Kunst
Gustave Courbets Ziel war eine lebendige Kunst

Der Künstler Gustave Courbet (1819–1877) gehört zu den Mitbegründern der Modernen Kunst. Viele seiner Arbeiten bleiben bis heute unverstanden. Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt ab dem 7.September die grosse Ausstellung «Saison Courbet».

Simon Baur
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Ausschnitt aus dem Selbstporträt von Gustave Courbet mit dem Namen «Der vor Angst Wahnsinnige». Es entstand um 1844/45 und erzählt uns vom Künstler, der sich ins ungewisse Neue der Kunst stürzt.

Ausschnitt aus dem Selbstporträt von Gustave Courbet mit dem Namen «Der vor Angst Wahnsinnige». Es entstand um 1844/45 und erzählt uns vom Künstler, der sich ins ungewisse Neue der Kunst stürzt.

zvg

Wer die moderne Kunst von ihren Anfängen bis heute, von Paul Cézanne bis zu Gerhard Richter, verstehen und auch einordnen will, der kommt um die Beschäftigung mit Gustave Courbets Werk nicht herum. Als Einzelgänger war der aus dem Jura stammende Franzose auch ein Vorläufer, ein Avantgardist, der mit seiner Malerei die Weichen für den Impressionismus und für den Beginn der Abstraktion gestellt hat. Seine Kunst steht am Scheideweg zwischen akademischer Malerei und Realismus.

In seinem Manifest des Realismus verteidigte Courbet seinen eigenen Weg mit sachlichen Argumenten: «Ich habe ohne System und ohne Vorurteil die Kunst der Alten und der Modernen studiert. Weder wollte ich die einen imitieren noch die anderen kopieren; noch weniger war mein Ziel ein triviales ‹l’art pour l’art›. Nein! Ich wollte lediglich aus meiner vollkommenen Vertrautheit mit der Tradition das überlegte und unabhängige Bewusstsein meiner eigenen Individualität ziehen. Kennen und verstehen, um schöpferisch tätig zu sein – das war meine Idee. Fähig zu sein, die Sitten, Gedanken, Erscheinungen meiner Epoche nach meiner eigenen Einschätzung zu übersetzen; nicht nur ein Maler zu sein, sondern zugleich ein Mensch; kurz, eine lebendige Kunst zu schaffen – das war mein Ziel».

Weshalb kann man den Künstler Gustave Courbet als Mitbegründer der Moderne bezeichnen? Er hat mit vielem gebrochen, was in seiner Zeit zum «courant normale» gehörte, hat sich mit seinem Individualismus exponiert, war damit auch einer speziellen Wahrnehmung ausgesetzt. Er kannte genau die Tradition, die Regeln der akademischen Malerei. Er war aber in seinem Tun und Lassen nur sich selbst verpflichtet und verkörperte damit ein avantgardistisches Künstlerbild.

Neuer Künstlertyp

Heute ist dies selbstverständlich, damals war es skandalös. Einem Freund schrieb er: « ... ich hoffe, ich werde immer von meiner Kunst leben können, ohne mich auch nur um Haaresbreite von meinen Prinzipien entfernt, ohne auch nur für einen einzigen Augenblick mein Gewissen verraten, ohne auch nur ein handtellergrosses Bild aus Gefälligkeit oder zu Verkaufszwecken gemalt zu haben.» Damit nicht genug. Courbet war auch politisch aktiv: Bereits während des Zweiten Empire gehen viele seiner Freunde ins Exil. Dies veranlasste Courbet zu zahlreichen Reisen, wovon einige in die Schweiz führten. Selbst in Basel muss er gewesen sein, wie eine Skizze mit der mittleren Brücke und dem Münster belegt.

Das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm gemeinsam mit Honoré Daumier 1870 angeboten wurde, lehnte er ab. Der Staat sollte keinen Einfluss auf die Kunst nehmen, so seine Haltung. Bereits ein Jahr zuvor hatte man ihn zum Präsidenten der republikanischen Kunstkommission und ein Jahr später zum Stadtrat des 6. Arrondissements von Paris und Mitglied der Pariser Kommune gewählt. Am 16. Mai 1871 wohnt er der Zerstörung der Vendôme-Säule bei. Aufgrund seiner Teilnahme wird er zu einer Geldbusse und Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Pariser Gefängnis Sainte-Pélagie verbüsst. 1873 soll er für den Wiederaufbau der Vendôme-Säule zahlen. Um der Verhaftung zu entgehen, flieht er in die Schweiz, wo er viereinhalb Jahre später stirbt.

Auch Courbets Umgang mit Malerei war revolutionär. Er soll die Farbe gleich kiloweise gekauft haben und sie mit der Bürste, dem Messer, einem Lappen, dem Daumen und dem Spachtel auf die Leinwand aufgetragen haben. Seine Bilder wirken dadurch weniger gemalt, als vielmehr durch verschiedene übereinandergelegte Farbschichten gebaut. Nicht nur Cézanne, auch Adolph Menzel und in neuerer Zeit Peter Doig waren von dieser Technik fasziniert. Selbst Gerhard Richter referierte auf diese Technik, wenn er zwei seiner Bilder von 1986 mit «A B, Courbet» bezeichnete. Adolph Menzel soll gar geäussert haben, man solle Courbet den Pinsel wegnehmen, denn solange er mit dem Messer male, sei er ausgezeichnet.

Raffinierte Technik

Noch zu Lebzeiten Courbets ist eine Karikatur erschienen, die auf diese Auszeichnung verweist und ein Messer mit einer Welle voller Gischt zeigt, für die er so bekannt war. Die Wellen und Schneelandschaften, sie sind es, die bis heute die Kunstkenner entzweien, denn sie wollen nicht so recht ins Werk dieses grossen Realisten passen. Doch Courbet hat eine verblüffende Strategie gefunden, die Betrachter in die Bilder hineinzuziehen und sie anschliessend mit seiner technischen Brillanz zu verführen. Courbet zoomt seine Motive vor die Augen der Betrachter. Wir stehen nicht am Strand und betrachten die Wellen, genauso wenig wie wir im Dickicht stehen und die flüchtenden Rehe beobachten. Wir stehen neben der Welle, sie droht uns gleich zu verschlingen und die Rehe sind uns so nahe, dass wir sie berühren könnten. Auch die Intimität in «l’origine du monde» ist so nahe, dass wir vor Scham erröten und dabei noch von anderen gesehen werden – mit ein Grund, weshalb sie mit anderen Bildern oder Tüchern abgedeckt wurde. Doch wo wir schon so nahe sind, können wir uns dem Reiz der Technik nicht mehr verschliessen. Und diese nimmt uns vollends gefangen. Das Bild wird dadurch zum Körper, es vollzieht einen performativen Akt, wird zum aktiven Gegenüber des Betrachters oder ganz einfach, es wird fast zur Realität. Und dafür steht Courbets Werk wie kein anderes, in der Malerei des 19. Jahrhunderts.

Über Courbets Schweizer Bezüge, über die Neubewertung der Scham und das Konzept der Ausstellung lesen Sie morgen mehr in der bz.

bz spezial

Die bz widmet sich in der Ausgabe von Donnerstag dem realistischen Künstler Gustave Courbet - dies im Hinblick auf die Ausstellung «Saison Courbet» in der Fondation Beyeler in Riehen. Das Spezial enthält einen Essay über «l'origine du monde» und die Scham, einen über Courbets Beziehung zur Schweiz sowie ein grosses Interview mit dem Kurator Ulf Küster, der in der Fondation Beyeler die Courbet-Ausstellung einrichtet.

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