien stolz auf die weltweit bekannte Katie Melua seien, antwortet diese schlagfertig: «Ich denke schon. Ich bin ja erst die zweite Person aus diesem Land, die man in weiten Teilen der Welt kennt. Die erste war Stalin.»

Moderner als die Vorgänger

Das mittlerweile vierte Studioalbum, «The House», ist moderner produziert als die Vorgänger. Katie Melua: «Als ich an den ersten neuen Songs für das Album arbeitete, hatte ich noch keine Ahnung davon, in welche Richtung das Ganze gehen wird.» Melua wird nicht gerne in eine Schublade gezwängt. Dafür mag sie zu viele unterschiedliche Musikstile, die sie durcheinanderwirbelt und irgendwo zwischen den Noten ihrer Songs wieder aufblitzen lässt. «Ich wollte alles ausprobieren, bevor ich mich festlegen konnte», sagt die Sängerin.

Diese Einstellung hat sicherlich damit zu tun, dass sich Katie Melua ein ganzes Jahr Zeit lassen konnte, um das Album aufzunehmen. Und damit, dass sie sich nicht von der Bürde ihrer bisherigen Erfolge erdrücken liess. Für die Produktion des Albums trennte sie sich sogar von ihrem Entdecker Mike Batt, der bislang immer an ihren Songs – und damit auch an ihrem Erfolg – mitgearbeitet hatte.

Die erste Single, «The Flood», ist eine Mischung aus Indie und Mainstream-Pop. «Plague of Love» hat trotz der orientalischen Einwürfe beide Beine tief im Soul, und Songs wie «I’d Love To Kill You» und «Red Balloons» sind jazzige Balladen, wie wir sie von Katie Melua kennen und lieben. Trotz des Drangs nach Veränderungen sind aber genau diese beiden ruhigen Songs die stärksten auf der Platte.

«Meine persönliche Revolution»

Aber wie kam es eigentlich dazu, dass dieses georgische Mädchen, das mit 13 Jahren mit ihrer Familie in die Grafschaft Surrey in Südengland zog, sich für diesen poppigen Jazz und diesen verspielten Folk, den sie heute so gekonnt in Szene setzt, zu interessieren begann? «Das war quasi meine persönliche Revolution gegen die damaligen musikalischen Trends», sagt Melua. In England hörte man zu diesem Zeitpunkt vor allem den aufkeimenden Brit-Pop von Bands wie Oasis oder Blur oder Hip-Hop.

«Als ich dann Bob Dylan oder die Jazzsängerin Eva Cassidy entdeckte, öffneten sie mir eine komplett neue Welt.» Vor allem die tieftraurige Gelassenheit, die Eva Cassidy mit ihren jazzigen Interpretationen von Pop-Klassikern wie Stings «Fields of Gold» zelebrierte, liess sie nicht mehr los. Wie sehr Cassidy die junge Melua beeinflusst hatte, zeigte sich 2007, als Katie Melua den Song «What A Wonderful World» aufnahm und dazu die Stimme der 1996 verstorbenen Eva Cassidy mixte. Die Ausdruckskraft dieser beiden Stimmen machte Louis Armstrongs Evergreen zum Weinachtshit in England.

Dieselbe leicht rauchige, gefühlvolle Stimme ist es auch, die «The House» zu einem starken Werk macht. Auch wenn nicht alle Songs das hohe Niveau halten können. Die 25-jährige Sängerin bestätigt, dass sie zu den eindrücklichsten Musikerinnen unserer Zeit zählt, und sie könnte – wenn sie ihren Weg so eigensinnig weitergeht – auch bald zu den wichtigsten gehören.

Es braucht nicht immer Pomp und Drama, um die Aufmerksamkeit der Massen zu gewinnen. Manchmal reicht eine süsse, talentierte Frau mit einer Gitarre vollkommen aus. Katie Melua ist das beste Beispiel dafür, dass das musikalische Talent immer noch die wichtigste Eigenschaft einer Sängerin sein sollte.

Katie Melua The House. Phonag. Erscheint am 21. Mai.

Live 10. Nov. Genf Arena; 11. Nov. Hallenstadion Zürich.