Aargauer Kunsthaus
Ich höre, was ich sehe – ich sehe, was ich höre

Ein Klassiker der Abstraktion und eine Bildfinderin von heute: das sind zwei Welten. Camille Graeser und Ceal Floyer mögen aber beide die Nähe von Bild und Klang.

Von Sabine Altorfer
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Camille Graeser: Triade (Triadisches Thema), 1946 – 55

Camille Graeser: Triade (Triadisches Thema), 1946 – 55

© Camille Graeser Stiftung

Kann man Kunst hören? Selten. Denn mit Bildern verknüpfen wir doch Stille. Ausnahmen machen wir allenfalls bei Soundinstallationen oder Videos. Andrerseits: Kann man Musik sehen? Da sagen wir noch vehementer nein. Und vergessen, wie schön die Sound-Kurven auf unseren smarten Bildschirmchen schwingen.

Wie Klang und Bild doch zusammen interagieren, zeigen uns zwei Ausstellungen im Aargauer Kunsthaus. Da ist zum einen Camille Graeser (1892–1980), ein Schweizer Klassiker der geometrisch abstrakten Kunst und zum anderen die Britin Ceal Floyer (*1968), die aus dem Alltag Bilder wie Klänge schöpft.

Harmonielehre

Nicht um einzelne Musikstücke ging es einst Camille Graeser, als er sich malerisch mit Musik beschäftigte. Er wollte nicht Tonhöhen und schon gar nicht Gefühle beim Hören von Musik aufzeichnen. Der Verfechter einer geometrisch-abstrakten Kunst beneidete die Musik um ihre Theorie, um ihre Harmonielehre. Und er wollte von ihr für seine Kunst lernen.

Aber Graser sucht nicht «Reinheit, Gesetz und Ordnung», sondern den «sichtbar gestalteten malerischen Klang, ähnlich der Musik». Schönbergs Zwölftontechnik setzte er in schematische Zeichnungen um. In den Gemälden dann liess er die zwölf Quadrate über die Leinwand tanzen, zog Verbindungsstriche, spiegelte und spielte bis Spannung und Harmonie stimmten.

Dass er dazu die Gesetze der Malerei, vor allem der Farbenlehre, virtuos einsetzte, muss doch auch gesagt werden. Denn das Spiel mit Grundfarben, Komplementärkontrasten und Tertiärfarben handhabte er virtuos wie kaum ein anderer. Und wenn er in den 1950er-Jahren die Quadrate aus der Fläche befreite, so meinen wir befreite, lockere Klänge zu hören. In einem der Ausstellungssäle des Aargauer Kunsthauses spielt man uns leise Bach, Hindemith und Schönberg vor, Streifenbilder mit Proportionen von 1:2:4:8 vor Augen: Das eine illustriert nicht das andere, wir hören also nicht unbedingt was wir sehen – aber es passt.

Inspiration Alltag

Da ist Ceal Floyer radikaler. «Ich will hören, was ich sehe», sagt sie vor ihrer Treppe aus Lautsprechern. Und tatsächlich hören wir, wie jemand die Treppe hochsteigt: tak, tak, tak. Den ersten Schrittaus der untersten quer an der Wand befestigten Lautsprecher-Box, den zweiten aus der zweiten und so weiter. Wir hören was wir sehen – und wir sehen, was wir hören.

Die britische Künstlerin, Absolventin der Kaderschmiede Goldsmith College London mit Wohnsitz in Berlin, scheint mit leichter Hand ihre Kunst im Alltag zu finden. Beim Kreuzworträtseln merkte Ceal Floyer, welch malerisch schöne Kreise auslaufende Tinte bildet. Also liess sie für ihre Schweizer Ausstellung eine Schachtel Caran d’Ache-Filzstifte in Löschpapiere ausbluten. Die bunte Serie macht sich in Sichtweite zu Camille Graesers musikalischen Gemälden ausnehmend gut.

Wassertropfen, die sich an einem Geländer bilden, langsam schwerer werden und endlich fallen, inszeniert sie in einem Video als Krimi der alltäglichen Beobachtung. Das Bild eines Lichtschalters wird per Diaprojektion zur Lichtquelle und eine Schablone mit unterschiedlichen Kreisgrössen zum Tablar für allerlei Dinge.

Ironie und Versteckspiele gehören zu diesem Werk. Ist die schwarze Linie im Raum wirklich aus Domino-Steinen gebaut? Ein Abfallsack im Hof nur mit Luft gefüllt? «Das müssen Sie einfach glauben», meint Ceal Floyer. Und sie gibt zu, ja sie liebe das paradoxe Sowohl-Als-Auch: Das berühmte Glas ist bei ihr halbvoll wie halbleer, eine Glitzerkugel sowohl Disco-Zubehör wie Globus und aus einem Lautsprecher hören wir gleichzeitig Buhs und Jubel des Publikums.

Camille Graeser und die Musik. Ceal Floyer On Occasion. Aargauer Kunsthaus bis 10. April. Gleichzeitig zu sehen: Jos Nünlist – andere Wege und Caravan mit Katharina Anna Wieser. Vernissage: Fr 29.1., 18 Uhr.

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